13.03.2019 07:00 |

„Krone“-Interview

Junius Meyvant: „In Island ist jeder ein König“

Mit „Across The Borders“ veröffentlichte Unnar Gísli Sigurmundsson alias Junius Meyvant vor wenigen Wochen ein warmherziges Soul/Folk-Werk, das sich vor den großen Idolen der 60er- und 70er-Jahre nicht verstecken muss. Vor seinem Auftritt in der Wiener Grellen Forelle trafen wir den 36-Jährigen zum entspannten Gespräch über seine Heimat, Religion und die Rockhelden der alten Tage - nordisch-kühler Humor inbegriffen.

„Krone“: Junius, mit „Across The Borders“ gelang dir eines der warmherzigsten und seelenvollsten Alben des bisherigen Jahres. Steckt hinter dem Titel auch eine politische Botschaft?
Junius Meyvant:
Natürlich. Die Leute werden heute rund um die Uhr von Nonsens-Nachrichten, Müll und Angst befeuert. Ein paar Extremisten ruinieren damit das Leben von Millionen von Menschen, die eigentlich nur ein schönes Leben führen wollen. Es geht auch um die mentale Seite der Menschen. Wir sind immer zwanghaft auf der Suche, unsere steigenden Bedürfnisse befriedigen zu müssen - über alle Grenzen hinweg. Und wenn wir geistig voll auf der Höhe sind, können wir uns oft nicht dorthin bewegen, wohin wir wollen, weil bestimmte Papiere dazu fehlen. In anderen Fällen musst du gegen Ängste und innere Dämonen ankämpfen. So ein richtig freier Erdenbürger bist du nur in ganz seltenen Fällen.

Geht es in diesen Texten auch um dich selbst?
Natürlich, das bleibt nicht aus. Ich versuche aber trotzdem, die Geschichten so allgemein wie möglich zu halten. Ich bin aber nur ein Mensch wie jeder andere und daher auch nicht anders als jeder andere. Wir alle sind natürlich unterschiedlich, aber im Kern müssen wir alle essen, schlafen und atmen.

Fühlst du dich als Musiker dafür verantwortlich, mit deinen Themen tiefer zu gehen und die Leute in eine global umfassende Thematik zu entführen?
Als Mensch sollte ich nur dann etwas geben, wenn es Freude und Sicherheit vermittelt. Ich habe keine Lust, über Titten und Ärsche zu singen, sondern darüber, was auf der Welt wirklich wichtig ist. Manche Musiker füttern sich mit Hass, nur um zu provozieren. Ich kann das auch irgendwo verstehen, aber ich sehe die Musikwelt einfach anders. Ich versuche immer eine Lösung anzubieten, manche Songs hadern aber auch einfach damit, dass man einfach Mensch ist. Eine Nummer wie „High Alert“ ist etwa sehr sarkastisch. Es geht um eine Person, die nichts um sich herum sieht, weil sie so auf sich konzentriert ist. Diese Person sieht sich als Opfer der ganzen Welt. Das passiert ja oft, weil die Menschen so oft so sehr jammern. Bei manchen ist es gerechtfertigt, bei den meisten aber nicht wirklich.

Diese Opferrolle ergibt sich mitunter durch das Zeitalter der Sozialen Medien. Jeder fühlt sich sofort von jedem angegriffen, teilt selber aus und stellt sich als das größte und ärmste Opfer dar.
Das wird auch wieder vorübergehen. Heute gibt es offenbar nur mehr extrem links oder extrem rechts, aber ich bemerke, dass die meisten einfach die Schnauze voll haben von diesen Sozialen Medien. Es gibt keine Diskussion, sondern nur Verurteilung. Es gibt keine Abstufungen oder unterschiedliche Ansichten, sondern nur Aufregung und Extremismus. Dort wird ein Ladendieb mit einem Serienvergewaltiger gleichgesetzt. Die Leute müssen irgendwann wieder das Mittelmaß finden, denn eines Tages beißt dir das Karma dafür in den Hintern. Ich versuche Geschichten zu erzählen und vom Geschichtenerzählen kannst du dich nicht angegriffen fühlen. Das passiert nur, wenn man persönlich wird und mit jemanden ein Beef startet.

