87 Jahre danach

Wieder ein 3:4 in England für die Geschichtsbücher

Nach dem 3:4 von Salzburg gegen Liverpool spricht jeder in Europa über den Verlierer. Das Spiel hat das Zeug, genauso legendär zu werden, wie ein Match Österreichs vor 87 Jahren: Das 3:4 des Wunderteams in England. Nur: damals war es fast das Ende einer wunderbaren Geschichte, das hier könnte erst der Anfang sein. 

Es ist natürlich schwierig, ein Klub-Match mit einem Länderspiel zu vergleichen, aber das Ergebnis und der Ort des Geschehens verleitet einen dazu. Zudem sprechen wir von einem der wichtigsten Spiele des österreichischen Fußballs. Einer der „schönsten“ Niederlagen aller Zeiten.

Österreich trat am 7. Dezember 1932 gegen England im Chelsea-Stadion an der Stamford Bridge in London an. Bis dahin hatte das Wunderteam rund um den legendären Matthias Sindelar elf Spiele ohne Niederlage bestritten. Deutschland einmal 5:0, einmal 6:0 besiegt, Schweiz und Ungarn 8:1, respektive 8:2 aus dem Stadion geschossen.

England, so wie Champions-League-Sieger Liverpool heute, war seinerzeit das Maß aller Dinge. Unbezwingbar auf dem Kontinent, Österreich kam als absoluter Außenseiter nach London. Im Stadion saßen 42.000 Zuschauer. Österreich lief in der folgenden Aufstellung auf: Hiden, Smistik, Rainer, Sesta, Gall, Nausch, Zischek, Vogl, Sindelar, Schall, Gschweidl.

1932 im Radio, 2019 im Pay-TV, Menschen wieder in den Kaffeehäusern
Damals, wie heute versammelten sich die Menschen in Kaffeehäusern und auf öffentlichen Plätzen, weil das Spiel live übertragen wurde. 1932 im Radio, heutzutage im Pay-TV (oben im Bild) ... Die Fußballhistoriker Wolfgang Maderthaner und Roman Horak betonen immer wieder die Sensation, die diese Übertragung bedeutete: „Der Reporter Willy Schmieger, und dies galt Zeitgenossen als technisches Wunder, sprach per Unterseekabel nach Wien, seine Reportage wurde von allen mitteleuropäischen und einigen osteuropäischen Sendern übernommen. In Wien versammelten sich tausende und abertausende Menschen in Gasthäusern, Cafés und Kinos, auf den Fußballplätzen und in Schwimmhallen oder auf der Freiluft-Kunsteisbahn Engelmann, um Fußball zu hören.“

Starker Beginn
So wie in Liverpool, begannen auch damals die Engländer stark, nach fünf Minuten stand es schon 1:0 für die Hausherren, durch Goalgetter Jimmy Hampson. Und zur Pause lagen die Engländer schon mit zwei Toren vorne, so, wie Liverpool gegen Salzburg. Damals schickte der legendäre Manager Hugo Meisl (oben im Bild mit „Melone“) die Seinen mit den folgenden Worten in die zweite Halbzeit: „Spüts euer Spüü!“ Und auch damals schaffte die österreichische Mannschaft die Auferstehung, Zischek (2) und Sindelar trafen, nur zum 4:4 reichte es nicht, obwohl Karl Gall den Ausgleich in der letzten Minute auf dem Fuß hatte.

Traurige Parallellen
Es war angeblich das beste Spiel des Wunderteams. Alle schwärmten nach dem Spiel von Sindelar, Zischek und Co. England blieb zu Hause noch 20 Jahre unbesiegt. Vor 87 Jahren und heute überhäufte die englische Presse die österreichische Mannschaft mit Komplimenten. Über die englische Mannschaft sprach kaum jemand. Wie im Buch von Roman Horak und Wolfgang Maderthaner (Mehr als ein Spiel, Wien 1997) steht: „Daily Mail“ erkannte “Spieler von Genie“ im österreichischen Angriff eine “Offenbarung„ und zählte Sindelar, Smistik, Nausch und Vogl zu den “größten Spielern der Welt“, die „Times“ schwärmte von der “Kombinationsgabe„ und Schnelligkeit“ des österreichischen Teams, sprach dem Wunderteam „alle Ehre“ des Spiels zu und räsonierte im übrigen darüber, daß nun die Zeit der englischen Hegemonie im Weltfußball vorbei sei."

Irgendwann wäre es schön, die Rolle des gelobten Verlierers loszuwerden.

Tamas Denes
Tamas Denes
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