14.11.2018 07:00 |

„Krone“-Interview

Seiler und Speer: „Wir sind wieder sympathisch“

Man kennt das Format aus Deutschland. Zwei Band bekämpfen sich auf der Bühne mit eigenen Songs, Cover-Versionen und unbekannten Gästen, um vor Livepublikum zum Sieger gekürt zu werden. Diesen Samstag kommt der Red Bull Soundclash mit Seiler und Speer und The BossHoss in die Wiener Marx Halle. Christopher Seiler sprach mit uns im Vorfeld über den Bewerb, wie das Duo sich nach dem tragischen Autounfall Speers wieder zurückkämpfte und weshalb man sich von politischen Extremansichten nicht unkriegen lassen wird. Zudem gibt es die brandneue Single „Ala bin“ und das nächste Album steht ante portas.

Christopher, hast du eine ungefähre Ahnung, was beim Red-Bull-Soundclash zwischen Seiler und Speer und The BossHoss genau auf dich zukommt?
Christopher Seiler:
Ich weiß das, weil ich letztes Jahr im Dezember in Hamburg am Soundclash war. Das war damals Hip-Hop mit Samy Deluxe, aber das Konzept ist dasselbe.

War es für euch von vornherein klar, dass ihr das machen wollt?
Schon ja, denn es ist sehr cool mit den zwei Bühnen. Das gab es in der Form auch noch nicht.

Was weißt du denn über die Jungs von BossHoss?
Ich habe sie im Zuge eines Teaserdrehs in Graz kennengelernt und war mit ihnen WM schauen. Ich weiß, welche Musik sie machen und dass sie sehr gemütliche Leute sind. Das reicht eigentlich schon. (lacht) Nicht, dass ich nicht mehr wissen wollte, aber mehr weiß ich einfach nicht.

Gibt es zwischen euch auch Parallelen?
Ich sehe gar keine. Wir machen verschiedene Musikrichtungen, haben unseren ganz anderen Background durch die Serie „Horvathslos“ etc. Die einzige Parallele ist, dass die Band mit sieben Köpfen jeweils gleich groß ist, wodurch der Sound ziemlich gleichwertig ist.

Worauf freust du dich beim Soundclash am meisten?
Auf das Spielen. Wir kommen von einer Deutschland-Tournee, wo wir bis Hamburg raufspielten und sind traurig, dass es schon vorbei ist. Der Livemoment ist unbezahlbar und durch dieses Clash-System noch einen Tick besser und spannender. Wir freuen uns extrem darauf.

Ihr seid in Österreich so beliebt, dass das in punkto Publikumsgunst und Beliebtheit wohl ein Kampf auf schiefer Ebene wird.
So einvernommen bin ich nicht, aber durch den kleinen Heimvorteil wird es für BossHoss etwas schwerer sein. Aber wir sind ja nicht beim Rap oder einem richtigen Battle. Wir sind alle zivilisierte Menschen und werden dort keine Mütter beleidigen. Die Musik soll im Vordergrund stehen und die verschiedenen Covers und neuen Genres auffallen. Das Konzept ist schon was sehr Wunderbares.

Wie bereitet ihr euch speziell auf dieses Event vor?
Ganz normal, nur dass es hier etwas aufwändiger ist. Uns kannst du sowieso in kein Genre stecken, denn wir machen was wir wollen. Beim Nova Rock haben wir etwa „Ob und zua“ in Rage Against The Machine verwandelt. All das, was dort erwartet wird, ist nicht weit von uns weg. Wir würden auch gerne eine Swing-Nummer singen und sind offen für alles.

Es gibt unter anderem den Teil „Takeover“, wo eine Band einen Song der anderen fertigspielen muss. Ihr schreibt jetzt alle keine komplizierten Epen wie Pink Floyd, aber wird das nicht schwierig werden?
So weit bin ich nicht in der Sache, aber es ist vorher schon ausgemacht, welcher Song das wird. Da ich vom Schauspiel komme ist es sowieso leichter, mich wo reinzufühlen. Es wird einfach extrem interessant und ich hatte zuvor wenig mit The BossHoss zu tun. Wir haben uns erst so richtig reingehört. Umgekehrt wird es für sie schwerer, weil sie unseren Dialekt singen müssen. Das haben wir den Deutschen voraus, denn Hochdeutsch reden können wir schon.