Es ist interessant, dass du weder über Brüste und Hintern singen willst, noch Beefs starten möchtest, weil du bekanntermaßen ein Riesenfan von Hip-Hop aus den 90er-Jahren bist.
(lacht) Ich bin eher der Fan von den Beats des Hip-Hop. Manche Texte mag ich schon, aber ich bin kein klassischer Hip-Hopper. Ich wuchs in einem sehr friedlichen Umfeld auf, wo es keine Kriminalität gab. Ich kann mir das also alles nur vorstellen, aber mich nicht darauf berufen. Ich war als Kind stark mit der Kirche konnotiert und in unserer kleinen Heimatstadt oft dort. Ich war auch nicht der populärste Typ und schlecht im Sport. Ich kann mich damit identifizieren, nicht exakt dazuzupassen, aber mit Drogenmissbrauch und Waffengewalt hatte ich nie etwas am Hut. Ich verstehe aber die vielen Rapper, die sich öffnen und in ihren Texten die Realität abbilden. Ich bin kein Fan des Fluchens. Wenn du zu viel fluchst, dann ist das ein Zeichen für fehlendes Vokabular und vielleicht auch zu wenig Selbstbewusstsein. Ich wuchs nicht mit Flucherei auf, aber es ist mir auch egal, wenn es andere machen.

Ist dieses kirchliche Großwerden auch ein Grund dafür, dass so viele deiner Songs einen souligen, fast schon Gospel-haften Anstrich aufweisen?
Natürlich, das hängt sicher damit zusammen. Ich mag nur nicht den Teil von Religion, der mich zu sehr einnimmt. Ich habe ein Autoritätsproblem, kann mir nicht sagen lassen, was ich zu tun habe. Ich bin kein Freund von vorgefertigten Regeln, aber die normalen Grundprinzipien sind in deinem Herzen verankert. Jeder Mensch weiß doch, dass er nicht töten oder seine Frau betrügen soll - damit wächst man auf und das ist einem quasi ins Herz gedruckt. Außer du bist ein absoluter Soziopath. Ich mag keine Menschen, die überall mit dem Finger hindeuten. Ich gehe nicht oft in die Kirche und bin eher spirituell als religiös. Sage ich jetzt, ich wäre religiös, klingt das so, als würde ich dir mit der Bibel auf den Kopf schlagen wollen. (lacht) Ich kann aber auch verstehen, wenn jemand nicht glaubt, denn vieles macht wenig Sinn.

„Across The Borders“ klingt extrem cinematisch und opulent. Die meisten Musiker fahren mit großspurigen Klängen heute gerne zurück - du feierst förmlich die epische Klangbreite.
Ich liebe cinematische Musik und mag es, wenn es orchestral klingt. Live klingt das aber alles sanfter, weil ich die Synthesizer zurückschraube. Das Geheimnis sind gute Musiker. Wenn du einen wirklich guten Musiker hast, dann ist er so gut wie drei weniger gute.

Deine Heimat Island hat auch eine beachtliche Black-Metal-Szene, in der sich viele Menschen tummeln, die dem Satanismus frönen. Hängt das direkt mit der geografischer Abgeschiedenheit der Insel zusammen?
Ich höre sehr viel Black Metal und bin mir sicher, dass es oft nur so ein Ding ist, um aufzufallen. Oft sind es die Außenseiter der Gesellschaft, die auf die Seite gehen, wo die Welt gegen sie ist - zu Satan. Leute, die nicht ganz ins Gesellschaftsbild passen, formieren Gruppen und hängen dann zusammen ab. Meist hast du von 500 Musikern einen echten Satanisten. Die anderen ziehen nur solche T-Shirts an, spielen im Keller Videospiele und trinken literweise Bier. Da ist nicht wirklich viel Satanismus dahinter und wenn doch - auch okay.

