01.11.2019 07:49 |

krone.tv-Reportage

Grant und Gratis-Tschick: Raucher nehmen Abschied

In der Gruselnacht des 31. Oktober, punkt null Uhr, ist in Österreich das Rauchverbot in Kraft getreten. krone.tv begleitete den Countdown in Wien und fand erboste und unbelehrbare Raucher, verzweifelte und spitzfindige Wirte und eine Abschiedsparty. „All you can smoke“ - solange der Vorrat reichte.

Im kleinen Café Ini trifft sich täglich eine verschworene Gemeinschaft. Susi Ruso-Ini (54) hat das Lokal vor zwei Jahren übernommen. Ihre Stammgäste sind - genau wie die Chefin - leidenschaftliche Raucher. Dementsprechend aufgeheizt ist die Stimmung zwei Tage vor Inkrafttreten des Rauchverbots. Besonders Politiker werden zur Zielscheibe des Frustes. Spitznamen sind in dem Floridsdorfer Lokal gang und gäbe: Ex-Stadträtin Maria Vassilakou (Grüne) wird „Vaseline“ genannt, der Bundespräsident „Wau-Wau-Bellen“.

Ein Stammgast findet harte Worte für das rauchende Staatsoberhaupt: „Selber raucht der Bundespräsident in seinem Kammerl drin.“ „A eigenes Raucherkammerl“, wiederholt die Chefin. „Ich kann nichts verbieten und selber machen. Das ist ein Widerspruch!“ Besitzerin Susi lässt ihrem Frust freien Lauf: „Lasst uns noch ein bissl leben. Weil wenn ich heute zusperren muss, stehe ich da und bin arbeitslos.“

Gesetz ist trotzdem vage
Optimistischer ist man im Restaurant Napoleon in der Donaustadt. Dort haben die Besitzer vor einem Jahr mehrere Tausend Euro in eine Raucherzone im Gastgarten investiert. Aber die Ausnahme für Freiflächen ist im Gesetz so vage definiert, dass nicht einmal sicher ist, ob der Neubau so auch genehmigt wird. „Es war natürlich ein Aufwand, der beträchtlich war - dafür, dass man nicht weiß, ob das so bleibt“, führt Brigitte Kuntschke (44), Assistentin der Geschäftsführung, aus.

10.000 Menschen bald arbeitslos?
In der Titan Lounge treffen wir am Donnerstag Jakob Baran. Er ist nicht nur Inhaber dieser Shisha-Bar, sondern auch Obmann aller Shisha-Bar-Betreiber in Österreich. Um eine Ausnahmeregelung zu erwirken, wie in vielen anderen EU-Ländern, engagierte die Vereinigung einen Star-Anwalt. Happy-End nicht ausgeschlossen. „Allerdings drängt die Zeit. Wir hoffen auf eine Lösung bis März, das Prekäre an der Situation ist, dass die Betreiber bis dahin gar nicht überleben. Finanziell.“ Baran spricht von 10.000 Arbeitsplätzen, die so verloren gehen würden.

Solidarität im Hawelka
Das Traditionscafé Hawelka im ersten Bezirk ist schon seit Juni 2012 komplett rauchfrei. Vorbei die Zeiten, in denen man sich hier zu Melange, Buchteln und Tschick traf, vor lauter Rauch nichts mehr sehen konnte. Trotzdem ist Günther Hawelka, fast 80, der Meinung: „Man sollte schon im Café rauchen können.“ Er führt das Haus gemeinsam mit seinen beiden Enkelsöhnen. Der Nichtraucher erzählt: „Mein Vater wurde 101 und hat sein ganzes Leben im Passivrauch dieses Cafés verbracht.“ Herr Hawelka solidarisiert sich mit kleinen Lokalen, die jetzt ohne rauchende Kundschaft auskommen müssen: „Es ist eigentlich eine Sünde, dass man sie in den Ruin treibt.“

Abschiedszigarette für alle
Mittlerweile sind es nur noch wenige Stunden, bis Kontrolleure die Einhaltung des neuen Gesetzes überprüfen und gegebenenfalls Strafen verhängen werden. Im Rüdigerhof startet eine bizarre, aber feierliche Abschiedsparty mit dem restlichen Lagerbestand aller Zigarettenstangen, die der Chef gratis an alle Gäste verteilen lässt. „Haben Sie bis Mitternacht eh genug Zigaretten parat?“, fragen wir Herrn Halper? „Es wird auf jeden Fall bis Mitternacht reichen.“

Halper war sowieso kein Fan von Zickzack-Lösungen: „Das hat absolut keinen Sinn gemacht. In einem Lokal hat man rauchen können, im anderen nicht.“ Nun sei es wenigstens einheitlich und fair. „Warum sollte es bei uns nicht funktionieren, wenn es überall anders auf der Welt funktioniert?“ Der DJ fängt mit der Musik an. Er spielt „Rauchen“ von Kurt Razelli. Wie passend. Gleichzeitig serviert die Kellnerin Zigaretten in Glasschüsseln, das Partyvolk ist begeistert.

881.569 Menschen haben das Volksbegehren zum Nichtraucherschutz unterschrieben, 14.000 Österreicher sterben jährlich an den Folgen des Rauchens. An diesem Abend will man davon aber nichts wissen.

Alexander Bischofberger-Mahr
Alexander Bischofberger-Mahr
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