Fr, 17. August 2018

Doping-Geständnis!

16.10.2008 16:37

Kohl unter Tränen: "Bin der Versuchung erlegen"

Bernhard Kohls Lügengebäude ist eingestürzt. Der des Betrugs überführte Radprofi hat sich am Mittwochabend in der Öffentlichkeit zu Wort gemeldet (die "Krone" war als einzige Tageszeitung geladen) und dabei dem Lügen und Betrügen ein Ende gemacht und Dopingmissbrauch zugegeben. "Ich bin der Versuchung erlegen, weil der Erfolgsdruck unglaublich groß gewesen ist. Ich bin nur ein Mensch und bin in einer Ausnahmesituation schwach geworden", meinte der 26-Jährige, der während des Geständnisses mehrmals in Tränen ausgebrochen ist.

Der Gesamt-Dritte und Bergkönig der Tour de France 2008 - die Erfolge werden Kohl natürlich aberkannt - verzichtet nun auch auf die Öffnung der B-Probe. Das belgische Team Silence-Lotto wird den Dreijahresvertrag mit Bernhard Kohl nach dessen Dopinggeständnis aufkündigen. "Wir hatten so ein gutes Gefühl, aber jetzt sind wir enttäuscht, wir fühlen uns betrogen, für uns ist das zu Ende", erklärte Team-Manager Geert Coeman am Donnerstag.

Der Sportler und sein Management scheinen mit der aktuellen Situation heillos überfordert zu sein. Ursprünglich hätte Kohl, der das Blutdopingmittel CERA (EPO-Präparat der dritten Generation) eingenommen hat, in einer Pressekonferenz am Donnerstagvormittag sein Schweigen brechen wollen. Doch Kohl entschied sich, bereits am Mittwoch eine kurzfristig einberufene Medienkonferenz abzuhalten. Allerdings nur für ausgewählte Medien, nämlich für die "Krone" und den ORF. Vertreter von anderen Medien hatten Wind vom Termin im NH-Hotel am Flughafen Schwechat bekommen, wurden jedoch des Raumes verwiesen.

Sturz als Auslöser genannt
Kohl begründete sein Dopingvergehen mit seinem Sturz beim Rennen Dauphine Libere am 11. Juni 2008. Dabei hatte er sich schwere Hautabschürfungen auf der gesamten rechten Körperseite zugezogen. Danach habe sich Kohl geschwächt gefühlt, auch die Blutwerte seien nicht in Ordnung gewesen. Um doch noch rechtzeitig für die Tour de France in Schuss zu kommen und einen zum Greifen nahe scheinenden Vertrag bei einem Spitzenteam nicht zu gefährden, griff Kohl zu CERA.

In der Infobox findest du Reaktionen und Hintergrundinformationen zu den Vorfällen um Bernhard Kohl!

Zweijährige Dopingsperre droht
Nachuntersuchungen des Pariser Dopinglabors Chatenay-Malabry ergaben schließlich, dass Kohl am 3. und 15. Juli auf CERA positive A-Proben abgegeben hat. Kohl, der erstmals in seiner Karriere gedopt haben will, droht eine zweijährige Dopingsperre.

Dass Kohls nunmehrige Aussagen teils mit Vorsicht genossen werden, dessen ist er sich selbst bewusst: "Wer glaubt schon einem dopenden Sportler? Damit muss ich selbst leben, ich habe mir das Schlamassel selber zuzuschreiben." Kohl macht sich anscheinend ernsthafte Hoffnungen, schon bald wieder zur Normalität zurückkehren zu können. "Ich will nun endlich wieder der Bernhard Kohl sein, der ich davor war, als den mich meine Freunde und Fans kennen."

Kohl will Hintermänner nennen
Seinen Rennstall Gerolsteiner hat Kohl in Schutz genommen. "Es gab kein systematisches Doping bei Gerolsteiner. Holczer (Gerolsteiner-Teamchef, Anm.) wusste von nichts. Er hat vehement gegen Doping gekämpft. Es tut mir besonders leid, ihn enttäuscht zu haben", erklärte Kohl, der Hintermänner "zur gegebenen Zeit bekanntgeben" will.