Wo ist deine Authentizität verankert? In welchen Bereichen deines Lebens bist du selbst authentisch?
Mein Glaubenssystem basiert darauf, dass man gut zum nächsten Nachbar sein soll. Ich habe schon Songs über die Religion geschrieben und wenn ich zum Beispiel jemanden prügle, dann ist Gewalt meine Religion. Wenn ich jemanden helfe, dann das. Natürlich bin ich oft ein fauler Mensch, der sich nicht gut benimmt, aber die meiste Zeit versuche ich hilfsbereit zu sein. Im Kern sind wir aber alle egozentrisch und jeder Mensch hat gute und weniger gute Tage.

Du lebst mit deiner Familie in Island abgeschieden auf den Westmännerinseln, 30 Kilometer von der Südküste des Landes entfernt. Wie wichtig ist diese Einsamkeit und Abgeschiedenheit für deine Musik und deine Ansichten?
In kleinen Städten kannst du deine Zeit besser nutzen, weil du nie im Stau stehst. Andererseits wirst du auch faul, weil du mehr Zeit als andere hast. In großen Städten hast du viel mehr Energie und Wettbewerb, was für einen Künstler auch hilfreich sein kann. Musiker kann man überall sein, aber ich bin dort aufgewachsen, habe dort meine Kinder und auch meine Eltern, was hilfreich ist. Ich sehe meinen Sohn nie, weil er immer nur irgendwo draußen mit seinen Freunden spielt. Ich habe auch keine Angst, weil man dort jeden kennt. Natürlich gibt es auch bei uns Perverse, wie überall anders auch, aber ich weiß, wer die sind und kann ihm aktiv sagen, welche Häuser und Ecken er meiden soll. (lacht)

Ist das für deine Kinder auch eine gesündere Umgebung, um aufzuwachsen? Eine einerseits abenteuerliche, andererseits aber auch wesentlich friedvollere?
Ja und nein. In kleinen Städten bist du stärker mit Mobbing konfrontiert, weil den Kindern oft langweilig ist. Andererseits ist es aber toll, wenn man jeden kennt. Als Musiker ist das hervorragend, weil es keinen in Island interessiert, was ich tue. Jeder bei uns kommt sich wie ein König vor und stellt sich über den anderen, das ist unsere Mentalität und die mag ich. (lacht) Wir haben auch keine Angst vor der Regierung. Was? Er ist der Premierminister? Ist mir doch scheißegal! Diese Furchtlosigkeit ist uns von den Wikingern geblieben. Wir sind in gewisser Weise rücksichtlos, aber trotzdem gute Menschen. Natürlich gibt es bei uns auch genug Arschlöcher - aber wo gibt es die nicht?

Island hat durch die Übersättigung an Touristen mittlerweile schon einiges seiner märchenhaften Mystik verloren. Fühlst du deine Heimat dadurch in gewisser Weise gefährdet?
Wenn die Leute sich an die Regeln halten, ist das kein Problem. Island ist größer als die meisten Länder am europäischen Festland, obwohl wir nur rund 330.000 Einwohner haben. Wir haben keine Millionen Touristen zur gleichen Zeit und es gibt einen konstanten Besucherstrom. Das System passt. Wir unterstützen die Touristen, aber man muss alles mit Maß und Ziel machen, dass es das Land nicht zerstört. Die Regierung macht das bei uns ganz gut.

Die Umgebung, in der du dich befindest, ist auch wichtig für deine Musik, die daraus entsteht?
Prinzipiell schon und natürlich kommt die Inspiration aus der Gegend. Die meiste Zeit schreibe ich aber ganz alleine in einem dunklen Raum. Wenn ich zu viel Landschaft habe, verliere ich mich in Gedanken und kann nicht aktiv schreiben. Mich alleine wo einzuschließen ist meist am Wirkungsvollsten. Vielleicht ist aber auch wirklich etwas Magisches bei uns in der Luft. Wer weiß? Meist haben wir furchtbares Wetter und sind dazu gezwungen, drinnen zu bleiben. Die isländische Musikszene ist keine Open-Air-Szene. (lacht)

