15.02.2019 15:07 |

Die Afghanistan-Serie

Einzige Taxilenkerin: „Frauen müssen Mut haben“

Afghanistans Frauen zwischen Tradition und Moderne: Sie arbeiten am Flughafen, im Hotel, in Reisebüros, am Fließband, gar nicht oder heimlich. krone.at spricht mit drei Frauen über ihr gesellschaftliches Rollenbild, die Männer und ihre Arbeit.

Wenn auf Werbetafeln für Stipendien oder Studiengänge geworben wird, tragen junge Frauen ein offenes Kopftuch, geheiratet wird anscheinend auch ohne Kopfbedeckung. Und auch im Fernsehen bezaubern Moderatorinnen und weibliche Talkgäste mit ihren Gesichtern und nicht mit Abwesenheit. Trotzdem: Bei einem Popmusik-Video, das in einem der zahlreichen afghanischen Fernsehsender gezeigt wird, werden die voll bekleideten Tänzer und Tänzerinnen abwechselnd im Brustbereich und in der Hüftgegend weichgezeichnet, damit ihre Bewegungen auf Zuschauer nur ja nicht „erregend“ wirken.

„Mein Leben ist ein Beweis dafür, dass Frauen nur Mut haben müssen“
In Masar-e Scharif treffen wir eine lokale Berühmtheit. Sara Bahai (44) trotzt der Männerwelt ihrer Stadt, indem sie als einzige Taxifahrerin jobbt. Sie ist zudem Lehrerin und Frauenrechtsaktivistin. Zig Interviews hat sie verschiedenen internationalen Medien schon gegeben, nun der österreichischen Kronen Zeitung. Als sie ihren Wagen parkt, fühlt sich ein junger Mann bemüßigt, sie einzuweisen. Sie s
traft ihn mit Ignoranz. Ununterbrochen klingelt eines ihrer zwei Handys - Textnachrichten und Fahrbestellungen -, während sie von links und rechts gegrüßt wird. Bei jedem Anruf wird abgehoben, sie bittet alle ihre Stammkunden um Verständnis, sie gebe gerade ein Interview.

Bahais Botschaft ist simpel: „Mein Leben ist der Beweis dafür, dass Frauen nur Mut haben müssen.“ Sie gibt aber zu, dass junge Mädchen es viel schwieriger hätten, ihren eigenen Weg zu gehen, als ältere. Schon öfter wurde sie für ihren Aktionismus, ihren Kampf attackiert. Auch muss sie sich um ihre eigene Sicherheit kümmern, blaues Auge und Drohungen inklusive. Sara hat den Frauen eine Möglichkeit geschaffen, den Männern zu trotzen und selbstständig Geld zu verdienen, mit einem Taxi, auch wenn der Anfang hart war. „Die Männer in der Stadt haben sich über mich lustig gemacht, mittlerweile ist ihnen dabei fad geworden“, sagt sie. Dank ihr fahren jetzt bereits vier Frauen eigenständig Taxis - unter ihrer Führung natürlich. Das nächste Ziel steht schon fest: Sie will mehr Fahrzeuge beschaffen.

Plötzlich ruft der Muezzin der Moschee, die sich direkt neben unserem Treffpunkt befindet, zum Gebet auf. Männer reihen sich beim Eingang auf und starren uns an. Eine Taxifahrerin, die sich mit westlichen Herren unterhält, ist hier doch ein ungewöhnlicher Anblick. Sara beschwichtigt die Situation mit viel Heiterkeit: „Wenn die Männer uns blöd kommen, müssen wir sie prügeln“, scherzt sie.

Interview abgelehnt: „Mein Vater ist schwer dagegen"
Die Frauen unterstehen in Afghanistan noch immer dem Patriachat - dem Vater oder Ehemann. Wie auch das nächste Beispiel zeigt. Beim Rückflug von Mazar-e Scharif nach Kabul kommen wir mit einer jungen Stewardess, die bei Kam Air - einer der zwei nationalen Fluglinien - tätig ist, ins Gespräch. Ihre Dienstkleidung ähnelt der Uniform des Emirates-Bordpersonals. Drei Tage später folgt ihre Antwort auf unsere Interviewanfrage: „Danke, ich fühle mich geehrt, aber mein Vater ist schwer dagegen.“

Ehemänner und die Gehaltsschecks 
Als wir eine weitere Gesprächspartnerin zu einem Treffen überreden wollen, erzählt uns der internationale Arbeitgeber, ein Verpackungsunternehmer, wie er es geschafft hat, Frauen direkt zu unterstützen. Zu Beginn des Projekts kamen am Monatsende die Ehemänner und nahmen die Gehaltsschecks ihrer Frauen entgegen. Daraufhin erhielten alle Mitarbeiterinnen Mobiltelefone und ihr Verdienst wurde ihnen per Handy überwiesen - die Männer mussten es wohl oder übel zur Kenntnis nehmen. Nun ist es im Unternehmen die Norm, dass die Arbeiterinnen direkt ihren Lohn bekommen.

Im Erdgeschoß einer Einkaufshalle im Zentrum Kabuls bekommt man in einer Filiale der beliebten Kette „Chief Burger“ alles, was das Herz begehrt: thailändische Tom-Yam-Gung-Suppe, Cheeseburger, Pizza, indische Dal-Gerichte und frisch gepresste Säfte. Hier treffen wir Mina. Sie gibt sich anfangs zögernd und ist mit unserem Wunsch, das Gespräch zu filmen, etwas überfordert. Deshalb schlagen wir vor, sie möge verschleiert kommen - und damit ist das Vertrauen gesichert. Letztendlich will sie trotzdem nicht gefilmt werden und erscheint mit offenem Kopftuch. Vorsichtshalber kommt sie aber in Begleitung ihrer Freundin Fariba (23). Mina ist 26 Jahre alt und hat bereits ihre eigene Marmeladenproduktion ins Leben gerufen und es danach sogar bis in die Politik geschafft. Dort leitete sie eine Kampagne für einen Anwärter eines Ministerpostens.

„Ich will eine erfolgreiche Geschäftsfrau werden!“
Was ist die größte Herausforderung für arbeitende Frauen? „Die hohe Arbeitslosigkeit, die Ethnie und sexuelle Belästigung.“ Ihren Eltern hat sie Stück für Stück von kleinen Jobs berichtet, anfangs aber alles verheimlicht. Dass die Produktion der Marmeladen nicht ausreicht, um national und international konkurrenzfähig zu sein, behält sie für sich. Auch dass ihr Geschäftspartner mittlerweile ausgestiegen ist, muss nicht jedes Familienmitglied wissen. Was ist Minas größter Wunsch? „Ich will eine erfolgreiche Geschäftsfrau werden!“ Afghanistan zu verlassen, ist ihr noch nie in den Sinn gekommen. Dafür ihrer Freundin Fariba, die in einem Reisebüro arbeitet und sofort nach Europa losziehen würde, wenn sie könnte. Ob es am Geld oder der Linie der Familie liegt, will sie nicht verraten.

krone.at-Videoreporter Alexander Bischofberger hat sich eine Woche lang in Afghanistan umgesehen und beschreibt seine Eindrücke in der großen krone.at-Asyl-Serie. Hier erfahren Sie alles über die Serie und können Teil 1 nachlesen.

Alexander Bischofberger-Mahr
Alexander Bischofberger-Mahr
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