"Hut ab vor Bernhard, dass er ehrlich sagt, was los ist. Respekt, dass er diesen Mut gefunden hat und auch gesagt hat, dass das Team Gerolsteiner damit nichts zu tun hatte", betonte Holczer im Gespräch mit der APA - Austria Presse Agentur. "Ich hoffe jetzt nur, dass er auch die Hintermänner nennt. Wenn er das voll aufdeckt, dann können wir uns dann auch zusammensetzen und über unsere Schadenersatzansprüche unterhalten", stellte Holczer sogar eine "finanzielle (Teil-)Amnestie" in Aussicht, wenn er das "CERA-Netzwerk" zu Fall bringe.

Gerolsteiner-Fahrer gehen auf Distanz
Die deutschen Fahrer von Gerolsteiner haben sich am Mittwoch in einem öffentlichen Brief von ihrem unter Doping-Verdacht stehenden ehemaligen Team-Kollegen Stefan Schumacher und Dopingsünder Kohl distanziert: "Die Art und Weise wie wir getäuscht und enttäuscht wurden, ist nur schwer in Worte zu fassen. Eine Beteiligung an den vermeintlichen Dopingpraktiken dieser Personen wird von uns komplett ausgeschlossen. Speziell die Fahrer, die die Tour 2008 für das Team Gerolsteiner gefahren sind, haben nichts bemerkt von dahingehenden Machenschaften der beiden Fahrer und weisen jede Mitwisserschaft oder gar Duldung von sich."

In einer ersten Reaktion auf das Dopinggeständnis von Kohl erklärte Andreas Schwab, Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) Austria: "Für mich ist das ein absolut negatives Erlebnis. Es tut mir irrsinnig leid um den österreichischen Sport. Für uns bei der NADA bedeutet das, dass wir bei der Rechtskommission ein Disziplinarverfahren gegen ihn einleiten werden. Die Rechtskommission wird dieses Verfahren innerhalb von acht Wochen führen."

Auch Manager im Visier
Neben Kohl ist auch sein Manager Stefan Matschiner aufgrund seiner Kontakte zu Manfred Kiesl (im Kühlschrank des Fitnessstudio-Betreibers und Ehemannes von Ex-Leichtathletin Theresia Kiesl waren im Jahr 1997 große Mengen Anabolika-Präparate gefunden worden) ins Visier der Medien geraten - ebenso wie ÖSV-Trainer Walter Mayer und Susanne Pumper.

Aber auch aufgrund der Tatsache, dass sein Athlet, der 3.000-Meter-Hindernis-Europarekordler Simon Vroemen aus den Niederlanden, im Juni positiv getestet worden ist. "Da verweise ich auf meine Kollegen", sagt Matschiner nur. Auch andere Manager haben Athleten in ihren Reihen, die mit positiven Tests in die Schlagzeilen gerieten sind.

Spezieller Test zum CERA-Nachweis
Um das EPO-Nachfolgeprodukt CERA nachweisen zu können, war im Labor in Chatenay-Malabry bei Paris ein eigener Test entwickelt worden. Mehrere verdächtige Proben der Tour wurden nachträglich erneut kontrolliert. So wie bei Leonardo Piepoli (ITA) und Stefan Schumacher (GER) brachten sie nun auch bei Kohl ein positives Resultat. Nach Angaben eines Sprechers der AFLD sind nun die nachträglichen Tests der Tour-Proben abgeschlossen - der Fall Kohl ist also der letzte der Auflage 2008.

Rathausmann bleibt Kohl erhalten
Auch wenn der Doping-Sünder Bernhard Kohl in den vergangenen Tagen viel verloren hat, den Goldenen Wiener Rathausmann darf er behalten. Am Donnerstag betonte man im Rathaus, dass es für eine Aberkennung keine gesetzliche Handhabe gebe. Kohl war die kleine vergoldete Statuette im August von Bürgermeister Michael Häupl überreicht worden. Beim Rathausmann handle es sich allerdings "nur" um eine symbolische Auszeichnung.

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