Mi, 22. Mai 2019
12.05.2019 07:00

Bald live in Wien

Giorgio Moroder: Synthesizer und Orgasmen

Keiner dominierte die Tanzflächen der 70er- und 80er-Jahre so wie der legendäre Südtiroler Erfolgsproduzent Giorgio Moroder. Sein Leben befand sich stets auf der Überholspur zwischen Schlager, Filmmusik und Sportwägen. Mit fast 80 ist er gerade auf ausgedehnter Europatour und kommt auch in den Wiener Gasometer.

Nur selten waren sich Kritiker und Fans bezüglich einer neuen Platte in der jüngeren Vergangenheit so einig wie bei dieser. Als Daft Punk 2013 mit ihrem vierten Studioalbum „Random Access Memories“ vor mittlerweile sechs Jahren die Charts quer über den Globus eroberten, füllten sich die Tanzflächen bis an den letzten Rand. Mit ihrer konzilianten Verbeugung vor den legendären Disco-Sounds der 70er- und 80er-Jahre holten sie nicht nur den zu Unrecht als uncool verschrienen Synthesizer zurück ins Rampenlicht, sondern auch eine ganze Heerschar von an der Produktion beteiligten Starmusikern quer durch alle Altersschichten. Panda Bear, Chilly Gonzales, Nile Rodgers, Pharrell Williams und Giorgio Moroder tummelten sich auf dem Kultwerk.

Reise zurück
Für den heute 79-jährigen Moroder war die Beteiligung nicht nur ein willkommener Ausflug zurück ins Musikbusiness, sondern auch ein nicht zu erwartender Start in den dreieinhalbten Karrierefrühling. Dabei hat es gar nicht viel Einsatz gebraucht. Im Track „Giorgio By Moroder“ monologisiert er über sein Wirken und Leben und spricht die Nostalgiegeschichten in drei Mikrofone aus verschiedenen Epochen. Einmal 60er-, einmal 70er- und einmal 80er-Jahre, um dem Ganzen auch einen authentisch-originären Anstrich zu verleihen.

Giorgio Moroder heißt eigentlich mit Vornamen Hansjörg, wurde in einer ladinischen Familie in Südtirol inmitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs geboren und hat sich in den späten Teenager- und jungen Erwachsenenjahren noch vorwiegend als passabel talentierter Gitarrist und Songwriter für Schlagerinterpreten profiliert. Mit Michael Holm schrieb er einen Hit für Ricky Shayne, mit dem unzweideutig debil betitelten „Looky, Looky“ eroberte er vor exakt 50 Jahren als „Giorgio“ das erste Mal selbst die Charts in seichteren Gefilden. 1970 fand er schlussendlich zu seiner wahren Profession. Die gerade aufkommende Innovationswelle der elektronischen Musik zieht Moroder in seinen Bann.

Synthie-Pionier
Er produziert den Mary-Roos-Klassiker „Arizona Man“ und kreiert damit unbewusst den allerersten deutschsprachigen Hit, in dem ein Synthesizer zu hören ist. Wenig später richtet der längst in Deutschland residierende Tausendsassa in München sein legendäres „Musicland“-Studio ein, in dem bis zur Schließung Mitte der 80er die allergrößten Weltstars wie die Rolling Stones, Led Zeppelin, Queen, T.Rex und Deep Purple ein- und ausgehen, um ihre Platten aufzunehmen.

Karriereprägend war 1973 ein eher zufälliges Aufeinandertreffen mit einer gewissen LaDonna Adrian Gaines. Eine schwarze Bostonerin, verheiratet mit einem Österreicher und in Mitteleuropa an ihrer Karriere arbeitend. Moroder gab ihr den Tipp, sich fortan Donna Summer zu nennen, arbeitete mit ihr und Produzentenkollege Pete Bellotte an einer neuen, durchdringenden Auffassung von Kommerzpop und schaffte 1976 mit der umstrittenen Single „Love To Love You, Baby“ den großen Durchbruch. 17 Minuten lang stöhnte Summer handgezählte 22 Orgasmen ins Mikrofon und wurde daraufhin von der BBC boykottiert, von den Fans aber geliebt und vergöttert. Für den Südtiroler war es nach fast schon 20 Jahren im Musikbusiness der so lang ersehnte Durchbruch, der ihn vom Erfinder des Synthesizer-Disco-Sounds zum König machen sollte.

Auf Anhieb Oscar
Zwei Jahre und weitere Top-Songs später schlug Moroder mit seiner Übersiedelung in die USA das nächste Karrierekapitel auf. Gleich für den Soundtrack zu seinem ersten Film „12 Uhr nachts - Midnight Express“ wurde ihm ein Oscar ausgehändigt, Scores für Kultfilme wie „Top Gun“, „Scarface“ oder „American Gigolo“ machen den Italiener mit dem untrüglichen Gespür für den neuesten Disco-Trend auch in Amerika zu einem Kultstar.

Auf die zunehmende Kritik in den 80ern, er würde ohnehin nur inhaltsleere „Plastik-Sounds“ produzieren, reagierte Moroder stets entspannt. „Ich bin Produzent, kein Politiker, also mache ich Musik und keine Storys“. Ende der 80er-Jahre war er aufgrund der veränderten Musiklandschaft langsam am absteigenden Ast, konnte aber bereits drei Oscars, vier Grammys und drei Golden Globes verbuchen. Knapp zwei Jahrzehnte stand er an der Spitze einer Szene, die nicht nur die Clubs in Amerika und Europa, sondern weltweit nachhaltig elektrisierte. Keine Rückschau auf das mondäne Jahrzehnt der Dekadenz kommt aus, ohne Moroder als relevante Referenz zu nennen. Desillusioniert vom Business konzentrierte er sich in den 90er-Jahren vorwiegend auf das Kunstgeschäft und beteiligte sich an einem wahren Bubentraum: der Verwirklichung seines eigenen Sportwagens.

Live in Wien
Nun ist es Daft Punk zu verdanken, dass der „alte Mann mit der blutjungen Seele“ knapp vor seinem 80er auf großer Tour ist und mit seinen unsterblichen Hits die Generationen vereint. Sein Besuch im Wiener MuseumsQuartier 2013 wurde gefeiert, am 14. Mai kommt er nun mit all seinen großen Hits und einer leuchtenden Bühnenshow in den Wiener Gasometer. Karten sind noch unter www.oeticket.com erhältlich.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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