01.03.2020 09:00 |

Interview mit W. Pupp

Ex-LKA-Chef: „Polizist ist man ein Leben lang“

Eine Ära ging zu Ende: Nach über 43 Jahren im Dienste der Polizei, davon 15 an der Spitze des Landeskriminalamtes Tirol, verabschiedete sich Walter Pupp (64) Ende Jänner in den wohlverdienten Ruhestand. Die „Krone“ besuchte den langjährigen LKA-Chef auf seinem Bauernhof in der Wildschönau – jenem Ort, an dem er während all seinen Mordermittlungen abschalten und stets frische Kraft schöpfen konnte. Nun beginnt für ihn ein neuer Lebensabschnitt, von Langeweile ist dabei keine Spur.

„Krone“:Herr Pupp, seit genau einem Monat sind Sie nun in Rente. Ist Ihnen schon einmal langweilig geworden?
Walter Pupp: Überhaupt nicht. Die gewohnte Tagesstruktur fiel plötzlich weg und man glaubt zunächst, Zeit ohne Ende zu haben. In Wahrheit ist es aber ganz anders. Wir betreiben seit 30 Jahren eine kleine Landwirtschaft mit zwei schottischen Hochlandrindern, Eseln, Schafen und neuerdings auch zwei Schweinen, die ich von meinen Arbeitskollegen geschenkt bekommen habe. Auch rund ums Haus gibt es genug Arbeit. Und ich kann Sachen erledigen, die sich aufgestaut haben. In meiner kleinen Werkstatt gibt’s auch stets was zum Basteln.

In Kössen tötete zuletzt ein 56-Jähriger seine Ehefrau – der erste Mordfall in Tirol seit Ihrer Pensionierung. Wie erfuhren Sie von dieser Tat und blutete Ihr Herz, weil Sie nicht ermitteln konnten?
Ich habe durch ein zufälliges Gespräch mit meiner Nachfolgerin (Katja Tersch, Anm.) davon erfahren. Es hat mich natürlich interessiert, was da war. Aber wenn man in Rente geht, ist man raus aus den Ermittlungen. Den Fall habe ich dann über die Medien weiterverfolgt.

Sieht sich ein erfahrener Kriminalist, wie Sie einer sind, Krimi-Serien im TV an?
Ich sehe mir gerne Sendungen an, in denen es um echte Kriminalfälle geht. Oft sind es ältere – und da sieht man dann erst, wie sich die Kriminalpolizei in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten entwickelt hat. Was früher unmöglich war, geht heute. Man denke etwa an die DNA-Analyse oder IT-Auswertung. Freilich: Heute machen diese Dinge alles leichter, sie bedeuten aber auch viel mehr Arbeit.

„Den Druck macht man sich zum Teil selbst“

Sie wurden von der Bevölkerung und auch polizeiintern als DER Kämpfer gegen die Kriminalität wahrgenommen. Wie hoch war der Druck?
Den Druck macht man sich zum Teil selbst. Man will einfach, dass ein Fall möglichst rasch geklärt ist – vor allem bei einem Mord. Auch hinsichtlich der Angehörigen. Und natürlich ist auch die Erwartungshaltung der Bevölkerung sehr groß.

Einen Mord aufzuklären, ist keine „One-Man-Show“. Wie viele „Heinzelmännchen“ ermittelten hinter Ihnen?
Der Großteil der Morde, die sich in Österreich ereignen, sind Beziehungstaten. Das heißt, der Täter ist im Umfeld des Opfers zu suchen. Das ist vom Ermittlungsaufwand nicht irrsinnig aufwendig. Wie es etwa in Kössen der Fall war, wo der Verdächtige noch am Tatort war. Das ist aber freilich nicht immer so. Generell gibt es beim LKA 19 Fachbereiche, von denen je nach Bedarf Experten zugezogen werden. Bei einem Mord kann es schon vorkommen, dass 50 oder sogar 60 Personen bei der Aufklärung mitwirken. Vor allem am Anfang gibt es eine Reihe von Informationen abzuklären, von denen sich oft viele als nicht relevant herausstellen. Das kostet wahnsinnig viel Energie.

