Peinlich, peinlich

D: Bundespräsident mit falschen Details in Gedenkrede

Ausland
09.10.2009 20:34
In seiner Rede zum 20. Jahrestag der friedlichen Revolution in Leipzig soll der deutsche Bundespräsident Horst Köhler (Bild) am Freitag teils falsche historische Details genannt haben. "Sollte sich herausstellen, dass uns ein Fehler unterlaufen ist, so würden wir das sehr bedauern", sagte sein Sprecher am Freitagabend und kündigte eine Prüfung an.

Bei Zeitzeugen und Historikern stieß vor allem folgende Passage der Rede am Freitag auf Widerspruch: "Zeugenaussagen und Dokumente belegen: Vor der Stadt standen Panzer und in der Leipziger Stadthalle wurden Blutplasma und Leichensäcke bereitgelegt." Köhler hatte die Rede anlässlich des Gedenkens an die Bürgerbewegung in der DDR gehalten, die vor 20 Jahren den friedlichen Umbruch in dem Land einleitete.

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) teilte mit, diese Darstellung zur Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 sei nicht korrekt. Nach Recherchen des MDR gab es weder Panzer vor der Stadt noch seien Blutplasma oder Leichensäcke bereitgestellt worden. Der Bundespräsident habe seine Angaben wahrscheinlich aus einem bekannten Buch, das teils falsche Fakten nenne, sagte der Leiter der Feature-Redaktion beim MDR-Hörfunk, Ulf Köhler. Seine Redaktion hat die Befehlsakten der DDR-Machthaber aus dem Herbst 1989 studiert. Bundespräsidialamts-Sprecher Martin Kothe betonte: "Selbstverständlich werden wir die Angaben nochmals überprüfen."

Bekannter Zeitzeuge: "Das höre ich zum ersten Mal"
Ein bekannter Protagonist der damaligen Zeit und Zeitzeuge, der aus Rücksicht auf den Bundespräsidenten ungenannt bleiben möchte, sagte, die kritisierten Angaben Köhlers seien Gerüchte und keine Fakten. "Derartige Gerüchte haben damals am 9. Oktober in der Stadt die Runde gemacht und versetzten viele in Angst. Die SED wollte die Leute so einschüchtern, dass sie nicht zur Demonstration kommen." Allerdings seien zwölf Schützenpanzer der Polizei in der Stadt gewesen. "Fest steht, dass die Kliniken sich auf Schussverletzungen vorbereitet haben. Es gibt aber niemanden, der sagt: 'Ich habe Blutplasma gesehen.'" Zur Passage in Köhlers Rede, Leichensäcke seien bereitgehalten worden, sagte der Zeitzeuge: "Das Wort Leichensäcke habe ich im Zusammenhang mit dem 9. Oktober 1989 heute zum ersten Mal gehört."

Bei dem Festakt in Leipzig war an die friedliche Revolution in der DDR von 1989 erinnert worden. Horst Köhler rief in seiner Rede die Menschen dazu auf, den Geist des Wendeherbstes wachzuhalten und die Demokratie mitzugestalten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) würdigte die friedliche Massendemonstration in Leipzig vor 20 Jahren als "beglückendes Kapitel deutscher Geschichte".

Massenprotest mit 70.000 Menschen
Köhler erinnerte an die besondere Bedeutung des 9. Oktober 1989 für die Wende in der DDR. Damals waren bei der Montagsdemonstration in Leipzig rund 70.000 Menschen auf die Straße gegangen und hatten den Sicherheitskräften mit den Rufen "Wir sind das Volk!" und "Keine Gewalt!" die Stirn geboten. "Es war ein großer und ein glücklicher Tag in der deutschen Geschichte", sagte der Bundespräsident bei dem Festakt im Gewandhaus, an dem auch zahlreiche Zeitzeugen und ehemalige Bürgerrechtler teilnahmen. "Der 9. Oktober 1989 lehrt uns: Die Gesellschaft besitzt so viel Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie, wie sie sich täglich erkämpft."

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