24.02.2019 06:00 |

Mutter von Mordopfer:

„Jasmina war ein Engel, Smiljana ist ein Monster“

Die Mutter arbeitete in Österreich, der Vater in Slowenien. Die zwei Töchter waren alleine in dem Haus in Kroatien. Damals, im Sommer 2000. Seitdem galt die jüngere der beiden Schwestern als vermisst. Jetzt wurde sie in einer Tiefkühltruhe gefunden. Am vergangenen Mittwoch wurde Jasmina in ihrem Heimatort zu Grabe getragen.

Palovec in Nordkroatien. Einfamilienhäuser, hübsche und weniger hübsche, mit riesigen Gärten rundum. Drei Cafés, ein Restaurant, ein paar Lebensmittelgeschäfte und Handwerksbetriebe. Außerhalb des Dorfs, zwischen Apfelplantagen und Maisfeldern, zwei große Firmen: In der einen werden Auto-Ersatzteile hergestellt, in der anderen Bodenbeläge.

Viele der 1000 Ortsbewohner haben früher im Ausland gearbeitet und es dadurch zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Mittlerweile gibt es auch in der Heimat genügend Jobs - und „die Jungen“ bleiben hier. Somit galten die Dominics immer als eine typische Durchschnittsfamilie, in Palovec. Einst waren sie arm, Katarina - heute 64 - und ihr Ehemann Martin. Aber als ihre zwei Töchter in die Pubertät kamen, gingen sie, zuerst abwechselnd, später gleichzeitig und für länger, weg. Der Vater, ein Fliesenleger, nach Slowenien, die Mutter, eine Köchin, nach Österreich und Deutschland. Nach und nach schaffte es das Paar dadurch, sein Haus aus- und umzubauen und den Mädchen ein Dasein ohne finanzielle Sorgen zu ermöglichen.

Von klein auf waren sie völlig unterschiedlich
Die beiden Schwestern: völlig unterschiedlich in ihren Charakteren, von klein auf. Smiljana schwänzte oft die Schule, hielt sich an keine Regeln, zettelte Raufereien an. Die um zwei Jahre jüngere Jasmina hingegen lernte brav, jeder im Dorf mochte sie. „Sie war ein Sonnenschein“, erinnert sich ein ehemaliger Klassenkamerad.

Unterschiedlich dann auch die Wege der beiden. Während Smiljana stundenweise in einem Lokal im Dorf kellnerte und mit 19 von einer Zufallsbekanntschaft schwanger wurde, machte Jasmina die Matura und begann danach in Zagreb ein Wirtschaftsstudium. Die Wochenenden verbrachte sie aber weiterhin in Palovec, in ihrem Elternhaus, meist war sie dort alleine, mit Smiljana und deren kleiner Tochter. „Jasmina putze und kochte dann die ganze Zeit“, berichtete eine Nachbarin. Und die ältere Schwester? „Sie lag faul am Sofa.“

Und irgendwann im Sommer 2000, an einem Nachmittag, sei es geschehen, gestand die mittlerweile 43-jährige Smiljana jetzt vor der Kripo. Sie sei damals - wieder einmal - mit Jasmina in Streit geraten. „Sie nörgelte dauernd an mir herum und ich wurde sehr wütend.“ Ein Holzscheit in ihrer Hand, zwei Schläge gegen den Hinterkopf der Schwester, „plötzlich lag sie tot am Boden. Ich geriet in Panik, wusste nicht, wohin mit der Leiche. Schließlich fiel mir nichts Besseres ein, als sie in der Tiefkühltruhe zu verstecken.“ Fast 19 Jahre blieb Jasmina darin, „manchmal hatte ich sie schon fast vergessen ...“ Smiljanas Leben - wie verlief es nach der Tat?

Sie erzählte von Anrufen der „Vermissten“
„Sie verhielt sich nicht anders als davor“, sagt ein Onkel der Frau. Sie blieb in dem Haus in Palovec, den Eltern erzählte sie, Jasmina habe auf einem Kreuzfahrtschiff eine Stelle angenommen und wäre glücklich. In unregelmäßigen Abständen würde sie sich telefonisch bei ihr melden, aus Frankreich, Italien, Brasilien, „von den schönsten Orten der Welt“. So kam es, dass Jasmina erst 2005 als vermisst gemeldet wurde. Ernsthafte polizeiliche Erhebungen zu ihrem Verschwinden fanden nie statt.

Und Smiljana durfte sich sicher fühlen. Den Gefrierschrank hatte sie längst unter einen Stiegenaufgang gestellt, die Klappe ging nur einen Spalt breit auf, über der Toten lagerte sie Fleisch, Pizza und Gemüse. Vor 15 Jahren heiratete sie, „einen braven ruhigen Mann“, Keramik-Brenner von Beruf, sie bekam mit ihm zwei Töchter. Und sonst? „Tat sie nicht viel“, berichten Dorfbewohner, „das Kreuz und der Magen würden ihr Probleme bereiten, jammerte sie, deshalb war sie meistens zu Hause und sah fern.“ Doch ein paar Mal im Monat ging sie nach draußen, um in einem Café im Ort an Automaten zu spielen. Wenn sie größere Summen verlor, behauptete sie, beraubt worden zu sein. 

„Es war, als hätte sie nie existiert“
Smiljana, hatten Sie keine Angst, dass Ihr Verbrechen entdeckt wird? „Anfangs schon, später nicht mehr. Irgendwann war es so, als hätte Jasmina nie existiert.“ Selbst als ihr Vater vor vier Jahren an Lungenkrebs erkrankte und danach ständig von seiner „verlorenen Tochter“, die er vor seinem Tod noch einmal sehen wollte, sprach, blieb sie ungerührt. „Sie sagte zu Martin bloß“, so ein Cousin des Mannes: „Dein Lieblingskind hat dich halt verlassen, akzeptier das endlich.“

15. Februar 2019. Smiljanas älteste Tochter, eine Altenpflegerin, ihr Verlobter und ihr Stiefvater waren mit einem neuerlichen Zubau an dem Haus in Palovec beschäftigt, das junge Paar wollte sich dort einen eigenen Bereich schaffen, Wände wurden niedergerissen. Smiljana half nicht bei der Arbeit, der Lärm der Bohrmaschinen mache sie nervös, sie bekäme davon Kopfschmerzen, behauptete sie - und ging am Nachmittag zur Entspannung in ihr Stammcafé, zum Spielen.

Es war etwa 18 Uhr, als der Freund ihrer Tochter die Tiefkühltruhe unter dem Stiegenaufgang zur Seite schob - um den Boden darunter zu putzen. „Das Gerät war so schwer, darum öffnete ich es und räumte es aus ...“ Der Fund der Leiche. Das Auffliegen der Horror-Tat.

Am vergangenen Mittwoch wurde Jasmina am Friedhof ihres Heimatorts bestattet, im Grab ihres 2015 verstorbenen Vaters. Ihre Mutter weinte hinter dem Sarg bittere Tränen. „Sie war ein Engel, Smiljana ist ein Monster“, schluchzte sie.

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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