06.04.2020 21:29 |

Lost in Isolation

Langsam zehrt es an Kräften und zerrt es an Nerven

Dreieinhalb Wochen sind wir nun schon zu Hause. Der Mann war dreimal zur Nahrungsbeschaffung und Großelternversorgung draußen, die Sprösslinge und ich haben uns einmal vor das Tor gewagt, um an unserer Mauer einen „Alles wird gut“-Regenbogen zu hinterlassen, als Zeichen für andere Kinder. Wenn sie vorbeispazieren, sollen sie sehen, dass auch hier Kinder wohnen, die daheimbleiben und die daran glauben, dass alles gut wird.

Auch ich glaube dran, dass irgendwann alles wieder seinen halbwegs gewohnten Gang gehen wird. Vielleicht etwas entschleunigter und bewusster. Oder besser: hoffentlich etwas entschleunigter und bewusster. Weniger „Ich muss“, mehr „Ich möchte“. Weniger selbstverständlich, mehr dankbar. Und weniger ständig am Anschlag, mehr in der eigenen Mitte. Aber ich muss gestehen, die bisherigen Wochen zehren an meinen Kräften und zerren teilweise auch an meinen Nerven. 

So schön es ist, die selbst gegründete Familie an einem Flecken Erde vereint zu haben, jede Minute des Tages zu wissen, dass es ihnen gut geht, zu spüren, dass man in dieser herausfordernden Zeit nicht allein ist, so deutlich sehe ich mich manchmal in einer kleinen Großstadtwohnung auf der Couch liegen. Nur ich, den Zugang zu den Streamingportalen in Händen, neben mir der Eisbecher, der große Löffel und die Zimmerpflanze. Und diese Pflanze ist nur da, sie ruft und fragt nicht Hunderte Male am Tag „Mama?“. Sie ist nur da und setzt langsam Staub an. Und es sind große Blätter, die diese Pflanze hat, die sind mit einem Wisch abgestaubt. Es ist kein Ficus, ganz klar kein Ficus.

Stattdessen haben wir die dritte Home-Schooling-Woche am Freitagabend um 20.45 Uhr beendet, den Spruch von Twitter im Hinterkopf: „Alle 11 Minuten trinkt ein Elternteil einen Schnaps. Wir homeschoolen jetzt.“

Der Schnaps wäre in meinem Fall eher zum Einreiben des Zeigefingers verwendet worden, auf dem die Einkerbung von der ungewohnten Benutzung der Schere sich deutlich abzeichnete. Ich habe dem Schulkind beim Basteln der verschiedenen Osterkarten, des Osternests, des Osterschafs und der - Sie erraten es schon - Oster-Klappkarte ein bisschen geholfen. Warum das? Es war Freitagabend, der Abgabetermin bereits verstrichen, der eigene Dienstbeginn in Sichtweite - und der wichtigste Grund: Ich glaube, die Sachen sind für das heurige Osterfest gedacht.

Außerdem wollte das Kindergartenkind mitmachen. Die Karte der Kleinen unterliegt aber keinem besonderen Zeitdruck. Die kann man im Spätherbst, genauer gesagt kurz vor dem 5. Dezember, noch genauso gut verschicken. Kramposterhasen sind bis dahin vielleicht sogar ein Trend, weil der Osterhase heuer ja Corona hat oder zumindest in seiner Freigiebigkeit etwas eingeschränkt sein wird. (Das könnten wir übrigens auch gleich beibehalten: Geschenke-Verzicht nicht nur in der Krise.)

Aber zurück zu den Kräften und Nerven, die es jetzt erst recht zu schonen gilt, denn es ist weiterhin Selbstisolations-Durchhalten angesagt, wenn auch mit schwachem Licht am Ende des Tunnels. Mein Vorhaben für die Karwoche ist, mehr zu dulden, was der Nachwuchs beim Selbstbeschäftigen entdeckt. Dass Ölkreiden-Hasen noch schöner glänzen, wenn man sie mit einer Schicht Kleber überzieht, zum Beispiel. Das muss mich nicht begeistern, aber sollte mich auch nicht ärgern. Ich hatte ohnehin nicht vor, das nun zu einer Statue gewordene Häschen zu vermalen. Also, was soll’s?

