11.12.2018 07:00 |

„Krone“-Interview

Angelo Kelly: „Die Bühne ist wie ein Marktplatz“

Bei Angelo Kelly weiß man momentan gar nicht, wo man mit den Aufzählungen zu Erfolgsgeschichten beginnen soll. Bevor er wieder groß mit der Kelly Family unterwegs ist, wird‘s mit seiner eigenen Frau und den gemeinsamen Kindern am 14. 12. in Wien noch besinnlich. Im Interview ließ er tiefer in seine Seele blicken.

„Krone“: Angelo, bevor du nun mit deiner eigenen Familie auf Weihnachtstour gegangen bist, hast du einen Triumphzug mit der Kelly Family gefeiert. Auch in der Wiener Stadthalle habt ihr alle von den Sitzen gerissen. Wurden die Erwartungen am Ende übertroffen?
Angelo Kelly:
Auf jeden Fall. Ich hatte mehr Erwartungen als alle anderen Geschwister, das habe ich schon am Anfang klar gemacht. Ich wollte Nummer eins mit dem Album gehen und die Westfallenhalle füllen. Nicht alle waren davon überzeugt, aber was wir jetzt erlebt haben, das ist unglaublich. Das Album verkauft sich noch heute stark und wir hatten reihenweise ausverkaufte Zusatzkonzerte und Open Airs. Der Auftritt in Wien war fantastisch und die Stimmung war sensationell. Jeder sang mit und so ging das auf Tour sehr oft. Es gab fast keine Stadt, die nicht besonders war.

Wie weit lässt sich diese Euphorie nun auf die Konzerte von Angelo Kelly & Family mittragen?
Es ist nicht der Grund, warum ich das mache, ich will die Welle nicht nützen. In den letzten Jahren habe ich mit diesem Projekt pausiert und die eigene Musik auf Eis gelegt, damit ich die Energie für das Kelly-Family-Comeback aufwenden konnte. Es war jetzt aber höchste Zeit, hier wieder weiterzumachen. Vor dem Comeback habe ich mit meiner eigenen Familie viel Erfolg aufgebaut und wir füllten schon 2000er-Hallen. Nach dem Comeback hat das natürlich eine andere Präsenz, aber wegen der Kelly Family kommt keiner automatisch zu mir. Hier klingt alles sehr irisch und man muss nicht unbedingt gleich die Stimmen meiner Frau und meiner Kinder mögen. Wir sind in Deutschland mit „Irish Heart“ auf Platz zwei eingestiegen und in Österreich auf fünf - das ist schon sehr toll.

Die ganz wilden Joey-Kelly-Rocknummern würde sich von euch ja ohnehin keiner erwarten. Spürst du eine andere Art von Nervosität, wenn du mit der eigenen Familie auf Tour bist?
Ich habe eine Verantwortung als Vater, meine Kinder zu beschützen und darauf zu achten, das alle gesund bleiben. Als musikalischer Chef habe ich die Verantwortung, eine gute Show zu kreieren und den Kindern trotzdem Freiraum für ihre Spontanität zu schaffen. Man kann mit ihnen nicht alles planen, sondern muss die Parameter so setzen, dass sie gut zur Geltung kommen und sich wohlfühlen. Es passieren immer Sachen, mit denen man nicht rechnet, aber da ich selbst so aufgewachsen bin, kenne ich mich auf diesem Gebiet gut aus. (lacht) Man will die Kinder ja nicht drillen. Die Songs sind einerseits gut arrangiert, aber dann gibt es Momente, wo plötzlich der Kleine nach vorne läuft, auf der Ukulele trällert und die Leute lachen. Das ist auch das Schöne, man muss entspannt und spontan bleiben. Hier ist alles authentisch und familiär.

Viele Leute kritisieren auch die Tatsache, dass Kinder bereits ab zwei oder drei - wie in eurem Fall - auf die Bühne geholt werden.
Mir ist es eigentlich egal, was die Leute sagen. Will sich jemand eine Meinung machen, dann sollte er sich das Album anhören und das Konzert besuchen. Viel zu schnell werden Klischees abgerufen, die man nicht jedem pauschal aufdrücken kann. Musik und Kunst sollen die Gesellschaft wiederspiegeln und die Geschichten von uns Menschen erzählen. Was gibt es besseres dafür als die Familie? Ich bin der Überzeugung, dass eine Familie auch auf die Bühne gehört, aber die Bühne muss gesund sein. Dort muss man atmen können, sie darf nicht sterilisiert und von Managern überflutet sein. Die Bühne muss wie ein Wohnzimmer sein, wo man sich wohlfühlt. Das ist meine Aufgabe.

