09.11.2019 07:00 |

Live im Gasometer

Amon Amarth: Brachial, unnachgiebig, erfolgreich

Amon Amarth gehören schon seit geraumer Zeit zu den größten Metal-Bands und haben sich längst auch ihre Schiene im Mainstream freigegraben. Vor dem Konzert im Wiener Gasometer sprach Gitarrist und Songwriter Olavi Mikkonen mit uns über die Entwicklung der Band, notwendige Veränderungen und warum seine Arbeitsweise jener von AC/DC ähnelt.

Harte Riffs, Doublebass-Drumsalven und die bärbeißige Stimme des blonden Fronthünen Johann Hegg - die Schweden von Amon Amarth haben es in den letzten Jahren wie keine zweite Band geschafft, mit dem Nischengenre Death Metal tief in den Mainstream vorzudringen. Die Mischung aus martialischem Gebaren, durchdachten Texten über Wikinger und das Dasein in heidnischen Welten, sowie der harschen, aber stets melodischen Instrumentierung haben sich längst auch in jenen Ohren festgesetzt, die ansonsten eher wenig Berührungspunkte mit derartiger Musik haben. Zum großen Erfolg der seit 1992 tätigen Stockholmer gehören neben viel Talent, dem richtigen Timing und etwas Glück aber auch kleine, richtig gedrehte Stellschrauben. Etwa, dass man den einst brachialen Sound stark gen Mid-Tempo entwickelt hat, man Heggs Stimme trotz tiefem Gegrowle ganz gut versteht und man - dem gestiegenen Budget sei Dank - auf den größeren Festivalbühnen richtiggehende Schlachten mit Schiffen und Kriegern inszenieren kann.

Kein Luxus
Das 2016er Werk „Jomsviking“ beförderte das Quintett vor drei Jahren in Deutschland und Österreich gar auf Platz eins der Charts, mit dem diesen Frühling folgenden „Berserker“ konnte dieser Überraschungserfolg fast 1:1 reproduziert werden. Das Kuriose dabei - in den deutschsprachigen und auch sehr Metal-lastigen Gefilden feiern Amon Amarth kommerziell größere Erfolge als in ihrer schwedischen Heimat. „Wir haben daheim eine tolle und treue Fanbase, aber hier sieht man erst, wie groß das Metalgenre eigentlich ist“, erklärt der gar nicht wortkarge Gitarrist Olavi Mikkonen im „Krone“-Interview, „wir können den Leuten nur dafür danken, dass sie uns in den Charts nach vorne pushen.“ Beharrlichkeit ist ein wichtiges Wort im Amon-Amarth-Kosmos, denn viele Jahre lang mussten die Musiker Entbehrungen auf sich nehmen. „Wir haben jeden einzelnen Urlaubstag für die Band aufgebraucht und waren oft enttäuscht, dass wir nicht mehr touren konnten. Mit ,With Oden On Our Side‘ 2006, das immerhin schon unser sechstes Album war, ging es aber plötzlich bergauf und wir setzten alles auf eine Karte. Wir leben aber auch heute nicht im Luxus, denn die Zeiten, wo du in der Musik viel verdient hast, sind lange vorbei.“

Gerade weil der Band in den letzten Jahren Redundanz und ein zu starkes Schielen auf kompositorische Sicherheit attestiert wurde, hat sie auf „Berserker“ mehr experimentiert als in den Jahren zuvor. Die Texte drehen sich nicht mehr ausschließlich um die nordische Mythologie, sondern verknüpfen metaphernreich zeitgemäße Themen wie etwa Depressionen („Into The Dark“) oder die Mühen des Tourlebens im Alltag („Valkyrja“) - natürlich stets mit dem thematischen Grundstamm der alten Tage verknüpft. „Wir denken beim Songwriting nicht aktiv an solche Dinge, auch wenn man uns das immer vorwirft“, lacht der Gitarrist, „wenn das Feeling passt, dann tun wir es einfach.“ Auch musikalisch hat sich die Band sanft aber doch in neue Fahrwasser gewagt. „Das ist bei uns immer ganz speziell. Meist komme ich mit den verrücktesten Ideen an, die dann von den Jungs abgelehnt werden. Jahre später ist die Zeit aber oft reif dafür und wir setzen sie doch um.“

