31.01.2019 15:29 |

Allein in vier Jahren

153 Menschen in Mexikos U-Bahn spurlos verschollen

Die U-Bahn von Mexiko-Stadt befördert täglich rund 5,5 Millionen Menschen - neben Neu-Dehli in Indien die zweitmeisten der Welt. Doch nicht jeder Passagier kommt auch sicher an seinem gewünschten Ziel an. Allein seit 2015 sind im weitverzweigten Netz der lateinamerikanischen Metropole mindestens 153 Menschen spurlos verschwunden - sehr viele von ihnen sind junge Frauen. Experten sprechen daher mittlerweile sogar vom „mexikanischen Bermudadreieck“. Und erfolgversprechende Maßnahmen gegen diese erschreckende Statistik sind nicht wirklich vorhanden ...

Offizielle Statistiken der mexikanischen Polizei weisen von 2015 bis 2017 138 verschwundene Menschen im U-Bahn-Netz der Hauptstadt aus, wie die spanische Zeitung „El Pais“ kürzlich berichtete. 2018 gab es zudem 43 neue Vermisstenmeldungen von Personen, deren Spuren sich in den unterirdischen Gängen von einer der 195 Stationen verloren.

65 Prozent dieser Fälle konnten aber wieder geschlossen werden, weil der oder die Vermisste doch wieder auftauchte. 35 Prozent der Meldungen - das entspricht 15 Menschen - harren aber auch heute noch ihrer Klärung. Damit sind aktuell mindestens 153 Personen, deren letzter bekannter Aufenthaltsort in der Metro oder einer ihrer Stationen war, spurlos verschollen.

Viele der Verschwundenen sind Frauen
In der Statistik wird dies zwar nicht genau aufgeschlüsselt, dennoch kann angenommen werden, dass es sich bei einer Vielzahl der Fälle auch um verschleppte Frauen handelt, die dann oftmals als Sexsklavinnen enden oder nach einer Vergewaltigung umgebracht werden. Das ungeklärte Verschwinden von Frauen ist seit Jahrzehnten ein Problem der mexikanischen Gesellschaft. Den traurigen Höhepunkt bilden die Frauenmorde von Ciudad Juarez, in der seit den 90er-Jahren Hunderte Einwohnerinnen getötet worden sein sollen.

Der chilenische Autor Roberto Bolaño setzte in seinem Roman „2666“ den Ereignissen ein schauriges literarisches Denkmal und wies hier vor allem auf die tief in der Gesellschaft verankerten Probleme hin. Zu einer weithin geduldeten Gewalt an Frauen kommen nämlich meist auch noch haarsträubende Ermittlungsfehler der Polizei oder schlichtes Desinteresse der Einsatzkräfte, die Fälle aufzuklären.

„Es schmerzt sehr, fast auch ein Teil dieser Statistik der Verschollenen geworden zu sein“, erklärt so etwa die 30-jährige Graciela gegenüber „El Pais“ und erzählt von einem Vorfall, der fast in der Katastrophe geendet hätte. Die Mexikanerin wollte Mitte Jänner dieses Jahres die U-Bahn benutzen, um ihre Tochter von einer Therapie abzuholen. Auf einer Stiege wurde sie plötzlich von einer Gruppe von fünf Männern und einer Frau umringt und bedrängt, die sie offensichtlich verschleppen wollten.

Im Hintergrund hörte sie sogar noch ein Feilschen um den Preis: „Für die geben sie dir 20.“ Erst nach einem kurzen Kampf konnte sie sich befreien und zum Glück in einen wartenden U-Bahn-Waggon springen. „Hätte ich nicht flüchten können, würde ich wohl als ein weiterer Vermisstenfall auf dem Tisch der Ermittler liegen“, schließt die 30-Jährige nachdenklich.

Gegenmaßnahmen fruchten wenig
Den Betreibern des U-Bahn-Netzes ist dabei durchaus bewusst, dass oft Frauen Opfer von Gewalt oder sexuellem Missbrauch in den Stationen oder Zügen werden. So wurden etwa Waggons eingeführt, die nur von weiblichen Passagieren benutzt werden dürfen. Damit sollen sie vor den übelsten Übergriffen geschützt werden. Zusätzlich wurde viel in Videoüberwachung investiert. Alleine 3417 Kameras überwachen etwa die Bahnsteige der städtischen Metro. Die stetig steigende Anzahl an spurlos verschollenen Menschen konnte dies bisher aber nicht eindämmen.

Das Misstrauen sitzt tief
„Die Videokameras decken leider nicht alle Ecken der Stationen in der U-Bahn ab, daher können wir die Spuren auch nicht immer lückenlos verfolgen“, erklärt ein Sprecher der Justiz gegenüber der spanischen Zeitung. Das Problem dürfte aber auch hier durchaus tiefergehend sein: In vielen Fällen entscheiden sich Opfer, die ihren Häschern gerade noch durch die Finger schlüpften und so entscheidende Hinweise für die Ermittlungen geben könnten, gegen eine Anzeige bei der Polizei.

So auch die 30-jährige Graciela: „Ich habe vor ein paar Jahren einfach schlechte Erfahrungen damit gemacht.“ Aufrufe, nach solchen Vorfällen unbedingt zu den Behörden zu gehen, fruchten wenig, weil das Misstrauen tief sitzt.

Den Opfern wird selten geglaubt
Daneben haben Frauen aber oft auch mit einem weiteren Problem zu kämpfen, nämlich mit dem Unverständnis ihres sozialen Umfeldes. „Das Schlimmste ist, wenn sie dir erklären, dass so etwas hier doch gar nicht passieren kann“, erzählt Graciela über ihre konkreten Erfahrungen nach dem Vorfall. Sie sei als Lügnerin bezeichnet worden, die einfach maßlos übertreibe.

Es sei doch bei dem Übergriff höchstens um einen versuchten Raub gegangen, hieß es. „Doch die Typen haben in keinem Moment nach meiner Tasche oder meinem Mobiltelefon gegriffen“, sagt sie ernüchtert. Und auch die offiziellen Erklärungen deuten zumindest auf eine gewisse Laschheit bei den Ermittlungen hin. „Wir wissen nicht einmal, ob für die vielen Verschwundenen eine einzelne kriminelle Organisation verantwortlich ist, oder ob die Fälle überhaupt zusammenhängen“, heißt es lapidar von den Behörden.

Auch im Fall der zahlreichen in Mexikos U-Bahn Vermissten scheint es also nicht nur um die reinen Verbrechen an sich zu gehen, sondern um ein tiefsitzendes Problem mit Gewalt gegen Frauen in der lateinamerikanischen Gesellschaft. Solange dies nicht angegangen wird, werden wohl noch viele Menschen für immer im „Bermudadreieck“ der Hauptstadt spurlos verschwinden ...

Michael Pils
Michael Pils
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