23.08.2019 14:00 |

Reinhard P. Gruber:

Sein neues Buch wird wohl sein letztes sein

Er hat vom Opern-Libretto über den Essay-Band bis zum Kochbuch alles geschrieben und mit „Aus dem Leben Hödlmosers“ einen Klassiker der heimischen Literaturgeschichte verfasst. Heute veröffentlicht Reinhard P. Gruber mit „365 Tage“ sein wohl letztes Buch: Die „Steirerkrone“ hat den Autor zum Interview getroffen.

Herr Gruber, der Verlag kündigt das neue Buch als Ihr letztes an. Ist das Ihr literarischer Abschied?
Naja, so direkt habe ich das nie gesagt, sondern der Verlag. Aber man muss es ehrlicherweise auch so sehen: Ich bin in einem Alter, in dem ich nur noch eine sehr überschaubare Zeit vor mir habe. Und konkrete Ideen für ein Buch oder große Lust zu schreiben habe ich nicht mehr.

Wie sind Sie eigentlich zum Schreiben gekommen?
Beim Bundesheer hatte ich einen Kollegen, der mir für einen der vielen Wochenendstrafdienste, die ich dort absitzen musste, Texte zum Lesen gegeben hat - unter anderem Sartre und Camus, Ionesco und erste Texte der Wiener Gruppe. Da habe ich erkannt, dass Literatur auch Spaß machen kann und nicht nur Zwang bedeutet wie in der Schule. Mit dem Geld von einem Ferialjob als Briefträger in Deutschland habe ich mir dann meine erste Schreibmaschine gekauft.

Gleich mit Ihrem ersten Roman haben Sie einen Klassiker geschaffen. War Ihnen beim Schreiben vom „Hödlmoser“ bewusst, wie sehr das Buch polarisieren wird?
Das war mir ehrlich gesagt wurscht. Ich wollte die Heimatromane persiflieren. Zu schreiben begann ich in der Stadt Salzburg und als ich einen urigen, älplerischen Namen gesucht habe, ist mir dort ein Galerist namens Hödlmoser untergekommen. Erst später ist mir eingefallen, dass ich schon einen Hödlmoser kenne aus Kumpitz, und ich habe das Ganze dann in die Steiermark verlegt.

In Ihrem Heimatort Fohnsdorf kam das nicht gut an.
Es hat fünf Jahre gedauert, bis ich dort die erste Lesung halten konnte. Obwohl heimlich gab es schon früher eine (lacht). Da ist ein ganzer Reisebus voller Hödlmoser-Fans nach Fohnsdorf gepilgert. Das waren österreichische Piloten von Privatfluglinien, die haben sich in Kumpitz beim Franzbauer niedergelassen, den ich im Buch als „jungen, dummen Franzbauer“ bezeichnet hatte. Dabei habe ich ja nur die Namen verwendet, ich habe die ja alle nicht gekannt - außer den Hödlmoser selber. Das Gasthaus durfte ich trotzdem nicht betreten. Um ein paar Stunden mit den Fans dort zu verbringen, habe ich mich heimlich in das Wirtshaus eingeschmuggelt.

Trotz des Erfolges haben Sie den Hödlmoser nie weiter beackert?
Ich habe immer nach Experimenten gesucht. Ich habe lukrative Angebote bekommen, einen zweiten Teil zu schreiben. Aber das hat mich nicht interessiert, ich wollte mit meinem Schreiben nicht den Gewinn maximieren, sondern die Welt der Sprache ausprobieren. Also habe ich etwa „Asterix“ übersetzt, ein Kinderbuch, ein Opern-Libretto und ein Kochbuch geschrieben. Und jetzt „365 Tage“.

Wie kam es zu der Idee, das neue Buch in der Form eines Tagebuchs zu verfassen?
Ich habe in meiner Karriere viele Autoren kennen gelernt, die sehr diszipliniert geschrieben haben, jeden Tag zur gleichen Zeit, wie ein Beamter. Das ist für mich eine Horrorvorstellung, ich habe nie so funktioniert. Nachdem ich jetzt jahrelang kaum noch geschrieben habe, habe ich mir gedacht: Ich zwinge mich jetzt - ohne Grund und Thema -, jeden Tag gleich nach dem Frühstück eine Seite zu schreiben. Es ist also eigentlich kein Tagebuch, weil ich ja nicht auf die Geschehnisse des Tages zurückblicke, sondern mir die Frage stelle: Was steht mir bevor, wenn ich den Tag noch erlebe?

Das klingt als würden das Altern und der Tod Sie sehr beschäftigen?
Ich komme langsam in ein Alter, in dem ich erkenne, dass ich immer weniger der Chef meines eigenen Lebens bin. Die Zustände in der Welt sind so, dass man immer mehr gelebt wird und die Mächtigkeit des Ich, wie die Angeber sagen würden, immer mehr wegfällt. Ich bin Dauerpatient für Melanome, aber ich wollte meine Krankheiten nicht unnötig ausbreiten. Was mich interessiert, sind die Auswirkungen. Ich kann mittlerweile schwer gehen und hatte das Gefühl, dass das Haus - und unsere Fenster haben auch noch Gitterstäbe - ein Symbol für den Körper wird, in dem man sich immer mehr gefangen fühlt. Man fragt sich nicht: Was kommt hinter der nächsten Kurve? Sondern: Kommt überhaupt noch eine Kurve? Denn sicher ist nur eines: Es fährt irgendwas mit dir - und das Ziel ist immer der Tod.

Im Buch weigern Sie sich, „365 Tage“ als Literatur zu bezeichnen, warum?
Dafür gibt es zwei Gründe: Einerseits ist dieses Buch nicht typisch für das, was meine Literatur ausmacht - Sprachspielerei und Ironie fehlen komplett. Andererseits habe ich den Eindruck gewonnen, dass ich heute in einer Literaturwelt lebe, wo fast nur mehr Unterhaltung zählt. Ein Großteil von dem, was aktuell geschrieben wird, interessiert mich einfach nicht mehr. Diese Woge an Krimis etwa: Was früher mal die vielen Heimatdichter in jedem Ort waren, sind heute die Krimidichterinnen und -dichter, die jedes noch so kleine Dörfchen beackern. Solche Geschichten will ich nicht erzählen!

Am 29. August präsentiert Reinhard P. Gruber sein neues Buch auf der Hör- und Seebühne des ORF Steiermark, am 18. September ist er damit im Grazer Literaturhaus zu Gast.

Christoph Hartner
Christoph Hartner
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