14.03.2020 06:00 |

Chinesische Enklave

Am Schauplatz in Italiens Billigmode-Metropole

Die Stadt Prato, die größte chinesische Enklave der Kleiderherstellung, gilt als die Billigmode-Metropole Italiens. Die Produzenten der Dumping-Kleider dort sind großteils Chinesen. In der „Krone“ spricht eine Firmeninhaberin über das Coronavirus-Drama - und ihr Gewerbe.

Das Telefon klingelt lange, bis eine Frau mit heller Stimme den Hörer abhebt und sich mit dem Namen einer ihrer Firma meldet. Deutsch, erklärt sie, spreche sie nicht, aber ein bisschen Englisch. Und ja, es sei für sie „okay“, über Corona zu reden; über die Probleme, die ihr Land und ihr fragwürdiges Gewerbe dadurch bekommen haben.

Und dann übernahmen Chinesen die Betriebe
Die Frau, sie heißt Rong, ist 42 Jahre alt und stammt aus einem Dorf in Norden Chinas. „Vor 16 Jahren bin ich mit meinem Mann nach Italien ausgewandert.“ Verwandte der beiden hätten das schon davor getan, „sie sagten, dass das Leben hier besser wäre als bei uns zu Hause; dass wir hier gut bezahlte Jobs bekommen würden“.

Versprechungen waren „keine Luftblasen“
In der Modemetropole Prato - einer Stadt nahe Florenz in der Toskana, wo seit den 1980er-Jahren massenweise Billigkleidung produziert wird - bekam das Paar, „wir sind davor Erntehelfer gewesen“, schnell Arbeit als Näher. In einer Fabrik, die damals noch einem Italiener gehörte. „Er nützte uns nicht aus, von unserem Lohn konnten wir die Miete für eine kleine Wohnung bezahlen und uns sogar private Sprachkurse finanzieren“, erzählt Rong.

Aber mit der Zeit veränderte sich die wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Situation in der Region. Immer mehr Chinesen kamen dorthin, auch illegal - und waren damit bereit, für wenig Geld im Akkord zu schuften.

„Italiener haben irgendwann resigniert“
Bei Landsleuten, die nach und nach an der Peripherie neue Produktionsstätten gründeten oder - wegen des folgendem Preis-Dumpings - die Firmen der Einheimischen übernahmen: „Die Italiener haben nämlich irgendwann resigniert.“ Und die Industrie lief - mit noch höheren Gewinnen - weiter und weiter. Vorsichtigen Schätzungen zufolge leben mittlerweile 60.000 Chinesen in Prato und Umgebung, in der Stadt gibt es längst ein riesiges Viertel, in dem ausschließlich Asiaten wohnen.

„Mein Mann und ich fanden diese Entwicklung nicht positiv, mit unserem Ersparten schafften wir es, ein eigenes kleines Werk zu eröffnen“, so Rong. Wo freilich ebenfalls extrem günstige Kleidungsstücke hergestellt werden: „Das muss so sein, wegen der Konkurrenz.“ Denn Rongs Mitbewerber bieten den Händlern T-Shirts, Hosen, Röcke, Hemden und Blusen zu absurd niedrigen Preisen an.

Sklavenarbeit in den Fabriken
Wie das möglich ist? Die Pronto-Moda-Bosse halten ihre Arbeiter oft wie Sklaven, nach 16 Stunden an den Nähmaschinen schlafen die Bediensteten nebeneinander auf dem Boden - in den Betrieben. Frauen gebären dort, ohne Hilfe von Hebammen oder Ärzten, Babys. Essensrationen werden von den Chefs ausgeteilt, „den Komplizen der Schlepper“.

Dennoch: Tausende Chinesen arbeiten in Prato - angeblich auch - unter regulären Bedingungen: „Wie unsere 16 Angestellten.“ Rongs Betrieb sei „hauptsächlich auf die Produktion von Strandkleidern und Pashminas spezialisiert“, die in den Sommermonaten in Küstenorten, von Grado bis Ravenna, an Touristen verkauft werden.

„Die Italiener halten uns für schuldig“
Seit einer Woche ist die Firma des Ehepaars geschlossen: „Vier Mitarbeiter waren über das Neujahrsfest in China“, sie alle danach mit Corona infiziert - „und sie haben nach ihrer Rückkehr Kollegen angesteckt.“ Rong und ihre Familie sind bislang nicht erkrankt, „trotzdem, mein Mann, unsere zwei Kinder und ich werden nun in Prato beinahe wie Aussätzige behandelt. Weil die Italiener glauben, dass die Chinesen schuld wären am Ausbruch des Virus. Was vielleicht sogar stimmt. Aber keiner von uns wusste doch im Jänner von der Gefahr in unserem Heimatland.“

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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