Dass aus Hosenbeinen, Ärmeln und Kapuzen am Ende des Tages kiloweise Sandkastensand herausrieselt und mir den Weg durchs Haus weist, sollte nichts mehr als ein schönes Zeichen dafür sein, wie gut es uns selbst in dieser Situation geht, auch wenn es bedeutet, dass mein neuer bester Freund, der Staubsauger, und ich ein weiteres Tänzchen wagen. Dass ich an manchen Abenden zum dritten Mal an dem Tag den Geschirrspüler einräume und mich das „Und stündlich grüßt das Quarantäne-Murmeltier“-Gefühl mehr und mehr überkommt, spiegelt nur wider, dass wir ausreichend versorgt sind. Oder eigentlich mehr als ausreichend: Wenn der Mann nicht nur für drei Tage vorgekocht, sondern auch ein neues Brot/Kuchen/Speckrezept ausprobiert hat, bekommt der Spruch „Und wie lange bist du schon in Quarantäne? - 10 Kilo“ grausam real sein hämisches Gesicht aufgedrückt.

Ja, Beruf und Familie für alle halbwegs zufriedenstellend unter einen Hut zu kriegen, ist schon in nicht so herausfordernden Zeiten eine Herausforderung. Da sind die Kinder aber in Schule und Kindergarten, und ist man an seinem Arbeitsplatz, wo man sich konzentriert seinen Aufgaben widmen kann. Das Beantworten von beruflichen E-Mails neben dem Home-Schooling kann beide Aufgaben auf Vormittag füllende Beschäftigung ausdehnen. Eine Video-Konferenz mit 14 Teilnehmern zu führen, während der Spross aus dem Off „Ich bin fertiiig!“ brüllt, ist eine erinnerungswürdige Erfahrung. Und ein Telefonat mit dem Chef, während man aus dem Augenwinkel wahrnimmt, dass ein Kind drauf und dran ist, kopfüber eine Wir-müssen-dann-mal-ins-Spital-düsen-Gefahrenquelle zu erforschen, kann schnell in ein Gespräch mit scheinbaren Tourette-Elementen ausarten.

Doch so schwierig alles zwischendurch auch erscheinen mag - es ist eine Chance, die sich uns in dieser Form niemals wieder bieten wird. Eine Chance auf ein wenig Innehalten, nicht nur daheim zu sein, weil gerade nichts Besseres am Programm steht, sondern bewusst zu Hause zu sein. Eine Chance, sich selbst und seine Liebsten neu kennenzulernen. Und was das derzeit noch nicht klar absehbare Ende dieses ungewöhnlichen Lebensabschnitts angeht, da halte ich mich seit diesem Wochenende an einen Freund, der sagte: „Ich sage mir einfach jeden Tag: Morgen ist ganz sicher schon Halbzeit. Mir hilft das.“

Oder man hält es wie Pinky und der Brain: „Was machen wir morgen, Brain?“ - „Dasselbe wie jeden Tag, Pinky: Wir bleiben zu Hause und verflachen die Kurve!“

Lost in isolation: Der Großteil unserer Redaktion befindet sich derzeit zu Hause und muss sich - wie alle im Land - in einem völlig neuen Alltag zurechtfinden. Die Herausforderung, Job, Familie und Privatleben unter einen Hut zu bringen, hat eine neue Dimension erreicht. Unsere Erfahrungen und Gedanken zu dieser neuen Realität wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten: krone.at lost in isolation. Alle Artikel unserer Serie finden Sie hier!

Heike Reinthaller-Rindler
Heike Reinthaller-Rindler
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