Gibst du deine eigenen frühen Kindheitserfahrungen im Rampenlicht an die Kinder weiter?
Ja, genau. Ich bin auf der Bühne aufgewachsen und meine Kids haben schon vor sechs, sieben Jahren angefangen, mit mir was zu machen. Es waren zuerst Theater, dann kleine und größere Hallen - alle wuchsen natürlich hinein und nichts passierte von heute auf morgen. Letztendlich gibt es sicher Fälle in der Branche, die nicht so schön sind, aber damit kann man nicht alle stoppen oder dauernd pauschalisieren. Das ist nicht korrekt. Was kommt als nächstes? Alte und behinderte Menschen dürfen nicht auf die Bühne? Sie ist eine Plattform für alle und die Leute sollen entscheiden, wo sie hingehen. Wenn jemand das nicht gut findet und nicht kommt - fein. Aber eine Bühne ist wie ein Marktplatz, das ist nichts Schlimmes und man sollte niemandem verbieten, dort oben zu stehen.

Gerade bei den Kleinen kann es schnell passieren, dass sie mal keine Lust auf ein Konzert haben. Was machst du dann?
Das ist kein Problem. Es müssen nicht bei jedem Konzert alle mitmachen, das passiert auch nie. Ein- zweimal war einer müde und wollte im Backstage bleiben, aber dann haben ihn die anderen sofort wieder mitgerissen. Es wurde an den Teamgeist appelliert und genau das Kind, das nicht wollte, war nach der Show am meisten zufrieden. Jedenfalls wäre das kein Drama. Angelo Kelly & Family kann aus allen sechs bestehen, aber auch aus drei. Je mehr, umso besser, aber das ist nicht in Stein gemeißelt.

Würdest du sagen, dass du von der gesamten Kelly Family die Traditionen und Lebensweisen deiner Familie am Exaktesten weiterführst?
Das war nie meine Intention, aber es ist wohl so. Ich wollte das nicht unbedingt so, aber es entwickelte sich einfach. Wir machen vieles sehr anders als andere, aber gewisse Grundparameter sind schon ähnlich dem, wie es bei mir war.

Was hat dich besonders geprägt, dass du diese Traditionen in deiner eigenen Familie fortsetzt?
Ich war der Jüngste von Zwölf und konnte mir selbst immer eine große Familie vorstellen. Musik hat mich stets begleitet und ich habe sie immer geliebt. Ich fühlte mich auf der Bühne zuhause und das vermittle ich meinen Kindern, so wachsen sie auf. Was sie später daraus machen, ist ihre Sache. Vielleicht sind es nur Erfahrungen, die sie im Leben selbstbewusst und stark machen, damit sie vor nichts Angst haben, kreativ sind und mehr Fleiß in ihre Sache stecken. Diese Werte kann man auch in andere Berufe mitnehmen, aber ich würde mich freuen, wenn manche mit der Musik weitermachen. In erster Linie sollen sie im Leben aber etwas finden, was sie glücklich macht.

Zwischen 2010 und 2013 seid ihr vom TV begleitet nomadenhaft herumgereist, bis ihr schlussendlich in Irland gelandet seid. Da gab es für die Kids natürlich schon Internet und Social Media. Habt ihr ihnen plötzlich alles abgedreht?
Vorher gab es zuhause weder Fernseher noch Internet für die Kinder - das kam erst bei den Älteren dazu, die jetzt 16 und 15 sind. Sie haben seit einem Jahr ein Smartphone und dürfen gewisse Sachen damit machen. Viel früher wollen wir damit nicht anfangen, das muss nicht sein.