Welche Nummern von ihnen würdest du gerne covern und warum?
„Jolene“ ist zwar selbst ein Cover, aber die Nummer ist musikalisch und textlich ein Wahnsinn, die würde mich interessieren. Sonst weiß ich gerade gar nichts. Ich könnte jetzt sagen „Don’t Gimme That“, weil das die einzige Nummer ist, die ich aus dem Radio kenne, aber das wäre jetzt auch nicht fair. (lacht)

Du stellst dich ja gerne in all deinen künstlerischen Bereichen neuen Herausforderungen. Brauchst du das, dass du immer wieder den inneren Schweinehund besiegst?
Das ist kein Schweinehundbesiegen, weil mir das alles total Spaß macht. Ich verlange auch von mir, dass ich mich ändere, denn mir wäre es sehr schnell fad, würde ich immer dasselbe machen. Sonst wäre ich Beamter und das war ich fast schon in meiner Lehrzeit, das interessiert mich nicht. Als Musiker kann man gottseidank nicht pragmatisiert werden.

Nach dem schweren Unfall vom Bernhard Speer habt ihr jetzt das Nova Rock und eine große Deutschlandtour hinter euch. Wie fühlt es sich auf der Bühne jetzt an und wie anders ist es als früher?
Es fühlt sich super an und wir sind als Menschen und Künstler stark gereift. Das sieht man auch bei den Liveshows, die Performance kann man mit früher nicht vergleichen. Wir waren sehr schnell weit oben und haben nie aufgehört, eine Pause wäre ohnehin nötig gewesen. Leider Gottes war sie unglücklich erzwungen. Das Schicksal kennt keinen Veröffentlichungsplan und deshalb war die Sache natürlich nicht gut, aber es hat wohl so sein müssen. Wir entwickeln uns in eine sehr positive Richtung.

Seht ihr gewisse Dinge heute anders als früher?
Das generell. Wir merken das bei uns auch gegenseitig innerhalb der Band, dass wir als Menschen gereift sind. Das Halligalli lassen wir eher komplett außer Acht und sind jetzt eher privat auf Party unterwegs. Wir sind geerdeter und teilweise wieder sympathisch, was wir lange gar nicht waren. Es fühlt sich alles gut an gerade.

Habt ihr euch nach dem Unfall selbst reflektiert?
Klar, aber das macht jeder irgendwann. Wenn etwas in eine falsche Richtung geht, muss man die Festplatte neu aufsetzen. Bis zu einer gewissen Zeit ging alles gut, dann weniger und heute ist alles wieder in geordneten Bahnen.

Der Erfolg und der Zuspruch ist unverändert groß - nur geht ihr heute anders damit um?
Wir gehen bewusster mit allem um, denn es ist nichts selbstverständlich. Wie viele Bands kommen, haben einen Hit und sind wieder weg? Das hat man anfangs auch uns sehr oft prophezeit. Dem war dann eben nicht so und heute wissen wir das zu schätzen. Wir haben aber auch nichts geschenkt bekommen. Es gibt jetzt oft das Thema Förderungen - davon haben wir nie etwas gesehen. Subventionen gingen immer an uns vorbei und unser erstes Album wurde sogar von der Musikförderstelle abgelehnt. Wir sind schon stolz darauf, dass wir alles selbst erreicht haben und auch, dass wir solche Schicksalsschläge überstanden haben. Das hat schon etwas Wertiges.

Hat sich auch die Beziehung zwischen dir und Speer verändert? Seid ihr enger zusammengewachsen?
Das schon, die Atmosphäre ist total angenehm. Wir haben viel Spaß miteinander und wissen, welch Glück es ist, dass wir von all dem leben können. Wir sind wie wir sind und können damit unseren Lebensunterhalt bestreiten. Viele Leute arbeiten, um die Rechnungen bezahlen zu können - dieses Gefühl haben wir nicht.

