02.11.2019 16:05 |

Neue Verbündete

Der IS überlebt auch Baghdadis „Märtyrertod“

Der „Kalif“ ist tot, aber seine Ideologie lebt weiter. So könnte man den aktuellen Status der Terrormiliz Islamischer Staat kurz umschreiben. Denn auch wenn der IS in Syrien (siehe Grafik oben) und im Irak praktisch kein Herrschaftsgebiet mehr für sich beanspruchen kann, bleiben die beiden Staaten ein fruchtbarer Boden für einen Wiederaufstieg der Dschihadisten. Zudem ist das Schicksal Tausender IS-Kämpfer und ihrer Familien, die in überfüllten kurdischen Gefängnissen in Nordsyrien sitzen, nach wie vor ungewiss. In den sozialen Netzwerken drohen die Islamisten bereits mit Vergeltungsschlägen für den „Märtyrertod“ Abu Bakr al-Bahgdadis. Es gibt auch bereits Hinweise auf neue Verbündete des IS.

Es ist mit Sicherheit ein schwerer Schlag, den der IS mit dem Tod von Abu Bakr al-Baghdadi erlitten hat. Der 1971 im Irak Geborene ermöglichte dem IS einen Aufstieg, den vor einigen Jahren selbst Experten kaum erwartet hätten. Als er 2010 an die Spitze der Terrormiliz rückte, schien diese eigentlich besiegt. Stattdessen überrannten Baghdadis Truppen vier Jahre später große Teile des Irak und Syriens.

„Kalif“ herrschte über zwölf Millionen Menschen
Er selbst ernannte sich zum „Kalifen“. Und stand damit auf einer Stufe mit dem früheren Al-Kaida-Chef Osama bin Laden. Am Höhepunkt seiner Herrschaft verfügte Baghdadis „Kalifat“ im Irak und in Syrien über ein Territorium, das etwa der Fläche Großbritanniens entspricht. Dort kontrollierte er rund zwölf Millionen Menschen.

Baghdadi war für radikale Muslime die Symbolfigur im Kampf gegen „Ungläubige“, „Abtrünnige“ und eine westliche Welt, die sie als verkommen ansehen. Über Jahre lockte seine Ideologie weltweit Zehntausende junge Muslime in die Fänge des Extremismus. Unter seiner Führung entstanden in Afrika und Asien neue IS-Ableger, die Baghdadi die Treue schworen. Er war - zumindest nach außen hin - die unumstrittene Führungsfigur, die dieses Netzwerk zusammenhielt. Zu seinem Nachfolger wurde am Donnerstag Abi Ibrahim Al-Hashimi Al-Qurashi bestimmt, wie es in einer IS-Audiobotschaft hieß. Er dürfte kaum dieselbe Strahlkraft und Autorität erlangen wie der „Kalif“.

Die neuesten Militäroperationen haben die Terrormiliz doppelt schwer getroffen, weil mit IS-Sprecher Abu Hassan al-Muhajir auch eine zweite prominente Führungsfigur getötet worden sein soll. Er war die Stimme des IS, die dem Westen in wütenden Audiobotschaften mit „Seen aus Blut“ drohte, in denen er nun offenbar selbst ertrank.

Video: Baghdadis Versteck - nur noch ein Trümmerfeld

Warum hielt sich Baghdadi in Feindesgebiet auf?
Auch wenn zahlreiche Terrorismusexperten nun von Machtkämpfen innerhalb des IS zwischen tunesischen, irakischen und saudischen Fraktionen sprechen, könnten viele von ihnen eine Entwicklung übersehen, die eher ein Rückschlag für die Anti-IS-Allianz sein könnte als für die Dschihadisten selbst. Fachleute rätseln nämlich darüber, was der Ort zu bedeuten hat, an dem Baghdadi getötet wurde. Einer der meistgesuchten Terroristen der Welt starb in dem Dorf Barischa im Nordwesten Syriens unweit der türkischen Grenze.

Baghdadi soll dort in dem Haus eines Anführers der Extremistengruppe Hurras al-Din untergekommen sein - die zum Terrornetzwerk Al-Kaida gehört, das trotz ähnlicher dschihadistischer Ideologie mit dem IS eigentlich tief verfeindet ist. Erst Wochen vor der US-Geheimoperation sollen Hurras-al-Din-Kämpfer Männer exekutiert haben, die verdächtigt wurden, dem IS anzugehören. Möglicherweise sei Baghdadi in dieser Region gewesen, weil es eine Annäherung der Gegner gegeben habe, mutmaßt der Terrorexperte Charles Lister auf Twitter. In Medienberichten ist auch von Rechnungen die Rede, die belegen sollen, dass der IS für den Schutz durch Hurras al-Din bezahlt hat.

Begraben Al-Kaida und IS das Kriegsbeil?
Häufiger war in der Vergangenheit über einen Zusammenschluss von IS und Al-Kaida oder zumindest eine Kooperation spekuliert worden. Baghdadis Tod könnte ein „Wendepunkt“ im Verhältnis der beiden Organisationen sein, glaubt das Militärforschungsinstitut ISW. Sein Nachfolger könnte nämlich eher geneigt sein, über eine Vereinigung nachzudenken.

Baghdadi dürfte Türkei-Route genutzt haben
Eine weitere Frage, die sich zu Barischa stellt: Wie konnte Baghdadi, der laut mehreren Geheimdiensten zunächst noch im Irak geweilt hatte, in kurzer Zeit in die nordwestliche syrische Provinz Idlib gelangen? Die Hinweise verdichten sich, dass er mithilfe von Schmugglern über die Türkei nach Syrien gelangt war. Ein Schlepper, der laut einem Bericht des „Guardian“ zuvor mehrere Familienangehörige des „Kalifen“ befördert haben soll, dürfte jedenfalls wichtige Hinweise zum aktuellen Aufenthaltsort Baghdadis geliefert haben.

Gabor Agardi
Gabor Agardi
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