Das Album „Irish Heart“ ist eine Liebeserklärung an deine Heimat, die ihr nun gefunden habt. Was definiert für dich Heimat und was macht Irland so besonders?
Die Kultur, der Humor, die Menschen, die Landschaft, selbst das Regenwetter und auch die Musik und der Tanz faszinieren mich. Die Iren haben viel Leidenschaft und Kampfgeist und das Land hat 800 Jahre lang unter der Unterdrückung der Engländer gelitten. Sie haben stets für ihre Identität gekämpft, das hat die Menschen dort sehr geprägt. Das irische Herz ist einzigartig. Egal, wo ich in meinem Leben gewohnt habe, oder wo wir waren, ich fühlte mich immer irisch. Seit fünf Jahren leben wir nun dort und nun kann ich mich endlich stärker mit der Musik, der Kultur und dem Verständnis dafür befassen. Als Musiker bist du ein Schwamm, der alles aufsaugt, das zu deiner Musik wird. Diese Musik von dort zu verstehen hat meine Musik noch einmal neu geprägt.

Neben vielen Eigenkompositionen hast du auch traditionelle irische Lieder auf dem Werk versammelt. Nach welchen Kritikpunkten bist du für das Album schlussendlich vorgegangen?
Ich wollte auf jeden Fall viele eigene Songs draufhaben, aber auch schauen, welche traditionellen irischen Klassiker man wagen könnte. Bei manchen Songs wusste ich vorher nicht, ob das gelingt - man hat da aber ein Bauchgefühl dafür und die selbstgeschriebenen Songs fühlten sich sowieso gut und richtig an. Es gibt ein altes irisches Sprichwort, das besagt, dass es zu jeder Geschichte zwei Versionen gibt und zu jedem Song zwölf. Warum, das weiß ich nicht, aber das ist ein ungeschriebenes Gesetz und insofern kann man Hunderte Jahre alte Songs immer noch neu interpretieren und etwas Eigenes kreieren. Die Mischung fand ich reizvoll und die funktioniert jetzt auch. Es sind nicht zwei zusammengebaute Platten, sondern man hat immer eine Brücke.

Wie stolz bist du darauf, dass das Album schlussendlich ein Familienprojekt wurde, wo auch wirklich alle Familienmitglieder komponierten?
Ich bin der Produzent und Chef von der ganzen Geschichte, insofern habe ich das entschieden, weil ich die Vision im Kopf hatte. Ich habe die Kinder aber auch ermutigt, Songs zu präsentieren und beizusteuern. Ich habe ihnen beim Arrangieren und Produzieren geholfen und am Ende kam viel Gutes dabei raus. Sie alle haben wirklich tolle Nummern beigesteuert. Helen hatte einen Song, wollte ihn mir aber nicht vorstellen - sie hat sich nicht getraut. Und ganz am Ende kam sie dann mit „Fly Away“ an, weil sie merkte, dass wir alle anderen auch schrieben.

Viele Songs handeln auch von der Liebe zu deiner Frau und vice versa, die schon sehr lange hält. Ein Glück, das im Leben nicht allen über so lange Zeit gewahr ist. Ist die Musik ein wichtiger Faktor für dieses Zusammenspiel?
Die Musik ist eine Frucht unserer Liebe, aber nicht umgekehrt. Der Song „Like The Movies“ erzählt unsere Geschichte und als mir Kira das vorsang, war ich sehr berührt. Die Basis für unsere Liebe war aber die Freundschaft, die schon in der Kindheit begann. Man muss sich lange kennen und sicher sein, bevor man Kinder hat und wir hatten ausreichend Fundament. Die Musik haben wir immer beide gemacht, aber sie ist nur eine Ausdrucksform. Das Leben dreht sich nicht nur um die Musik. Wenn du nur Musik machst, aber nicht lebst, keine Bekanntschaften machst und nichts zu erzählen hast, dann kannst du auch nichts weitergeben. Ich liebe Musik, aber ich bin nicht nur die Musik da, sondern einfach der Mann, der ich charakterlich bin. Primär wichtig ist es, ein guter Vater und Ehemann zu sein und dann kommt die Musik von selbst.

Sagt man sich durch Songs wie „Like The Movies“ so romantische Dinge, die vielleicht nach so vielen Jahren in einer Beziehung unweigerlich auf der Strecke bleiben würden?
Auch. Aber wir sagen uns oft, was wir uns bedeuten. Die Musik ist natürlich eine emotionale und rührende Art, das zu vermitteln.

