Hubert Hinterschweiger hat in seinem neuen Buch mit dem einfachen Titel "Wien im Mittelalter" mit diesen und anderen Mythen gründlich aufgeräumt.
Kleines muffiges Städchen von Plagen heimgesucht
Zu gerne wird im melancholischen Rückblick vergessen, dass vor sechs-, sieben oder achthundert Jahren nebst Hektik, Verkehr und Autoabgasen auch manch andere - durchaus nützliche - zivilisatorische Errungenschaft noch lange nicht erfunden waren. Hygiene - kein Thema. Sauberkeit - wozu? Medikamente - was, bitte? Kanalisation - wie meinen? Seuchen - na klar, pausenlos! Das Leben in Wien war meist nicht einfach, doch hie und da muss es die Hölle gewesen sein. Pest, Cholera, Brände, Missernten, Überschwemmungen - und manchmal suchten die Plagen das kleine, enge, muffige Städtchen an der Donau gleichzeitig heim.
Der Graben etwa, heute Flaniermeile für Touristen und exklusive Shoppingzone für Gutbetuchte, glich seinerzeit einer riesigen Kloake. Mangels Entsorgungsbetrieben und sonstiger kommunaler Annehmlichkeiten, waren die Wiener gezwungen, die Straße nicht nur als Mittel zur Fortbewegung, sondern vor allem als Endlagerstätte von Tierkadavern, Fäkalien und sonstigem Hausabfall zu missbrauchen. Aussätzige und Bettler wankten durch die modrigen Gassen, und wurden sie erwischt, warf man sie schleunigst aus einem der Stadttore.
Unfassbare Bedingungen in Spitälern
Wer seinen 30. Geburtstag erlebte, durfte sich glücklich schätzen. Selbst in den Spitälern herrschten unsagbare Bedingungen: "Fieberkranke, Wöchnerinnen, Blatternkranke lagen alle bunt gemischt, bis zu sechst in einem Bett. Das Bett hatte eine Breite von ca. 110 Zentimetern. Man lag Kopf an Fuß und die Krankheit, die man noch nicht hatte, die konnte man sich an Ort und Stelle holen. Die Strohsäcke der Kranken, die Urin und Exkremente nicht halten konnten, wurden zeitig am Morgen geöffnet und auf dem Boden ausgebreitet. Der Gestank war unvorstellbar und die Luft verpestet", schreibt Hinterschweiger.
Dem 1931 in Wien geborenen Hubert Hinterschweiger ist es mit dem Buch gelungen, einen seltenen - weil realen - Einblick in eine sehr dunkle Epoche Wiens, Österreichs, Europas zu geben. Ohne viel Zeit zu verlieren wurde verurteilt und anschließend gehängt, gerädert, gepfählt, gevierteilt. Und kam es zu Seuchen, verfiel das Geld oder griffen die Hussiten an - der Schuldige war rasch ausgemacht: die Juden. Hinterschweiger widmete der "Wiener Geserah", einem furchtbaren Juden-Progrom 1420/21, ein eigenes Kapitel.
Natürlich gab es auch heitere Zeiten, in denen man eifrig dem an den umliegenden Hängen gesetzten Wein zusprach, ausschweifende Feste zu feiern wusste und über die vielen internationalen Händler staunte, die sich in Wien feines Tuch oder edle Gewürze feilboten. Hinterschweiger, ausgebildeter Textilfachmann und Unternehmensberater im Ruhestand, hat sich seit seiner Pensionierung intensiv mit dem Bild Wiens im Mittelalter auseinandergesetzt. Durch seine Lektüre wird vieles wieder lebendig. Auch wenn von der Stadt, so wie sie damals aussah, heute nichts mehr übrig ist.
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