18.07.2019 00:49 |

Ausverkauftes Happel

Bon Jovi: Zwischen Euphorie und Enttäuschung

Vor ausverkauftem Haus kehrte Jon Bon Jovi mit seiner Band Mittwochabend endlich wieder im Wiener Ernst-Happel-Stadion ein. Neben einer Palette an Kultsongs und großen Hits verzauberte die Band ihre Fans mit Spielfreude, visuellen Schmankerln und viel Charme. Nur der einst so stolze Gesang war zumeist nicht mehr wiederzuerkennen ...

Sechs Jahre sind seit dem letzten Bon-Jovi-Besuch in Wien vergangen und seither hat sich viel getan. Mit „This House Is Not For Sale“ haben die Rocklegenden ein gutklassiges, aber bei Weitem nicht überragendes Album veröffentlicht, Frontmann Jon Bon ist mittlerweile in Würde ergraut und denkt gar nicht daran, sich mit Bleichmitteln künstlich jung zu halten, und Gitarrengott Richie Sambora ist damals wie heute nicht an Bord des erfolgsverwöhnten Schlachtschiffes. Bon Jovis „zweites Wohnzimmer“, das Ernst-Happel-Stadion, kann er an diesem Abend doch noch ganz füllen, und die zigtausend Begeisterte lassen nackte Zahlen natürlich kalt. Sie sind ohnehin überall dabei. Bereits eineinhalb Tage vor der Show ist der gesamte Bon-Jovi-Tross nach Wien angereist. Ein Plachutta-Schnitzel musste dabei ebenso sein wie das obligatorische Versteckspiel zwischen Star und lauernden Fans. Beim Wien-Gig zeigt sich der 57-Jährige von Anfang an gut gelaunt.

Prunkvolle Leinwände
Mit dem Titeltrack des aktuellen Albums, dem Evergreen „Raise Your Hands“ und der Mitsing-Hymne „You Give Love A Bad Name“ startet die mit Gitarrist John Shanks und Percussionist Everett Bradley auf ein Septett ausgeweitete Band fulminant in das knapp zweieinhalbstündige Set, das alle knapp vier Dekaden der Bandgeschichte ehrfürchtig zu würdigen weiß. Besonderes Augenmerk liegt auf der fulminanten Bühne. Drei überdimensionale Videoleinwände und eine fulminante Lichtshow glitzern durch das opulente Happel-Oval und reflektieren alles andere als respektvolles Understatement. Von besagten Leinwänden glänzen aktuelle Konzertaufnahmen, nostalgische Rückblicke, diverse Botschaften oder, in den balladesken Momenten, einfach nur sanftmütige Himmelskörper. Immer wieder wird der Frontmann mit seinem schneeweißen Zahnpasta-Lächeln in den Mittelpunkt der Szenerie geholt, um auch den hintersten Plätzen ein visuelles Spektakel zu garantieren.

Musikalisch sind Bon Jovi gewohnt 1A eingespielt. Chefgitarrist und Sambora-Nachfolger Phil X ist mit seinen partiell eingestreuten Soli („Keep The Faith“!), der mannschaftsdienlichen Rhythmusleistung und der stets nach außen getragenen guten Laune der Gewinner des Abends, doch auch die beiden Ur-Mitglieder Tico Torres und David Bryan wissen an Drums und Keyboard mit Souveränität zu glänzen. Gitarrist Shanks, der Jon Bon Jovi seit geraumer Zeit auch entscheidend beim Songwriting hilft, stellt sich wie Langzeit-Bassist Hugh McDonald bescheiden in den Dienst der Mannschaft und lässt dem glitzernden Frontmann Applaus und Show, die für Höhepunkte und Wohlbefinden vonnöten sind.

Doch gerade beim Chef hakt es mittlerweile gewaltig. Die hohen Töne wollen ihm so gar nicht gelingen, bei herausfordernden Klassikern wie „Livin‘ On A Prayer“, „Wanted Dead Or Alive“ oder „Have A Nice Day“ (mit rot-weiß-roter Videoeinspielung) ist er auf die Gemeinschaftsleistung seiner Kollegenschaft angewiesen. Ohne deren kundige Backing-Vocals wäre die Performance tatsächlich ein mehr als trauriges Schauspiel.

Freude und Trauer
Konditionell topfit und stets charmant lächelnd, hat der Amerikaner sein treues Publikum aber trotz aller Vokalprobleme mühelos im Griff. Obwohl sich so mancher über den Stimmzustand seines Idols wundert, ist es den meisten auch wieder völlig egal. Zur ersten großen Single „Runaway“ (stimmlich der Tiefpunkt des Konzerts) erzählt er launig die Geschichte, wie er mit einer kräftigen Dosis Selbstvertrauen und Unverschämtheit ins Plattenfirmen-Büro marschierte und „mit diesen 3:30 Minuten“ einen zukünftigen Rockstar versprach. Bei „Lay Your Hands On Me“ geht er vor Kirchenfensterkulisse auf Tuchfühlung mit den Fans und macht einen „Nick Cave light“. Bei den Balladen „Amen“ (Jons souveränste Gesangsleistung!) und „Bed Of Roses“ kann in wohliger Nostalgie geschwelgt werden.

Zudem wird man auf der Videowall von Sternenhimmel und Kerzenlandschaft umschmiegt. Doch auch wenn es rein technisch gewaltig hakt, mit seiner grenzenlos guten Laune und dem Strahlemann-Charme beweist sich Bon Jovi einmal mehr als magnetischer Top-Entertainer. Nach „Bad Medicine“, der mediokren Zugabe „These Days“ und „Livin‘ On A Prayer“ ist nach mehr als zwei Stunden Schluss. Zurück bleibt ein unsicheres Gefühl, das Freude, Enttäuschung und leichte Trauer vereint. Einen Nachschlag gibt es am Freitag im Klagenfurter Wörtherseestadion - die Show ist auch schon ausverkauft.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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