Ist das nicht auch ein besonderes Gefühl, wenn du dann wie im Song „Danny Boy“ auf einem Album tatsächlich deinen Siebenjährigen singen hörst?
Ich habe diesen Song als kleiner Junge gesungen, auch meine älteren Brüder. Dann unser ältester Sohn Gabriel und jetzt singt ihn Joseph. Das ist schon eine ganz große Besonderheit für mich, da kriege ich richtig Gänsehaut.

Die zwei ältesten sind schon mitten im Teenageralter, wodurch sich die Frage stellt, wie weit sie sich den Eltern gegenüber öffnen wollen. Gerade in dem Alter will man ja nicht unbedingt immer, dass die Eltern alles vom Leben mitbekommen.
Das denkt man sich immer, aber Gabriel hat uns mit „Love Side Effects“ sogar einen Einblick in seine Gedanken und seinen Schmerz gegeben. Da steckt so viel Liebeskummer drinnen. Wir wussten einiges, aber in diesem Song wird es noch viel deutlicher. Es ist toll, dass er den Mut hat, das nach außen zu tragen. Auch der Song „Let Go“ von Kira und Gabriel, wo es darum geht, dass er in den nächsten Jahren seinen Weg gehen wird und die Mutter loslassen muss, ist sehr mutig und persönlich. Gabriel hat seinen Part gesungen und er schreibt quasi, dass es okay ist, dass er seinen Weg gehen müsse, aber immer wieder zurückkäme. Da ist keine erzwungene Coolness drinnen, aber so erziehen wir unsere Kinder. Man sollte keine Angst haben, seine Gefühle mitzuteilen - das sollte eigentlich normal sein.

Dir ist aber voll bewusst, dass er auf einem Scheideweg ist und sich auch gegen die Musik entscheiden könnte?
Natürlich, das ist ganz klar. Jede Platte und jeder Song ist ein Geschenk, das das letzte sein könnte. Wir haben für nächstes Jahr noch nichts geplant, weil wir einfach nicht wissen, wer noch dabei ist und wie sich das entwickelt. Dieses Jahr haben wir abgesprochen und durchgezogen und in den nächsten paar Monaten müssen wir überlegen, was wir im nächsten Jahr machen wollen - vielleicht bin ich dann auch alleine unterwegs. Man baut zwar was auf, aber das ist nicht für die Ewigkeit. Jedes Kind muss seinen eigenen Weg im Leben gehen, eigene Familien gründen und vielleicht etwas anderes studieren.

Nun kommst du mit der „Irish Christmas Tour“ in die Wiener Stadthalle F. Wie wird das aussehen, was kann man sich darunter vorstellen?
Wir sind auf jeden Fall alle dabei, weil wir uns das so vorgenommen haben und auch ein Kind kann sagen, dass es dabei ist. Es sollte im Leben auch lernen, sein Wort zu halten, außer es geht ihm nicht gut. (lacht) Wir haben dazu noch unsere sechs irischen Musiker mit an Bord. Es ist Weihnachtsmusik mit irischen Klängen. Es gibt nicht nur Balladen, sondern es wird viel gefeiert und getanzt. Wir werden aber auch Songs von „Irish Heart“ spielen, nicht nur Weihnachtssongs.

Mit der Kelly Familiy kehrst du schon in einem Jahr wieder nach Wien zurück.
Ich hätte noch eine längere Pause eingelegt, da das Comeback etwas Besonderes bleiben sollte. Ich würde auch kein neues Album machen. Wir haben ca. 25 Platten gemacht, das sind Hunderte Songs und ich glaube, dass neue Platten mit neuen Songs eher in den Solobereich gehören. Wenn man zusammenkommt, dann sollten es schon Songs aus der Vergangenheit sein. Wenn ich dir jetzt meine Ideen erzähle und wir machen das irgendwann, dann hätte ich schon alles verraten. (lacht) Ein Tipp: Mir schwant etwas vor, das auch andere, bekannte Künstler gemacht haben. Es geht darum, dass man etwas im Livebereich macht und diejenigen, die das schon taten, taten das mit einem berühmten Fernsehsender im Hintergrund. Viel Spaß beim Entziffern dieses Rätsels...

Das Weihnachtskonzert von Angelo Kelly mit Familie am 14. Dezember in der Wiener Stadthalle F ist bereits ausverkauft - für die große Show der Kelly Family am 19. Dezember in der Stadthalle Wien erhalten Sie noch Tickets unter www.ticketkrone.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
Kommentare
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Newsletter