Viele Medien gingen nach dem Unfall sehr schroff mit euch und eurem Schicksal um. Kann man da wirklich so bedingungslos drüberstehen und das beiseiteschieben?
Das muss man einfach, denn sonst machst du dich verrückt. Auch wenn der private Name von uns im Rampenlicht steht, haben wir eine gewisse Distanz zur Künstlerfigur. Auch die Eltern und Angehörigen werden wahnsinnig, wenn die das lesen. Dir werden Sachen vorgeworfen, die nicht stimmen von Leuten, die mit ihrem eigenen Leben nicht klarkommen und blind draufhauen. Man muss eine Distanz dazu aufbauen. Fehler machen wir alle - wir sind Menschen und keine Roboter.

Abseits der klassischen Medien müsst ihr auch mit den wüsten Beschimpfungen von Trollen im Social-Media-Segment umgehen können. Habt ihr bewusst versucht, Speer in seiner Kranken- und Genesungszeit davor zu schützen?
Natürlich haben wir das gemacht und das ist uns auch sehr gut gelungen. Gerade in einer Zeit, wo du mit der selbst und deiner Gesundheit beschäftigt bist, brauchst du sowas nicht auch noch. Man glaubt immer, die Menschen im Internet wären die Mehrheit, aber das stimmt nicht. Meistens sind die lautesten die dümmsten und die dümmsten die lautesten. Wir haben mindestens doppelt oder dreifach so viele positive Mitteilungen gekriegt. Niemandem von uns war bewusst, dass diese sozialen Medien in eine solche Richtung tendieren würden. Mittlerweile ist es soweit, dass viele Probleme nur durch diese Netzwerke entstehen.

Du hast in vielen Interviews offen über deine Depressionen geredet. Hast du mittlerweile einen Weg gefunden, gut damit umgehen zu können?
Überhaupt nicht. Wenn man so etwas hat, muss man einen Weg finden, damit zu leben. Ich habe gemerkt, dass diese depressiven Phasen Hand in Hand mit extrem potenten künstlerischen Phasen gehen. Es ist paradox, aber das geht quasi parallel und ich habe gelernt, damit zu leben. Ich denke heute auch viel positiver. Das ist ein Mantra, das einfach stimmt. Es klingt plump, aber ist wichtig und tut gut. Wenn du heute ins Internet gehst, siehst du nur reißerische Schlagzeilen und negative Meldungen. Schau dir nur einmal an, wie oft Wien schlechtgemacht wird. Wir alle leben sehr gerne da und fühlen uns wohl und trotzdem glaubst du, die Stadt wäre furchtbar - im Gegensatz zu allen Umfragen und Statistiken. Was ist bei uns so schlecht, wenn sie zum x-ten Mal die beste Stadt der Welt wird?

Wir leben auch in einer politisch prekären Zeit. Nicht nur erst seit dem Statement von Wolfgang Ambros positionieren sich Künstler immer stärker ganz klar in der Öffentlichkeit. Ist es heute wichtiger denn ja, eine klare Meinung nach außen zu tragen?
Das ist ein bisschen ein Damoklesschwert. Jeder Mensch hat das Recht, seine Meinung zu haben, denn sonst würden wir in Nordkorea leben und das will keiner von uns. Man muss die Meinung aber niemandem krampfhaft reindrücken. Jeder Mensch ist ein Bürger und sollte das Recht haben, sich politisch positionieren zu dürfen. So wie es jetzt bei Ambros war oder bei uns damals, als ich mich zur Bundespräsidentenwahl ausdrückte, war es furchtbar. Ich dürfe keine Meinung haben, weil ich ja Künstler wäre. Darf ein Tischler dann nicht politisch sein, weil er Tischler ist? Das ist ja absolut dumm. So landen wir mal in einem totalitären Staat und da will keiner hin. Wir erleben immer wieder, dass beste Freunde nicht mehr miteinander reden, wenn es um Politik geht. Das kann nicht sein, wo bleibt da das Menschsein? Profitieren tut davon keiner. Wenn jeder Mensch sich und seine Meinung respektiert und nicht als Meinungsmarionette eines anderen dasteht, dann wird politisches Engagement hoffentlich kein Problem sein.

