17.05.2019 07:00 |

Album „Dedicated“

Carly Rae Jepsen: Selbstbestimmt und gereift

Vier Jahre nach ihrem letzten Album, veröffentlicht die kanadische Pop-Queen Carly Rae Jepsen mit „Dedicated“ ihr viertes Studioalbum. In der Zwischenzeit hat sie nicht nur an Lebenserfahrung gewonnen, sondern auch die Liebe zur goldenen Disco-Ära gefunden. Mit neuem Selbstvertrauen und Reife folgt sie ihrem Mainstream-Pop, garniert ihn aber mit mehr Ecken und Kanten.

Als Carly Rae Jepsen vor sieben Jahren mit dem unwiderstehlichen Ohrwurm „Call Me Maybe“ aus dem Stand heraus die Hitparaden auf der ganzen Welt eroberte, war die Diskussion um die viel zitierte „Versexung“ des weiblichen Pop-Business auf einem späten Höhepunkt angelangt. Nicht nur die #metoo-Bewegung hat seitdem einiges ins Rollen gebracht und verkrustete Strukturen aufgebrochen. Derzeit kann die größte Pop-Sensation mit Schlabberpullis und Baggie-Hosen auf einem Dreiradler durch Vororte fahren und trotzdem durch alle Decken gestreamt werden. Allzu offensichtliche Reize stehen im Hintergrund. Billie Eilish ist nur an der Spitze einer ganzen Phalanx an Künstlerinnen, die sich längst von optischen Marketingzwängen befreit haben und die Kunst viel klarer in den Vordergrund stellen. Auch Jepsen, deren nicht veröffentlichtes Video zur Single „Curiosity“ einst nur so vor oberflächlichem Sexappeal strotzte, sieht die Veränderungen im Business von der positiven Seite, wie sie unlängst dem „Guardian“ verriet. „Als ich einst das erste Mal in diesen Büros in LA war, fand ich noch nicht die richtigen Worte, dagegen einzutreten. Aber heute sind die Zeiten vorbei, wo irgendwelche Typen einer Frau sagen können, wie sie auszusehen hat.“

Rückschläge inbegriffen
Auf dem Artwork ihres brandneuen Albums „Dedicated“ zeigt sie sich selbstbestimmt und mystisch, Angst vor falscher Kleiderwahl oder einem medial aufgebauschten modischen Griff ins Klo hat sie heute ebensowenig wie vor musikalischen Turbulenzen. Nach dem Megaerfolg der eingangs erwähnten Single und dem dazugehörigen Album „Kiss“ musste die Kanadierin den spontanen Erfolg erst einmal verarbeiten. Anstatt sich von ihrer Plattenfirma sofort zu den nächsten großen Hits schieben zu lassen, tourte sie lieber ausgiebig und erfüllte mit den Tantiemen der Single ihren Eltern das Kindheitsversprechen, ihnen ein Haus am Meer zu kaufen. Den allerwichtigsten Ansatz des Erfolgs beherzigte sie aber sofort: „Ein solcher Hit gibt dir die Möglichkeit der völligen künstlerischen Freiheit“. Vom breitflächigen Bubblegum-Pop ist Jepsen niemals wirklich abgerückt, ihr 2015 erschienenes Werk „Emotion“ zeigte sich aber versatiler, nachdenklicher und gereifter. An den großen Erfolg des Vorgängers kam sie aber nicht heran, auch wenn die Single „I Really Like You“ ein ähnlich kometenhafter Charteinschlag war und sie dank dem Video mit Tom Hanks endgültig zum Internetphänomen reifte.

Der Weg zur vollkommenen künstlerischen Selbstbestimmung war dennoch ein längerer. „Dedicated“ ist nicht nur das erste Werk seit langen vier Jahren, sondern auch die bislang mit Abstand größte und eindeutigste Kopfgeburt der Künstlerin in all ihren Facetten. Ursprünglich fühlte sie sich schon vor knapp drei Jahren bereit, ein neues Album zu fertigen, wollte aber nichts übereilen. Dann explodierten Kreativität und Perfektionismus gleichermaßen. Erst unlängst hat sie in einem Interview kundgetan, in den letzten Jahren an die 200 Songs geschrieben zu haben - freilich nicht fertig durchkomponiert. Aus diesem großen Pool an unterschiedlichen Inspirationen fertigte Jepsen schlussendlich ein Werk, das sich vor allem mit ihrer großen Liebe zur legendären Disco-Ära befassst. ABBA, die Bee Gees oder Disco-Queen Donna Summer standen vor allem am Beginn des Schreiprozesses Pate für die Neuausrichtung der Künstlerin. Das hört man vor allem im wegweisenden Opener „Julien“, der Song, der den Rest des Albums schlussendlich definierte.

Selbstbestimmt abgekapselt
Inhaltich ist die Definition natürlich auf Beziehung, Zweisamkeit und Zwischenmenschliches ausgelegt. Das ein-mal-eins des Pop, vermischt mit eingängigen Melodien und mehr oder weniger gewollten Referenzen an Idole wie Madonna oder Beyoncé. Die stärksten Momente versammeln sich in den wohl gewählten Singles „Party For One“ funktioniert als schwungvoller Trennungssong und „Now That I Found You“ ist mit seiner Ohrwurmträchtigkeit der legitimste Nachfolger früher „Call Me Maybe“-Zeiten. Das Ziel ihrer Musik auf dem Album hat sie klar definiert. „Ich versuche das Gefühl eines Moments zu kreieren, der so intensiv ist, dass man nur in der Gegenwart verweilen kann und nirgends sonst.“ Insofern sieht Carly Rae Jepsen ihr aktuelles Werk auch als Statement für Selbstbestimmung, intensives Leben und notwendiger Abkapselung von Einflüsterern und Richtungsweisern. Das hätte es vielleicht auch mit drei oder vier Songs weniger getan, doch mit 33 zeigt sich die Kanadierin tatsächlich neu definiert, ohne auf die Erfolgsformeln der letzten Jahre verzichten zu müssen.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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