Deine Musik ist sehr stark in den 60er- und 70er-Jahren verhaftet. Ist es dir ein Anliegen, mit deiner Version davon der jüngeren Generation diese Geschichte näherzubringen? Wissend, dass sie bislang vielleicht keinen Zugang dazu hatten.
Ich liebe die Musik aus dieser Zeit und es ist wichtig, die Erinnerung immer aufrecht zu erhalten. Ich versuche diesen Sound mit neuen, zeitgemäßen Klängen zu vermischen. Wenn Musik gut und authentisch ist, dann mag ich sie. Ich höre das nicht immer, aber wenn ich etwa im Radio einen wirklich gutgemachten Pop-Song eines Superstars höre, dann kann ich ihn respektieren. Dafür muss ich kein Fan sein. Ich bin glücklich, dass viele dieser Musiker von damals noch leben, denn sonst würde es vielleicht nur mehr Hip-Hop geben.

Gerade in der zweiten Albumhälfte auf „Across The Borders“ hört man sehr oft Paul McCartney zu seinen Wings-Zeiten heraus. Nur dass du eben noch eine junge, wirkungsvolle Stimme besitzt.
Er war immer der am härtesten arbeitende Mann der Musikgeschichte. Ich bin mit den Beatles und den Rolling Stones aufgewachsen. Mit den Stones hauptsächlich, denn mein Vater hatte immer Lederjacken an und war „Team Stones“. Ich liebe aber alle Phasen dieser beiden Bands und sie haben in so wenigen Jahren so viele geniale Songs erschaffen. John Lennon war der rebellische Anführer, aber Paul McCartney hat die Band mit seiner Leidenschaft angetrieben. Er war ein Workaholic und ein großartiger Songwriter. Das ist die Kombination, wenn du supererfolgreich werden möchtest.

Und natürlich gab es damals auch ein drittes Team neben den Beatles und den Stones - Led Zeppelin.
Selbstverständlich, ich liebe sie! Ich höre sie mir oft an und sie waren auch ein großer Einfluss. Wie sie damals die Gitarrenmusik in kürzester Zeit revolutioniert haben, ist beispiellos. Zu John Bonham habe ich übrigens eine wirklich lustige Geschichte. Wir haben bei uns einen großen Popstar namens Björgvin Halldórsson, der in einer Bar war, in der John Bonham gerade auf der Toilette war. Zeppelin spielten damals bei uns. Björgvin ging jedenfalls auch aufs Klo und hat sein halbvolles Bierglas auf das Waschenbecken gestellt. Bonham ging hin und zog sich das Bier in einem Zug runter. Björgvin war außer sich und sagte: „Hey Mann, das ist mein Glas“. Bonham konterte trocken: „Korrektur: das war dein Glas“. (lacht) Bei uns ist diese Geschichte verdammt berühmt. Bonhams Tod war tragisch, denn er war die Verkörperung des Rock’n’Roll.

Mit Bonham wollte zu Lebzeigen niemand aneinandergeraten.
Absolut nicht. Er war ein authentischer Rock’n’Roller, wie nur wenig andere Typen. Gerade Rockbands brauchen solche Charaktere, das ist notwendig. Bonham war wirklich hart, der Typ hat auf alles eingeprügelt, was ihn störte und trug, glaube ich, auch immer ein Messer bei sich. Übrigens: Die Beatles wuchsen viel ärmer auf als die Rolling Stones. Zumindest Mick Jagger stammte ja aus durchaus wertigem Hause. Aber was soll’s, ich kenne die Typen ja nicht persönlich.

Möglicherweise darfst du die Stones ja mal supporten. Du wärst nicht der erste isländische Künstler.
Ja, meine Freunde von Kaleo waren mit ihnen vor zwei Jahren unterwegs. Absolut verdient, das sind großartige Jungs und wirklich tolle Musiker. Ich kenne auch die Typen von The Vintage Caravan, aber ich finde, sie sollten noch viel öfter spielen und touren. Ich habe auch einmal in einer Rockband angefangen und Teile meiner Stimme würden dazu passen, aber ich mache jetzt einfach, was ich für richtig halte.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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