23.11.2019 13:44 |

krone.tv-Reportage

Wenn die Kälte kommt: Obdachlos in Österreich

Sie schlafen in Zelten, bauen sich Höhlen im Wald oder leben im Gebüsch - und das auch, wenn der Winter im Anmarsch ist. 2017 waren in ganz Österreich 21.567 Wohnungslose gemeldet. krone.tv auf Streifzug durch Hotspots, Hilfseinrichtungen und das nächtliche Wien.

Obdachlosigkeit ist wie Alkoholismus - nur wenige kommen los davon. Und die Grenzen zur Armut sind fließend. Für das Sozialunternehmen „Supertramps“ kehrt ein ehemaliger Obdachloser heute zu den Stationen seines früheren Lebens zurück. Wir treffen Michi H. in Meidling, beim Start seiner Tour. Der Verein „Supertramps“ engagiert Ex-Obdachlose, die ihre persönlichen Lebensgeschichten mit individuellen Stadtrundgängen in verschiedenen Grätzln Wiens erzählen. Der 47-Jährige begrüßt diesmal eine Architekturklasse: „Ich hoffe, es ist okay, wenn wir per du sind. Da tu ich mir leichter.“

Von der Business Class zur Notschlafstelle
Seine „Reise“ führt vom Sozialamt ins „VinziRast-Corti Haus“. Eine wichtige Anlaufstelle für Betroffene, vor allem im Winter. Michi zeigt das Bett mit der Nummer 17, in dem er früher Unterschlupf gefunden hat, spaziert mit der Gruppe durch den Park und zeigt stolz seinen mit Visastempeln gefüllten Reisepass von früher her. Egal, wie weit man es einmal geschafft hatte: Obdachlosigkeit kann jedem passieren.

Heute geht es Michi besser als davor. Er ist überzeugt: Die harte Zeit „war Schicksal“, hat seinen neuen Job und das heutige Engagement erst ermöglicht. Nun ist er glücklich.

Ihr „Wohnzimmer“ war der Praterstern
Seine Kollegin Renate hat seit den 1980ern jahrelang auf der Straße gelebt. Ihr damaliges „Wohnzimmer“: der Praterstern. Das auch im Winter. Sie kennt den Kampf gegen die Minusgrade nur zu gut. „Viele unterschätzen die Kälte. Alkohol verschlimmert alles noch.“ Wenn sie heute in ihrem geheizten Zimmer sitzt und ihr leicht kalt ist, muss sie an früher denken - damals, als ihr im Winter eine leichte Jacke gereicht hat: „Man gewöhnt sich an beides“, sagt sie und lächelt.

30 Anrufe täglich am Kältetelefon
Es ist Abend. Die „Gruft“ ist eine von der Caritas betriebene Einrichtung für Obdachlose.
Susanne Peter ist hier leitende Sozialarbeiterin, ein Urgestein. Rund 30 Anrufe täglich gehen beim Caritas-Kältetelefon ein. Susanne geht den Meldungen nach, wir begleiten sie und eine Kollegin.

Ein voll beladener weißer Transporter startet los. Das Navi zeigt eine „Straße ohne Namen“ an.

Die Frau in der Hängematte will keine Hilfe
Völlige Dunkelheit, nur mit zwei Taschenlampen kann man etwas von der Umgebung erkennen.
Zwischen zwei bestimmten Kilometer-Abschnitten und der Donau treffen wir dann auf eine Frau in einer Hängematte. Hilfe will sie keine. „Sie hat alles abgelehnt. Vielleicht hat sie in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit Sozialarbeitern gemacht“ - Susanne Peter nimmt es ihr nicht übel.

„Hallo? Jemand zu Hause?“
Das Vertrauen der Menschen - „Klienten“, wie die 49-Jährige sie ab und an nennt - „muss man sich erarbeiten“, erzählt sie. Sie leuchtet sich zu einem Schlafplatz, der immer wieder gemeldet wird: „Hallo? Jemand zu Hause?“ Lange Stille. Ungewissheit baut sich auf. Susanne entscheidet sich, in den Schlafsack zu leuchten. Glücklicherweise ist er leer. „Hier kommen wir später noch einmal her.“

Manchmal kommt leider jede Hilfe zu spät. „Letztes Jahr, im Esterhazypark, ist jemand erfroren.“ Dann treffen wir Toni. Er lebt in drei Zelten, meint, hier hat er alles, was er braucht. „Mir haben sie heute Kleidung im Wert von über 100 Euro gestohlen, als sie trocknete.“ Wir fragen, ob es nicht genug Einrichtungen gibt. „Ja, das stimmt.“ Er selbst habe es in Notschlafquartieren aber nie ausgehalten: „Alles war dreckig. Ich hab dann angefangen, vier bis fünf Stunden am Tag zu putzen. Darauf hat keiner geachtet, das Putzpersonal war auch demotiviert.“

Er fühlt sich wohl im Zelt
Toni trägt ein faltenloses Polo, sein Auftreten wirkt äußerst gepflegt. Zum Schluss schenkt er Susanne Peter und ihrer Kollegin drei Stück neue Isomatten, sein Styropor isoliere besser, sagt er. Man kennt sich bereits. Dies ist das dritte Treffen. Die Caritas unterstützt Toni bei seiner Wohnungssuche: „Ich glaube, wir haben gute Chancen.“

„Dankeschön, Caritas“
Die Meldungen sind abgearbeitet, es geht zurück ins Zentrum. Am Praterstern trifft das Team auf die Arbeitskollegen vom Suppenbus. Ein Herr aus Polen kommt direkt auf unsere Kamera zu. „Dankeschön, Caritas“, sagt er und nimmt einen Schluck der Broccoli-Cremesuppe.

Ein Mann bittet die beiden schließlich um Hilfe. Mit einem Dolmetscher will ihn die Caritas überreden, in der Notschlafstelle zu nächtigen. Doch der Slowake muss dann ab 6 Uhr in der Früh raus. In Hernals hingegen gibt es die Möglichkeit für ein Zimmer auf Dauer. Das geht aber erst morgen. Noch eine Nacht ohne ein warmes Bett…

Alexander Bischofberger-Mahr
Alexander Bischofberger-Mahr
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