07.02.2020 16:30 |

Brexit - was jetzt?

„EU braucht erst eine Krise, bevor etwas passiert“

Bei „Moment mal“ greifen wir aus der Informationsflut jede Woche ein spannendes Thema heraus und diskutieren das - tiefgehend, konstruktiv und ganz ohne Streiterei. Diese Woche stellen wir uns die Frage: Was macht der Brexit mit dem Rest der Welt? Zu Gast sind Professor Melanie Sully, die britische Politologin und Direktorin des Instituts Go-Governance, sowie Professor Harald Oberhofer, Volkswirt an der Wirtschaftsuniversität Wien und am WIFO. 

Selbst Politikwissenschaftlerin Melanie Sully muss zugeben: „Ich habe auch nicht gedacht, dass es so lange dauern würde.“ Zweieinhalb Jahre Hin und Her hat es nach dem Referendum gebraucht, bis Großbritannien am 31. Jänner 2020 endlich die Europäische Union verlassen konnte. In der Zeit hat sich die britische Bevölkerung zunehmend gespalten, erklärt Sully: „Man hat die Polarisierung im Land unterschätzt.“

Zwei Premierminister sind am Projekt gescheitert, David Cameron und Theresa May. Dann kam Boris Johnson - und hatte Erfolg. Aber warum eigentlich gerade er? Sully erklärt: „May war ziemlich hoffnungslos. Sie hat schon so ängstlich ausgeschaut, dass man selber fast in Panik geraten ist. Johnson kam mit diesem Optimismus, und man hat gemerkt, er ist fest entschlossen, das zu tun, ganz egal was es kostet.“

Und was hat das alles mit uns zu tun? Wirtschaftlich wenig, erklärt Harald Oberhofer. Die britische Wirtschaft habe zwar unter der Unsicherheit gelitten, aber das Vereinigte Königreich sei für Österreich immerhin nur der neuntwichtigste Exportmarkt, so Oberhofer, und es sei davon auszugehen, dass für die österreichische Wirtschaft auch in Zukunft kaum spürbare Effekte zu erwarten seien. Doch damit sei die Sache mit dem Brexit noch lange nicht gegessen: „Bis jetzt hat man erst die Scheidung geregelt, nicht die Nachfolgeregelung geklärt“, so Oberhofer, und das sei wahrscheinlich noch einmal komplizierter.

Zu einem Kompromiss zwischen der EU und Großbritannien, der die Handelsbeziehungen, das Reisen und sonstige offene Fragen regelt, kann es durchaus kommen, sind sich die Experten einig - aber sicher nicht bis Jahresende. „Das ist vom Zeitrahmen her eigentlich auszuschließen“, sagt Oberhofer. Sully fügt hinzu: „Der Brexit ist wahrscheinlich ein Jahrzehntprozess.“ Am Ende dieser „Übergangsphase“, die bis 2021 andauern soll, werde wohl weiterverhandelt, aber eben „unter einem anderen kreativen Namen, damit alle zufrieden sind“.

Ob der Brexit wohl letztendlich das Vereinigte Königreich spaltet? Schließlich hat Schottland bereits wieder ein Unabhängigkeitsreferendum verlangt. Auch hier sind sich die Experten einig: Es sei zu früh, um das zu sagen.

Damita Pressl
Damita Pressl
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