Sie haben viel gesehen. Kann Sie noch etwas erschüttern oder schockieren?
Erschüttern ist der bessere Ausdruck als schockieren. Schock ist ein Zustand von Starre – und das wäre die falsche Reaktion. Als Ermittler muss man stets darauf achten, kühl und sachlich an die Geschichte heranzugehen und sich nicht von Trauer, Überforderung oder Schock leiten zu lassen. Das ist nicht immer einfach. Aber es gehört zum Job. Ein Unfallchirurg muss auch damit rechnen, dass er unschöne Sachen zu sehen bekommt. Genauso ist es bei der Polizei. Wer darunter leidet, muss es lassen.

„Im Endeffekt kamen wir einfach nicht weiter“

Welcher Kriminalfall bereitete Ihnen besonders Kopfzerbrechen?
Intensiv war der Mord an der französischen Studentin (Lucile K., Anm.) in Kufstein im Jänner 2014. Da haben wir jeden Stein umgedreht und alles versucht – im Endeffekt kamen wir aber nicht weiter. 2016 wurde dann in Baden-Württemberg eine Joggerin ermordet. Daraufhin nahmen wir mit den deutschen Kollegen Kontakt auf. Diese meinten aber, dass es keine Parallelen gibt. Letztlich haben wir sie doch überzeugt, uns anzuhören. Das Problem war, dass sowohl wir als auch die Deutschen eine unvollständige DNA-Spur hatten. Die Experten kamen dann aber zum Schluss, dass sich die Spuren zumindest nicht widersprechen. Am Ende hat es gepasst. Nach einem weiteren Hinweis konnte der Verdächtige gefasst werden.

Ihr spektakulärster Fall?
Von der Öffentlichkeitswirksamkeit her sicher der Fünffachmord in Kitzbühel, weil das außerhalb des normalen Kriminalgeschehens war. Sowohl was die Anzahl der Opfer anbelangt als auch die Begehungsweise - dass der Verdächtige nach der Tat zur Polizei geht und die Waffe auf den Tisch legt.

Haben Sie eine persönliche Aufklärungsquote?
Es gibt keine Polizei, die alle Straftaten klärt. In der Gesamtkriminalität lösen wir in Tirol mehr als 50 Prozent der Fälle. Tötungsdelikte klären wir fast alle - nur ein paar sind ungelöst. Aber Mord verjährt nicht. Da kann es sein, dass nach vielen Jahren ein entscheidender Hinweis eingeht.

„Eindrücke und Fragen nimmt man oft mit heim“

Welcher ungelöste Fall beschäftigt Sie am meisten?
Der Mord an einer niederösterreichischen Studentin 2005 beim Innsbrucker Rapoldipark. Sie wurde von einem Unbekannten erstochen. Wir haben alles versucht. Letztlich haben sogar Cold-Case-Ermittler des Bundeskriminalamtes den Fall übernommen. Der Akt liegt bis heute dort. Sollte sich wieder was ergeben, läuft der Fall wieder voll an.

Kann man als Mordermittler in der Freizeit abschalten?
Natürlich nimmt man die Eindrücke mit. Auch die unzähligen Fragen. Aber es ist nicht so, dass man an nichts anderes mehr denken kann. Das wäre fatal. Die Familie gibt einem Rückhalt. Und es ist gut, wenn man zu Hause andere Arbeiten zu erledigen hat, die einen ablenken.

Mit Ihrer Nachfolgerin Katja Tersch steht erstmals eine Frau an der Spitze eines LKA. Eine richtungsweisende Entscheidung?
Sie ist es nicht geworden, weil sie eine Frau ist, sondern weil sie fachlich bestens für den Job geeignet ist. Es ist ein gutes Signal. Sie ist keine Quoten- sondern eindeutig eine Leistungsfrau.

Welche Pläne haben Sie für die Pension, und werden Sie aufhören, Polizist zu sein?
Meine Frau und ich machen im Jahr immer ein, zwei größere Reisen. Jetzt werden es vielleicht mehr - hoffe ich. Außerdem wohne ich in einer Region, wo ich im Sommer Mountainbiken und im Winter Tourengehen oder Skifahren gehen kann. Mein Tag ist ausgefüllt - meine Landwirtschaft und Werkstatt habe ich ja auch noch. Zur letzten Frage: Polizist ist eine Anstellung auf Lebenszeit. Ermitteln werde ich aber nicht mehr. Meinen Kollegen, bei denen ich mich auf diesem Wege noch bedanken möchte, bleibe ich natürlich verbunden.

Hubert Rauth
Hubert Rauth
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