12.04.2019 07:00 |

Album „Begin Again“

Norah Jones: Unverändert experimentierfreudig

Mit 40 Jahren legt Norah Jones mit „Begin Again“ ihr bislang kürzestes und kompaktestes Studioalbum vor. Darauf zeigt sie sich so spontan und befreit wie nie zuvor. Für die Vollblutmusikerin ist das Werk auch ein Zeichen für Mut und Experimentierfreudigkeit, weil sie einmal mehr zwischen unterschiedlichen musikalischen Welten mäandert.

Ein sympathisches Lächeln und die gläserdurchschneidende Stimme, die auch nach 20 Karrierejahren nichts von ihrer Kraft und Einzigartigkeit verloren hat. Die New Yorker Jazzerin Norah Jones hat vor wenigen Tagen bereits ihren 40. Geburtstag gefeiert und weder an Stimmkraft, noch an kompositorischem Geschick eingebüßt. Wer erinnert sich nicht an ihr 2002 veröffentlichtes, legendäres Debütalbum „Come Away With Me“, das sich bis heute rund 27 Millionen Mal verkaufte, die Tochter des legendären Sitar-Spielers Ravi Shankar ganz ohne Vitamin B über Nacht zum Superstar machte und ihr schlaflose Nächte bereitete? Mit dem spontanen Ruhm und dem überdimensionalen Interesse seitens der Öffentlichkeit hat sich die introvertierte Klangkünstlerin zeit ihres Lebens schwergetan. Fotoshootings statt New Yorker Jazz-Clubs, Interviews statt kreativer Entfaltung.

Gegen den Zeitgeist
Der Popularität Jones‘ taten auch zeitweise bewusst gesetzte Rückschritte ins Privatleben nichts zuleide. In den USA und ganz Europa eroberte sie mit all den folgenden Alben scheinbar mühelos die Charts, völlig egal, in welch musikalischen Gefilden sie auch experimentierte. Insgesamt neun Grammys kann sie bis heute ihr Eigen nennen, ausverkaufte Tourneen quer über den Globus inklusive. Jones war stets der ruhende Gegenpol zu kurzlebigen Trends. Wo sich die großen Konzerthallen mit optisch aufgeputschten Popstars unterschiedlichster Couleurs schmückten, reichte Jones die pure Kraft ihrer Kreativität, um für begeisterndes Johlen zu sorgen. Sie hat sich im Zeitalter der Selbstdarstellung und Effekthaschereien stets dem grassierenden Zeitgeist entzogen, ohne selbigen aber bewusst ins Abseits zu stellen. Norah Jones steht für das Schöne, Filigrane und Zärtliche in der Musik. Für einen Sound, der sich nicht anbiedert, aber gerade deshalb unweigerlich begeistert.

Und all das, obwohl sie sich niemals den Mechanismen des Markts beugte, sondern sich stets von ihrem eigenen, untrüglichen Instinkt leiten ließ. Berührungsängste mit anderen Genres sind ihr ebenso unbekannt wie das redundante auf-der-Stelle-treten. Unter dem Banner The Little Willies lebte sie auf zwei Alben ihre Liebe zu Americana und Country aus und coverte sich durch Songs ihrer großen Helden wie Hank Williams, Willie Nelson oder Johnny Cash. Mit Green-Day-Kopf Billy Joe Armstrong zollte sie den legendären Everly Brothers Tribut und mit Kultproduzent Danger Mouse wagte sie sich gar an den bodenständigen Glanz obsoleter Spaghetti-Western. Selbst düstere Country-Sounds mit Elektronikversatzstücken waren Jones‘ Karriere kein Hindernis, umso überraschender war ihre Rückkehr zum Piano-Jazz auf „Day Breaks“ vor drei Jahren.

Schnell und spontan
Rechtzeitig zum 80. Geburtstag ihres Jazz-Kult-Labels Blue Note beschenkt Jones ebenjenes mit ihrem siebenten Studioalbum „Begin Again“, das die Musikerin einmal mehr vielseitig und grenzenlos erscheinen lässt. Als eine „Ansammlung von Singles“ erklärt sie die nur sieben Songs auf dem Werk, die noch nicht einmal die 30-Minuten-Marke schrammen und somit auch eine Art Zäsur für die 40-Jährige bedeuten. Ein stringentes Albumkonzept oder einen roten Faden sucht man vergeblich, Jones war es wesentlich wichtiger, die Energie der Spontanität einzufangen und darauf eklektische Songstrukturen zu basteln. „Ich fühlte mich einfach dazu inspiriert verschiedene Dinge auszuprobieren und aufzunehmen“, erklärt sie das neue Album, „es ging darum, es schnell zu machen, mit möglichst viel Spaß und wenig Druck. Wir waren nur je einen oder maximal drei Tage im Studio. Das ist wirklich eine großartige Form von Zusammenarbeit mit anderen Musikern.“

Wilcos Jeff Tweedy und Thomas Bartlett reichen dieses Mal für das Name-Dropping aus, ansonsten hat Jones auf alte Weggefährten wie Drummer Brian Blade oder Bassist Christopher Thomas gesetzt. Vier der sieben Songs wurden gar schon im Vorfeld als Singles veröffentlicht. „Ich hatte schon einige kleine Ideen im Vorfeld und dazu auch die richtigen Musiker im Kopf, aber meine Hoffnung ist immer, den Moment zu nutzen und aus jeder Session etwas aus dem Nichts entstehen zu lassen. Ich war sehr offen für alles und hatte wenig Erwartungen, aber jede Zusammenkunft mit den Musikern hat meine wenigen Erwartungen meilenweit übertroffen.“ So vielseitig wie auch kurzweilig ist das Ergebnis ausgefallen. So ist der Opener „My Heart Is Full“ ein dunkles Stück American Gospel mit Elektroelementen, während sie beim Titeltrack oder dem schwelgerischen „Wintertime“ stärker zu ihren Jazz-Wurzeln zurückkehrt. Auf „A Song With No Name“ kann sie ihre immerwährende Liebe zum Country nicht verhehlen, während „Uh Oh“ sogar am R&B schnuppert. Leichte Politanleihen in den Texten verdecken nicht, dass sie sich hauptsächlich auf Beziehungen und Zwischenmenschliches konzentriert.

Juvenil und mit viel Verve
Aufgrund der kurzen Spielzeit und der spannenden Mischung und Anreihung der Songs tritt zu keiner Sekunde Langeweile auf und die Nummern werden nicht durch unnötige Ausstaffierungen verwässert. Das führt im Endeffekt dazu, dass Jones mit 40 auf „Begin Again“ juveniler und aktiver wirkt als in den Jahren davor. Mag es daran liegen, dass sie als zweifache Mutter nun auch den privaten Seelenfrieden gefunden hat oder weil sie möglicherweise schon so oft aus ihrem Stammgenre austrat, dass sie eine gewisse innere Ruhe der Musik gegenüber entwickelte - wichtig ist im Endeffekt nur, dass die New Yorkerin sehr viel Verve und Esprit an den Tag legt. Live kann man die Songs diesen Frühling vorerst nur in Australien, Neuseeland und den USA hören - eine Europa-Tour sollte im Laufe des Herbstes oder 2020 aber folgen. Schließlich hat sie uns noch einiges zu sagen.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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