Zart nuancierte Veränderungen
Eine Partyhymne wie „Raise Your Horns“ auf „Jomsviking“ oder das klar im traditionellen Heavy Metal verortete „Mjölnir, Hammer Of Thor“ auf dem aktuellen Werk wären noch vor wenigen Jahren schwer vorstellbar gewesen. Obwohl die Fanmassen von Album zu Album wachsen, gibt es natürlich auch Kritiker, die die eher weichere und massentaugliche Ausrichtung der Band nicht mehr mittragen wollen. Mikkonen ist sich dessen durchaus bewusst: „Ich muss dir ehrlich sagen, dass ich gar keine so großen Unterschiede zwischen den alten und neuen Songs sehe. Der Sound ist heute natürlich besser, aber wie ich meine Riffs spiele, das unterscheidet sich nicht eklatant von früher. Der Song ,Legend Of A Banished Man‘ ist mittlerweile 20 Jahre alt, aber wir spielen ihn hier und da immer noch. Er ist ein Beweis für eine gute Unterlage, von der aus wir uns entwickelten.“ Amon-Amarth-Songs werden prinzipiell in melancholischen Moll-Tönen geschrieben, was der Band diesen besonderen, einzigartigen Sound verleiht.

Nicht umsonst bezeichnet Mikkonen AC/DC als eine seiner größten Idole, denn seine Arbeitsweise ist jener des verstorbenen Rhythmusgitarristen Malcolm Young gar nicht so unähnlich. „Der Song ,When Once Again We Can Set Our Sails‘ beinhaltet ein Riff, das ich eigentlich schon 2011 geschrieben habe, als wir in Glasgow spielten. Das weiß ich noch genau. Nach verdammten acht Jahren waren wir erst bereit, es auch wirklich auf einem Album zu präsentieren. Das kann natürlich auch künftig noch passieren, denn ich bastle permanent an Songspuren und neuen Ideen, aber manchmal bin ich meiner Zeit einfach voraus.“ Mittlerweile gehen die harten Arbeiter, die noch bis vor 13 Jahren als LKW-Fahrer oder Außenhandelsvertreter tätig waren, stramm auf den 50er zu und spüren das manchmal auch mehr als sie wollen. „Wir alle befinden uns einerseits in Ehen oder Beziehungen, haben teilweise auch Familie und sind andererseits wirklich extrem oft auf Tour. Das physische Touren wird durch die tollen Busse und mehr Budget leichter, das psychische aber nicht.“

Neue Besen kehren gut
Zudem haben Amon Amarth vor knapp drei Jahren ihren einzigen Besetzungswechsel seit Ende der 90er-Jahre über die Bühne gebracht und Langzeit-Drummer Fredrik Andersson durch Jocke Wallgren ersetzt. Ein harter, aber notwendiger Schritt, der einen der ganz wenigen Risse in das heile Bandgefüge kerbte. „Es war einfach zunehmend schwierig mit Fredrik Songs auszuarbeiten. Ich will ihn im Nachhinein nicht schlecht dastehen lassen, aber der Spirit in der Band ist so gut wie nie zuvor. Jocke ist ein richtiges Arbeitstier, das auf Tour für gute Laune sorgt und beim Songschreiben oft auch noch in letzter Minute mit einer tollen Idee um die Ecke kommt. Wenn man gut miteinander auskommt und die Dinge einfach laufen, dann wird auch die Arbeit besser. Das hört man bei uns auf den letzten Alben durchaus heraus.“

Im Zuge ihrer „Berserker“-Tour kommen Amon Amarth am 14. November für ein Österreich-Konzert in den Wiener Gasometer und haben auch hochkarätige Freunde und Wegbegleiter aus ihrer Heimat mit an Bord. Arch Enemy und Hypocrisy werden den Abend tatkräftig verstärken. Restkarten gibt es noch auf www.oeticket.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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