03.12.2019 12:00 |

Große Umfrage

Von der Bevölkerung Lob und Tadel für Tourismus

Wie steht die Bevölkerung zum Tourismus? Dieser Frage geht eine neue Studie nach. Die Bedeutung der Branche bestreitet keiner - aber zu Verkehr, Naturschutz und Arbeitsumfeld gibt es Kritik!

Der Streit um die Gletscher-Ehe und der Kampf gegen das wachsende Verkehrsproblem sind aktuell die eindrücklichsten Bilder, die das Auseinanderdriften von Tourismusbranche und dem Rest der Bevölkerung veranschaulichen. Aber wie steht es wirklich um die Einstellung der Tiroler? Dieser Frage gingen Hubert Siller und Theresa Mitterer-Leitner vom Tourismuszweig des Management Center Innsbruck (MCI) nach. Seit der letzten Befragung sind 22 Jahre vergangen und die Zahl der Nächtigungen ist von 38 auf 50 Millionen gestiegen.

1500 umfangreiche Telefoninterviews wurden geführt. Mit Bewohnern von Tourismushochburgen ebenso wie mit Tirolern in Gemeinden, die wenig mit dieser Branche zu tun haben. Die Ergebnisse sind teilweise überraschend. Sie zeigen vor allem aber, dass die Bevölkerung sehr wohl Licht und Schatten der Branche deutlich sieht und Grenzen für das Wachstum will.

Wirtschaftliche Bedeutung unbestritten
 „98 Prozent der Befragten schätzen die wirtschaftliche Bedeutung und den Stellenwert des Tourismus in Tirol als hoch ein“, formuliert Hubert Siller eine zentrale Aussage der Studie.

Nur wenige sehen ein positives Image
Als Arbeitgeber wird der Branche von 92 Prozent der Befragten große Bedeutung beigemessen. Als attraktiven Arbeitgeber sehen ihn weit weniger - 67 Prozent. Was aber zu denken gibt: Nur 35 Prozent der Befragten verbinden mit der Branche ein positives Image. Mario Gerber, Fachgruppenobmann in der Wirtschaftskammer Tirol, räumt ein, dass Fehler gemacht wurden: „In der Vergangenheit wurde einiges Porzellan zerschlagen und das Image ist ramponiert.“

Zähes Ringen um Arbeitskräfte
Die Folge: Heimische Betriebe finden keine heimischen Arbeitskräfte. Doch diese - das beweist jede Gästebefragung - sind wichtig für ein authentisches Bild des Tourismus. Aber auch Kräfte aus dem Ausland sind immer schwerer zu bekommen, weil auch andere Branchen und Länder heftig um Mitarbeiter buhlen. Rund 55.000 Menschen arbeiten im Tiroler Tourismus, die Hälfte davon ist aus Österreich. Der Bedarf ist seit 2001 um 68 Prozent gestiegen. Auch das sei, so Gerber, Mitgrund für den chronischen Arbeitskräfte-Mangel. Der Fachgruppenobmann verweist aber auf eine neue Generation Touristiker, die Qualität auch für die Mitarbeiter im Fokus haben.

Touristische Infrastruktur wird geschätzt
Die Tiroler schätzen die Infrastruktur des Tourismus. 82 Prozent glauben, dass es ohne die Branche wichtige Einrichtungen wie Schwimmbäder, Seilbahnen, Nahversorger nicht geben würde. Siller: „67 Prozent schreiben der Branche positive Auswirkungen auf die Lebensqualität zu.“ 12 Prozent sehen das jedoch ganz und gar nicht so.

Verkehr und Naturschutz als Problemfelder
 Die zentralen Problemfelder orten die Befragten bei Verkehr und Naturschutz. 73 Prozent geben an, dass der durch Gäste verursachte Verkehr die Lebensqualität beeinträchtigt. Siller: „Im Inntal sind es sogar 81 Prozent.“ Bereits bei der letzten Befragung vor 22 Jahren sahen sich 66 Prozent durch den Verkehr gestört. Nur dann bauen, wenn behutsam und landschaftsschonend vorgegangen wird - das können 71 Prozent der Befragten unterschreiben. Weniger Verkehr, mehr Naturschutz - das soll nun im „Tiroler Weg“ verankert werden. Diese Tourismusstrategie wird alle paar Jahre angepasst. Nun ist es wieder so weit. „Qualität vor Quantität. Kampf gegen illegale Natureingriffe und eine klimafreundliche Mobilität. Das werden Schwerpunkte in den kommenden Jahren sein“, verspricht LH Günther Platter.

Anreise per Bahn nimmt langsam Fahrt auf
Die Anpassung ist überfällig - das ist allen bewusst. Einfach wird die Kurskorrektur aber nicht. Am Beispiel Anreise wird das deutlich. Auf den Nahmärkten ist und bleibt das Auto das Verkehrsmittel der Wahl. Erste Erfolge gibt es beim Thema Bahn. „Wir werden bis 2021 den Anteil der Bahnreisenden von fünf auf zehn Prozent verdoppeln“, berichtet Florian Phleps, Chef der Tirol Werbung. Bei Gästen aus Mitteldeutschland betrage der Anteil bereits 22 Prozent.

Wie soll es weitergehen?
Die Studie zeigt deutlich auf, dass die Tiroler die Grenzen des Ausbaus erreicht sehen. 74 Prozent sind der Meinung, dass das Land nicht noch mehr Gäste verträgt. 18 Prozent plädieren sogar für eine Reduktion (Anm: Derzeit kommen im Jahr 12,5 Millionen Urlauber nach Tirol). Immerhin 15 Prozent fühlen sich von Urlaubern in ihrem Alltag gestört. Nachhaltigkeit lautet das wichtigste Schlagwort, das die Bevölkerung in der Weiterentwicklung der Branche als oberstes Ziel formuliert haben möchte. Die Bevölkerung will mehr Nachhaltigkeit. Was heißt das für die Gletscher-Ehe? Der Landeshauptmann will sich nicht festlegen: „Das Verfahren läuft, die Behörden sind am Zug.“

Claudia Thurner
Claudia Thurner
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