Neun Monate seines Wiener Lebens hat Twain im Hotel Krantz verbracht, dem heutigen Hotel Ambassador. Dort wird am Vormittag eine Gedenktafel im Beisein von Vertretern der US-Botschaft enthüllt. Den Twain-Tag in der Bundeshauptstadt beschließt am Abend ein Vortrags-und Lesereigen im Presseclub Concordia. Dort widmet sich unter anderem Candy Fresacher dem Thema "Mark Twain in Vienna", während Karlheinz Hackl den Worten des Amerikaners seine Stimme leiht. Im November 1897 hatte Twain im Presseclub eine Rede über die Schrecken der deutschen Sprache gehalten.
Der Grund für den Twainschen Aufenthalt in der Kaiserstadt war der Wunsch seiner Tochter Clara, beim Wiener Klavierlehrer Theodor Leschetizky Unterricht zu nehmen. Zum Star des Gesellschaftslebens avancierte jedoch der berühmte Vater. Bereits am 1. Oktober, wenige Tage nach seiner Ankunft, empfing der Autor die ersten Journalisten im damaligen Hotel Metropol am Morzinplatz.
"Ein begabter Mensch kann in 30 Jahren Deutsch lernen"
Der publizierten Meinung seiner Interviewer, er spreche gut Deutsch, schloss Twain sich allerdings nicht an. In seinem berühmten Essay "The Awful German Language" (Die furchtbare deutsche Sprache), veröffentlicht im Reisewerk "A Tramp Abroad", schreibt der Autor: "Ein begabter Mensch kann Englisch in 30 Stunden, Französisch in 30 Tagen und Deutsch in 30 Jahren lernen."
Privataudienz beim Kaiser
Ungeachtet allen Kokettierens mit seiner vermeintlich unzureichenden Sprachkompetenz stürzte sich Twain ins Gesellschaftsleben, und die Wiener Society empfing den berühmten Gast mit offenen Armen. Der damals 25-jährige Karl Kraus kommentierte diesen Umstand im April 1899 in der "Fackel" gewohnt zynisch: "Mark Twain ist nach Wien geeilt und hat sich mutig und entschlossen in die Reihen derer gestellt, die ein Dasein 'unter anderen' führen." Zugleich kam der Amerikaner auch in Wien seinem Interesse für Politik nach - und besuchte bereits am 15. Oktober 1897 eine Sitzung des Gemeinderates und hatte später auch eine Privataudienz bei Kaiser Franz Joseph.
Winkende Menschenmenge verabschiedet Twain
Viele der Wiener Werke Twains - darunter der Essay "Stirring Times in Austria" - sind im Sammelband "The Man That Corrupted Hadleyburg" veröffentlicht. Auch wichtige Teile seiner Autobiografie schrieb Twain in seinem Sommersitz im niederösterreichischen Kaltenleutgeben. Nach Wien reiste er zu dieser Zeit nur selten. Das Begräbnis von Kaiserin Elisabeth am 17. September 1898 wollte sich der Amerikaner jedoch nicht entgehen lassen. Am 27. Mai 1899 verließ Mark Twain Wien und nahm - begleitet vom Winken einer Menschenmenge - einen Zug am Franz-Josefs-Bahnhof.
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