29.03.2020 18:30 |

Selbstversorger

„Genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort“

Die einen nennen es „Aussteigen“, die anderen glauben, dass es der einzig richtige Lebensstil ist. Die Rede ist von Selbstversorgern, die Unabhängigkeit als höchstes Gut betrachten. Wie Anna Loibner aus Tisis.

Die Coronakrise führt uns vor Augen, wie zerbrechlich unser System geworden ist. Die Abhängigkeit von anderen führt aktuell zu Lieferengpässen, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit. So absurd es klingt, aber die Jagd nach Klopapier spiegelt genau das wieder, wovor wir uns am meisten fürchten: Dass unsere Versorgung nicht mehr funktionieren könnte. Auch andere Konsumgüter werden gehamstert. Was gehamstert wird, hängt dabei von der Kultur ab: Die Amerikaner kaufen mehr Waffen, die Franzosen Rotwein und die Österreicher und die Deutschen offenbar Klopapier. Natürlich stehen auch Nahrungsmittel weit oben auf der Einkaufsliste. Denn die meisten von uns können sich nicht mehr selbst versorgen und sind abhängig davon, was es im Supermarkt zu kaufen gibt. Der Selbstversorgungsgrad in Vorarlberg bei Gemüse etwa liegt bei mageren sieben Prozent, bei Kartoffeln bei acht Prozent.

Für die Vorarlbergerin Anna Loibner nicht mehr vorstellbar. Die Vorarlbergerin hat einen anderen Weg eingeschlagen und lebt unter dem Motto „Zurück zur Natur“. Sie hat der Konsumgesellschaft abgeschworen und ist mit ihrem Lebensgefährten Christian und ihrer Tochter Lea nach Portugal gezogen, wo sie gemeinsam eine Permakultur-Landwirtschaft betreiben. „Wir haben Hühner, die uns Eier liefern, großzügige Gärten mit Gemüse und rund 100 Obstbäume. Ein großer Traum von uns ist es, nach unserem Ableben einen integrierten gut etablierten Wald, einen so genannten “Food Forest„ zu hinterlassen“, erzählt die diplomierte Betriebswirtin aus Tisis.

Permakultur statt Stress

Nach dem Abschluss ihres Studiums lebte sie zunächst bei ihrem Freund in Barcelona. Den gebürtigen Chilenen lernte sie bei einem Auslandssemester in Australien kennen. „Ich arbeitete für einen großen IT-Konzern. Der Job war mit enormem Stress verbunden.“ In dieser Zeit wurde Anna schwanger. „Nach siebeneinhalb Monaten hat mich meine Ärztin darauf aufmerksam gemacht, dass sich der Fötus nicht ,normal‘ entwickle und zu klein sei. Da wurde mir klar, dass sich mein Körper durch den Stress mehr darum gekümmert hatte, mich zu versorgen - und weniger das ungeborene Kind.“ Das war der Knackpunkt für Anna. Und so kam es zur Entscheidung, von nun an eine alternative Lebensweise einzuschlagen.

Die kleine Lea kam schließlich ganz „normal“ und gesund zur Welt. Der Plan zur Neuorientierung blieb. Anna und Christian stießen bei ihren Recherchen auf das Thema Permakultur. „Diese Lebensweise hat sich für uns richtig angefühlt“, blickt Anna zurück. „Der faszinierendste Teil war das Erlernen aller Fähigkeiten in Harmonie mit der Natur - der Gemüseanbau, das Errichten von Gebäuden aus Lehm, wir verfügen zudem über einen Solarofen und einen Biogas- Fermentierer, um Energie zu erzeugen und zu speichern. Auch eine Wasseraufbereitungsanlage steht zur Verfügung.“

Ein kleines integriertes Ökosystem zu gestalten, wovon alle profitieren, macht einfach sehr viel Sinn. Auf ihrer 16 Hektar großen Farm haben Anna und Christian mittlerweile das Feriendorf „Azula“ aufgebaut und bieten dort zahlreiche Kurse zum Thema Permakultur und zu natürlichem Hausbau an. Die Nachfrage ist groß. Anna fühlt sich mit ihrer Familie auch gerade jetzt am richtigen Ort. „Zu wissen, dass wir uns reichlich ernähren können, unabhängig davon, was auf den Märkten passiert, ist die beste Versicherung.“

Philipp Vondrak

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