Sa, 18. November 2017

Turm mit Halbmond

05.11.2017 18:45

Aufregung um „Moschee“ auf Berliner Spielplatz

Über die "Islamisierung des Abendlandes" wird immer wieder heftig debattiert. In Deutschland sorgt jetzt aber nicht etwa ein geplantes neues islamisches Gebetshaus oder eine Koran-Verteilaktion für erhitzte Gemüter, sondern eine "Mini-Moschee". Konkret wundern sich viele Deutsche über einen neu errichteten Märchenspielplatz in Berlin - samt Kletterturm, dessen Kuppeldach an eine Moschee erinnere, so die Kritik. In den sozialen Netzwerken ist seit den ersten Berichten über den Kinderspielplatz ein wahrer Shitstorm ausgebrochen.

"Ein Spielturm mit Halbmond, ein orientalischer Marktverkäufer und Kamele": So beschreibt die "Berliner Zeitung" den neuen Spielplatz im Berliner Bezirk Neukölln in einem Bericht. Der Spielplatz, der eigentlich an eine orientalische Burg aus dem Märchen "Ali Baba und die 40 Räuber" erinnern soll, war anstelle eines kaputten Klettergerüsts errichtet worden und sollte in den nächsten Tagen eröffnet werden - statt Kinderlachen löste das Projekt aber bereits im Vorfeld eine heftige Kontroverse aus, über die mittlerweile in ganz Deutschland diskutiert wird.

"Kinderspielplätze nicht mit Religion in Verbindung bringen"
Viele Eltern aus der Nachbarschaft haben kein Verständnis für die Gestaltung des Spielplatzes. "Es sieht zwar exotisch aus, aber Kinderspielplätze sollten nicht mit Religion in Verbindung gebracht werden", wird etwa die Mutter eines sechsjährigen Mädchens aus der Nachbarschaft in der "Berliner Zeitung" zitiert. Die 41-Jährige gibt zu bedenken, dass es auch keine Spielgeräte gebe, die aussehen wie eine Kirche oder eine Synagoge.

Eine andere Mutter betont, dass "religiöse Symbole auf Spielplätzen nichts verloren haben, egal ob Kreuz oder Halbmond". Kinder sollten "neutral aufwachsen und nicht in irgendeine Richtung gelenkt werden", so die 29-jährige Krankenschwester.

"Religiöser Dreck. Abfackeln, das Teil!"
Aber nicht nur in der unmittelbaren Nachbarschaft sorgt die "Mini-Moschee", wie der Kletterturm des neuen Spielplatzes in deutschen Medien bereits genannt wird, für Unmut. Auch in sozialen Netzwerken wird der Kinderspielplatz mit teils heftigen Aussagen kritisiert.

"Ein Ort für Hassprediger und Selbstmordattentäter", zitiert die "Bild"-Zeitung besonders schlimme Hasskommentare zu dem Spielplatz auf Facebook und Twitter. Ein anderer User: "Fürchterlich, nicht tragbar. Hier ist nicht der Orient." Oder auch: "Religiöser Dreck. Abfackeln, das Teil!"

CDU-Politiker: "Schwachsinnig"
Auch bei der Berliner CDU sorgt der Spielplatz für Kopfschütteln. "Man könnte die Gestaltung natürlich als originell bezeichnen", so Burkard Dregger, Sprecher der CDU-Fraktion für Integrationspolitik, gegenüber der "Berliner Zeitung". "Oder auch ganz einfach als schwachsinnig."

In Österreich widmete indessen die FPÖ-nahe Online-Nachrichtenseite Unzensuriert.at dem Kinderspielplatz einen Bericht. Die rechtspopulistische Plattform, die als Unzensuriert.de auch in Deutschland aktiv ist, sieht in der "Mini-Moschee" ein "manifestes Zeichen des islamischen Morgenlandes mitten in Berlin".

Jedoch heißt es in dem Bericht fälschlicherweise, die Errichtung des orientalischen Spielplatzes habe 220.000 Euro gekostet. Diese Summe beinhaltet allerdings laut "Bild"-Zeitung auch die Kosten für die Neugestaltung eines angrenzenden "Bolzplatzes", wie innerstädtische Käfigsportplätze zum Ballspielen in Deutschland genannt werden.

Bezirksbürgermeisterin: "Das ist keine Islamisierung"
Zugleich werden aber auch Stimmen laut, die die Debatte um den Spielplatz einfach nur "absurd" finden. Unter ihnen ist auch die zuständige Bezirksbürgermeisterin, Franziska Giffey von der SPD. Sie stellte gegenüber der "Berliner Zeitung" klar, dass es sich nicht um eine "Spielmoschee", sondern eine orientalische Burg mit Basar handle. Beim Beteiligungsverfahren der Nachbarschaft habe sich die Kindertagesstätte "Ali Baba und seine Räuber" ein Spielgerät gewünscht, das die Geschichte ihres Namensgebers widerspiegle. So etwas sei Tradition im Bezirk, es gebe auch Spielplätze zu Käpt'n Blaubär oder Pippi Langstrumpf.

Die Debatte sei eine "an den Haaren herbeigezogene Diskussion", ärgert sich Giffey. Es werde "eine vermeintliche Islamisierung Deutschlands herbeiredet". Es sei traurig, dass überall Hintergründe vermutet werden. Die Debatte spiegle demnach die Angst vor Überfremdung wider. "Sie wird nun sogar schon dort ausgefochten, wo Kinder spielen", so die Bezirkspolitikerin.

Die "Bild"-Zeitung sprach bei einem Lokalaugenschein auch mit Anrainern, die die Debatte ebenso wie die Bezirksbürgermeisterin "hanebüchen" finden. Der Spielplatz sei endlich schön, "man kann nur über die lachen, die den Spielplatz mit Religion verbinden wollen", wundert sich etwa eine 27-jährige Neuköllnerin. Ein anderer: "Das China-Restaurant um die Ecke stellt doch auch asiatische Löwen vor die Tür, da regt sich keiner auf." Berlin stehe für Multikulti - bei dem Spielplatz gehe es doch darum.

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