06.10.2019 14:00 |

Album „Ode To Joy“

Wilco: Schönheit überwiegt in schweren Zeiten

Die Musik der US-Folkrocker Wilco trägt manchmal etwas (unabsichtlich) Auftrumpfendes in sich: Schaut her, wie gut jeder von uns an seinem Instrument ist, wie perfekt das Zusammenspiel, wie eigenständig jedes Album. Dass Frontmann Jeff Tweedy einer der wichtigsten Songwriter seiner Generation ist, gehört längst zum Allgemeingut. Hinzu kommt die Reputation von Wilco als Live-Truppe der Extraklasse.

Die derzeit beste Rockband der Welt womöglich? Viele Fans und auch Kritiker würden da wohl zustimmen. Umso erstaunlicher, dass Tweedy und seine fünf Kollegen, mit denen er schon 15 Jahre in stabiler Besetzung unterwegs ist, auf ihrer neuen Platte so vorsichtig und bescheiden auftreten wie nur möglich. „Ode To Joy“ heißt das elfte Studioalbum von Wilco - übersetzt „Ode an die Freude“, also wie bei Friedrich Schiller und Ludwig van Beethoven. Man befürchtet angesichts des bombastischen Titels zunächst, dass sich die stets stilsicheren Rock-Virtuosen diesmal übernommen haben. Doch statt eines verkrampften Opus Magnum liefern die Musiker aus Chicago elf vermeintlich schüchterne Lieder ab, die erst nach und nach ihre wahre Größe entfalten. Sie triumphieren, indem sie alles Triumphale vermeiden.

Politische Großwetterlage
Wilco schaffen dieses Kunststück mit einigen der zartesten, feinsten Melodien ihrer 1994 noch im rustikalen Alternative-Country begonnenen Bandkarriere. Manches Mal meint man die späten Beatles des Meisterwerks „Abbey Road“ zu hören, dessen 50. Jahrestag soeben gefeiert wurde. Vom schroff experimentellen, wuchtigen oder opulenten Indierock früherer Alben fehlt fast jede Spur. Jeff Tweedy bestätigt im Interview der Deutschen Presse-Agentur in Berlin die neue Innerlichkeit. Mit leisen Liedern wie „Before Us“ oder „Citizens“ äußert er sich gut ein Jahr vor der US-Wahl ganz ohne platte Protestparolen zur politischen Großwetterlage in seinem Land. „Diesmal ging es tatsächlich stärker als früher um konkrete Kommentare durch Musik - um das, was in meiner Umgebung passiert, um das Beunruhigende des amerikanischen Lebensstils, um das Kranke daran, dass autoritäres Gehabe so akzeptiert wird.“

Deswegen musste sich der jederzeit zu Großtaten fähige Drummer Glenn Kotche zusammenreißen, um mit reduziertem Getrommel eine düstere Atmosphäre zu erzeugen. „Etwa durch einen Schlagzeugsound, der Marschgeräusche imitiert - den Marsch von Protestierenden oder aber auch von Soldaten“, sagt Tweedy. „Darüber haben wir dann unsere kleinen Folk-Songs gelegt.“ Die neue Platte sei „ein Versuch, Gefühle zu zeigen“ - beispielsweise Entsetzen, weil an der US-Grenze Menschen „in Käfige gesteckt werden“.

Zurückhaltend und eindrucksvoll
Auch Nels Cline, der 2007 mit seinem vierminütigen Urgewalt-Solo im Song „Impossible Germany“ zu den größten Rockgitarristen der Welt aufstieg, spielt auf „Ode To Joy“ zurückhaltender als gewohnt - aber nicht weniger eindrucksvoll. Seine Spielereien, dezenten Ausbrüche und Überraschungseffekte verzieren vor allem „Quiet Amplifier“ und „We Were Lucky“. Tweedy zeigt unterdessen in Liedern wie „One And A Half Stars“, „White Wooden Cross“ und dem tieftraurigen Schlusspunkt „An Empty Corner“, warum er zu den sensibelsten Rocksängern der Gegenwart gezählt wird.

Beim Albumtitel habe er gewiss nicht an Beethoven gedacht, schon gar nicht mit Sarkasmus, betont der Wilco-Boss - eher daran, dass es selbst in schwerer Zeit Hoffnung, Schönheit und Anlass zur Freude gebe. Auch der bezaubernde Folkpop-Walzer „Love Is Everywhere (Beware)“ sei keineswegs ironisch gemeint. „Liebe ist tatsächlich überall. Wir dürfen nur nicht blind dafür werden“, sagt Tweedy. „Also ich denke, ich möchte und muss Optimist sein.“ Tweedy und seine Band enger Musikerfreunde hatten früher Barack Obama, Hillary Clinton und die Demokraten unterstützt. Obwohl der Name Donald Trump weder im dpa-Interview noch in den neuen Songs auftaucht, lässt der Vater zweier Söhne kaum Zweifel daran, dass er sich auch im Präsidentschaftswahlkampf 2020 engagieren wird. „Wenn ich einen Weg finde, als guter Bürger aufzustehen, so wie es meine Familie ja schon direkt vor Ort macht, dann tue ich es.“

Für das Langzeitgedächtnis
Und wo steht „Ode To Joy“ nun im Wilco-Gesamtwerk? Hat diese tolle Band ihre besten Alben - etwa „Yankee Hotel Foxtrot“ (2002), „Sky Blue Sky“ (2007) und „The Whole Love“ (2011) - schon allesamt hinter sich, wie manche Fans befürchten? Die bittersüßen, hochintensiven neuen Lieder werden ihre Zeit brauchen, um sich im Langzeitgedächtnis festzusetzen. Doch die Chancen stehen gut, dass schließlich einige der Songs - und auch das gesamte Album - zu Wilco-Klassikern aufsteigen.

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