Merkst du auch, dass der Wind für Musiker und Kabarettisten extrem scharf weht?
Auf jeden Fall, das spürst du von allen Seiten. Ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Wir hatten das alles schon einmal und es kommt in gewissen Zirkeln immer wieder und man muss drüberstehen. Wenn ich lese, dass Leute CDs wegschmeißen, weil sich der Ambros deklariert, dann frage ich mich, wo sind wir denn da gelandet? Da ist ja der Wahnsinn. Wo soll denn ein Künstler stehen? Falco, Drahdiwaberl - die alle kommen aus einem gewissen Eck. Wenn man die Texte liest und die Shows besucht, dann weiß man ja genau, wo diese Künstler stehen - das gilt auch zB für Georg Danzer. Die meisten politischen Meinungen sind ja noch nicht einmal welche. Sie werden von anderen kreiert und dir so lang um die Ohren gehaut, bis du sie auch glaubst. Ich hoffe, das legt sich irgendwann wieder, wie sich auch sonst alles legt.

Als ihr damals Hans Söllner als Supportact auf Tour hattet, wurde er teilweise von eurem Publikum gnadenlos ausgepfiffen. Was geht da in euch vor und hat euch das nicht extrem überrascht?
Für uns war es ein Statement, dass wir den Hans auf der Bühne hatten. Die Leute wussten nie, wo sie uns hinordnen sollen oder in welchem Lager wir wären. Wir sehen uns aber als Menschen und stehen in der Mitte. Wenn jemand ein Arschloch ist, ist er ein Arschloch - aber unabhängig von wo er kommt. Der Grundgedanke ist, wie man sich verhält und sich gegenseitig behandelt. Das hat nichts mit einem politischen Lager zu tun. Das sagen Menschen- oder der Hausverstand - obwohl der mittlerweile auch instrumentalisiert wurde. (lacht) Es hat uns schon geschreckt, dass auf den Söllner so reagiert wurde, aber es haben ihn auch nicht alle ausgepfiffen. Da wir uns selbst in der Mitte befinden, haben wir aber Leute aus allen Richtungen und das finde ich gut. Kunst sollte nicht ausgrenzen, sondern verbinden. Einerseits wurde bestätigt, was ich wusste, andererseits war ich etwas schockiert. Jemanden wegen seiner Meinung auspfeifen ist nicht okay. Da wird immer von Toleranz gesprochen und dann ist man nicht tolerant.

Wie geht es jetzt bei Seiler und Speer weiter? Was passiert in nächster Zeit so alles?
Wir arbeiten an unserem nächsten Album. Dann ist hoffentlich bald Weihnachten und ich stehe vor dem Christbaum, halte die Pappen und schaue mir einfach nur die Kugeln an. (lacht) Im April 2019 wird das nächste Album erscheinen und das wird entscheidend für uns sein. Es ist das wichtigste Werk für uns, weil es ein Indikator ist. Das zweite Album war anders, aber wir waren da gerade im Strudel mit uns selbst. Jetzt können wir uns wieder messen, wo wir stehen. Ich arbeite gerade mit der ganzen Band daran, die lustigerweise nur aus Metallern besteht. Wir stehen mit den ärgsten Metalheads auf der Bühne, wo einer sogar mit Belphegor auf Welttournee war. Das ist eigentlich ein Wahnsinn, aber es funktioniert und macht irrsinnig viel Freude.

Am 17. November battlen sich Seiler und Speer mit The BossHoss beim Red Bull Soundclash in der Wiener Marx Halle. Im August 2019 sind sie u.a. beim Open Air in Gmunden zu sehen. Alle weiteren Infos und Tickets unter www.seilerundspeer.at

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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