Sa, 23. Februar 2019
19.01.2019 06:00

Mission vor 40 Jahren

Als Kreisky im Iran die US-Geiseln befreien wollte

Vor 40 Jahren, am 16. Jänner 1979, hatte der (todkranke) Schah Mohammad Reza Pahlavi unter dem Druck des Volksaufstandes den Iran verlassen. Am 1. Februar 1979 kehrte dann Ayatollah Ruhollah Khomeini in einem Jubelrausch aus seinem französischen Exil nach Teheran zurück. Bis 11.  Februar rissen die „Militant Clerics“ - der militante Flügel des iranischen Schiismus - wie Lenin in Russland die Macht an sich. Es war ein wahrer Blutrausch. Bald stürmten Studenten die US-Botschaft und nahmen alle Botschaftsangehörigen als Geiseln. Österreichs Bundeskanzler Bruno Kreisky versuchte damals in Teheran, diese zu befreien. Aus dem Reisetagebuch von „Krone“-Redakteur Kurt Seinitz.

Die Khomeini-Revolution veränderte die ganze Welt. Sie war gleichsam der Zündfunke der globalen „islamischen Renaissance“ mit nachhaltigen Folgen.

Bis heute Folgen für die ganze Welt
Diese „Islamische Republik“ ist eines der wenigen Regime der Welt, das in einem Zeitraum von 40 Jahren keinen inneren Wandel, keine Aufweichung vollzogen hat. Es ruht auf der Macht der Moscheen, der einzigen sozialen Quelle im weiten Land außerhalb der Städte. Die politische Elite ist nach wie vor weltfremd-ignorant. Ihre Wirtschaft könnte auch bei uns nicht funktionieren, wäre der Dompfarrer von Linz ebenso der Generaldirektor der Voest.

Im Zuge der Verschärfung des Regimes stürmten bald Studenten die US-Botschaft und nahmen alle - selektiert weißen - Botschaftsangehörigen als Geiseln, in dem Versuch, die Auslieferung des Schahs zu erpressen. Um die „Hängepartie“ zu durchbrechen, machten sich drei Führer der Sozialistischen Internationalen auf die abenteuerliche Reise in den Hexenkessel: Österreichs Bundeskanzler Bruno Kreisky, begleitet vom Chef der schwedischen Sozialdemokraten, Olof Palme, und Spaniens Oppositionschef Felipe Gonzalez.

Einmalig im Orient: „Wer ist Kreisky?“
Eine Begleitung meinerseits hielt Kreisky wegen der heiklen Mission für nicht möglich. Also flog ich einfach voraus - und landete prompt im Flughafengefängnis von Teheran wegen „illegaler Einreise“. Meine Argumentation, ich sei der Sekretär des in vier Stunden landenden österreichischen Regierungschefs, zog nicht, da keiner der Revolutionswächter - das erste und das letzte Mal im Orient - wusste, wer Kreisky ist.

Unterdessen kam der Leiter des österreichischen Kulturinstituts und Sinowatz- und Kreisky-Intimus Hans „Puschy“ Pusch zum Flughafen, um den Kanzler zu erwarten. Zu seiner Überraschung mit diesem „Konsularfall“ konfrontiert, setzte er - schweißgebadet - alle seine Überredungskünste ein - und konnte mich schließlich herausholen.

Das Sternenbanner als Fußabstreifer
Kreisky landete - und war grantig: „Ah, Sie san a da!?“ Es begann die Geiselbefreiungsmission. Ankunft im Ex-Hilton-Hotel, nunmehr „Esteghlal“, (Unabhängigkeits)-Hotel. Ein großes Sternenbanner als Fußabstreifer am Eingang.

Während Olof Palme seine Joggingrunden um das Hotel drehte, begann Kreisky die Verhandlungen mit Außenminister Sadegh Ghotbzadeh und dann im Rahmen einer Sitzung des Revolutionsrates. Der Höhepunkt war aber das Zusammentreffen mit dem damaligen großen Zampano des Revolutionsgeschehens: mit Ayatollah Mohammad Beheschti. Der hatte den Spitznamen „Ayatollah Rasputin“ und stand als Gründungsvorsitzender der „Revolutionspartei“ in Verdacht, dem Ayatollah Khomeini das „Geschäft“ aus der Hand nehmen zu wollen.

Beheschti als der große Strippenzieherhatte sein Hauptquartier der Einfachheit halber im Justizministerium. An den Wänden klebten Blutspuren - diese konnten aber auch noch aus der Zeit des Schahs sein. Beheschti sprach als langjähriger Imam von Hamburg Deutsch besser als Goethe. In Teheran herrschten unerträglich hohe Temperaturen, als Kreisky nun auf Beheschtis Besuchersofa Platz nahm. Das Gespräch wollte gar nicht in Gang kommen, während sich Kreisky mit seinem bekannt großen weißen Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischte. Endlich fand Beheschti die ersten Worte: „Ja, ja, Herr Bundeskanzler, es ist heiß in Teheran.“ Stille. Kreisky seufzt und wischt weiter. Beheschti wird politisch: „Es ist sehr heiß in Teheran.“

In diesem Augenblick war für Kreisky klar, dass seine Mission gescheitert ist und er in Teheran nur mit billigen Sprüchen hingehalten wird. Zornesröte stieg in seinen Kopf. Die funkelnden Augen wurden ganz schmal und Kreisky zischte betont abschätzig in tiefstem wienerischen Dialekt, damit Rasputin auch wirklich seine Ohren spitzt: „Wissen S’wos, Herr Beheschti, bei uns z’Hausgibt’s a Sprichwurt: Wer schwitzt, is gsund! Sie schwitzen net, Herr Beheschti!“

Kreiskys „Fluch“ über „Ayatollah Rasputin“
Es war ein Fluch nach Art orientalischer Patriarchen. Wochen später flog Ayatollah Beheschti bei einem Bombenanschlag mitsamt der 85-Mann-Führung der Revolutionspartei in die Luft. Das Areal um den Parteisitz war zwar hermetisch abgeriegelt gewesen, doch die „Volksmudschahedin“ oder andere Widerstandsgruppen hatten ein nahes Gebäude vom Keller bis zum Dach mit Sprengstoff angefüllt. Zurück blieb ein riesiger Krater in diesem Teheraner Bezirk.

Übrigens zu den Folgen: Beheschtis Rivale und späterer Präsident unter Khomeini, Ali Akbar Haschemi Rafsandschani, hatte das Gebäude vorzeitig verlassen. Khomeini selbst verbot jede weitere Parteigründung. Außenminister Ghotbzadeh wurde als Verräter erschossen. Die US-Geiseln wurden nach 444 Tagen unbehelligt und kommentarlos am 20. Jänner 1981 freigelassen, dem Tag des Amtsantritts von US-Präsident Ronald Reagan.

Was lief da alles im Hintergrund ab? Wir sind hier im Orient - bitte lieber nicht fragen. Verschlungen sind die Wege auch durch Revolutionsintrigen. Die Geiselbefreiungsmission war von Anfang an im Zeichen eines großen Missverständnisses gestanden: Die von der Welt ahnungslosen Revolutionäre im Iran glaubten, hier komme eine Bande von Kommunisten - also ihre, weil gottlos, ärgsten Feinde.

Die USA dankten Kreisky die Bemühungen mit keinem Wort.

Kurt Seinitz, Kronen Zeitung

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