Mo, 11. Dezember 2017

"Krone"-Interview

22.10.2017 02:18

The Offspring: 20 Jahre "Ixnay On The Hombre"

Mit "Smash" feierten The Offspring 1994 einen Welterfolg, die "Americana" bestätigte vier Jahre später ihren Status als aufregendste Punkrock-Band der 90er-Jahre. Dazwischen lag das kommerziell wenig erfolgreiche, in Fankreisen aber heilig verehrte Genre-Lehrstück "Ixnay On The Hombre", das dieses Jahr seinen 20. Geburtstag feiert. Zu diesem Zweck haben wir uns Bassist und Gründungsmitglied Greg Kriesel geschnappt, um mit ihm über Missverständnisse, ungeplante Erfolge und geruhsame Zukunftskonzepte zu reden.

"Krone": Greg, ihr seid beinahe alljährlich gern gesehene Festivalgäste hier in Österreich. Wie schwierig ist es zu touren, wenn alle bereits Familien zuhause haben?
Greg K.: Am Härtesten ist es ohnehin für meine Frau, weil sie in der Zeit zuhause alles erledigen muss. Natürlich ist das Touren in jungen Jahren ungezwungener, aber wir brauchen uns nicht zu beklagen.

Vor drei Jahren habt ihr beim Nova Rock das gesamte "Smash"-Album zum 20-Jahre-Jubiläum gespielt - warum habt ihr das heuer nicht mit der "Ixnay On The Hombre" gemacht?
Wir haben zwei Shows mit dem ganzen Album in Los Angeles und Montreal gespielt. Es ist schwierig, denn dieses Album wurde nie so bekannt. Wir können keine Sommerfestivals spielen, wo die Menschen nur zwei Songs wirklich kennen und die anderen eher untergingen. Deshalb konnten wir das nicht so wiederholen. Viele langjährige Offspring-Fans sehen "Ixnay…" als ihr Lieblingsalbum, weshalb wir auch immer zwei, drei Songs davon in der Setlist haben, aber für die breite Masse der Fans waren andere Alben essenzieller. Für "Mota", "The Meaning Of Life" oder "Cool To Hate" ist schon immer Platz. Die Leute verlangen aber meist nach Songs, die sie besser kennen. (lacht)

Auf dem Album befinden sich aber viele Songs mit Hitqualität. Es ist verwunderlich, warum es nicht erfolgreicher war.
Ich weiß auch nicht, was da passiert ist. "Smash" funktioniere sensationell und auch die "Americana" festigte unseren Status. "Ixnay On The Hombre" wird immer das "Album zwischendrin" bleiben, das lässt sich nicht mehr ändern.

Wie viel Druck habt ihr nach dem Bombenerfolg von "Smash" verspürt? Immerhin dauerte es dann noch ganze drei Jahre bis "Ixnay On The Hombre".
Das war gar nicht so schlimm beim Schreiben, aber als wir die Songs fertig hatten und uns daran machten, die finalen Songs für das Album zu sortieren, bekamen wir schon Rückmeldungen, dass sich einige etwas anderes erwartet hätten. Die Erwartungshaltung von außen war immens und als "Ixnay…" dann floppte, waren wir natürlich selbst enttäuscht. Wir dachten, dass wir unseren Höhepunkt hatten und es nun vorbei sei. Für die "Americana" konnten wir wieder völlig ungezwungen arbeiten und prompt gingen wir wieder durch die Decke. Nach dem "Smash"-Erfolg, wo wir in der ersten Woche 300.000 Alben verkauften und bis heute gesamt zwölf Millionen, haben wir für die "Ixnay…" natürlich mehr erwartet. Dort waren wir damit auf Platz neun und verkauften 80.000 Alben, aber glücklicherweise hat sich das Werk über die Jahre zum Kultalbum entwickelt.

Mit den Songs seid ihr im Rückblick ja durchaus zufrieden. Wurden die damals alle neu geschrieben oder habt ihr auf alte Ideen zurückgegriffen?
Sie waren alle neu. Manche Songs hatten Ansätze von früher, wurden aber in die Gegenwart transferiert.

Warum war die "Americana" dann zwei Jahre später so viel erfolgreicher?
Das lag klar an den Singles. "Pretty Fly For A White Guy", "Why Don't You Get A Job?" und "The Kids Aren't Alright" trafen damals den Nerv einer Generation und stachen klar hervor. Das sind noch heute unsere allergrößten Songs, sie sind zeitlos geworden. Ein Song wie "Gone Away" von der "Ixnay…" ist vielleicht tiefgründiger, aber er hat nicht so deutlich eingeschlagen.

Wo würde das "Ixnay On The Hombre"-Album in deiner persönlichen Offspring-Rangliste liegen?
Ich habe keine Ahnung, weil sich das dauernd bei mir ändert. Ich finde immer wieder zu Alben zurück, die ich zwischendurch mal zwei Jahre nicht hören konnte. Momentan bin ich wieder stark in der "Conspiracy Of One" verankert. Im Endeffekt ist es so, als würdest du deine eigenen Kinder bewerten - das ist objektiv schwer möglich. (lacht)

Gibt es ein Album, mit dem du rückblickend nicht glücklich bist?
Das wäre zu streng, aber natürlich gibt es einzelne Songs, die man heute gerne anders haben würde. Im Großen und Ganzen brauchen wir uns aber nichts vorwerfen, denn alle unsere Alben sind nicht schlecht geraten. Sie sind Momentaufnahmen und haben insofern immer ihre Berechtigung.

Welchen Offspring-Song würdest du am liebsten nie wieder spielen?
(lacht) Keine Ahnung. Ich hoffe, dass ich jeden spielen möchte, ansonsten wäre das ja schlimm. Solange die Reaktionen vonseiten des Publikums gut sind, ist alles okay. Letztes Jahr haben wir pro Konzert ein bis zwei Songs gespielt, die wir lange oder überhaupt noch nie dargeboten haben - das machte großen Spaß. Es ist schon lustig, wenn du Songs spielst, die fast 30 Jahre auf dem Buckel haben. Aber keine Nummer nervt mich so, dass ich sie partout nicht mehr spielen möchte.

Dexter und du haben The Offspring vor 33 Jahren gegründet, ihr seid auch die letzten verbliebenen Gründungsmitglieder. Was war euer Ziel, als ihr diese Band ins Leben gerufen habt?
Gar nichts. (lacht) Wir konnten nicht einmal unsere Instrumente spielen und haben dann gleich die ersten Shows gesucht. Dexter wollte in den ersten fünf Jahren ein Album veröffentlichen und konnte noch nicht einmal die Akkorde. (lacht) Irgendwie gelang uns das aber alles, auch wenn die Qualität Ende der 80er-Jahre sicher enden wollend war. Mit Mainstream-Erfolg hätten wir niemals gerechnet. Wir hatten bestimmt auch Glück, den richtigen Zeitpunkt erwischt zu haben.

Welche Bands haben euch damals am Nachhaltigsten beeinflusst?
Auf jeden Fall T.S.O.L. Das waren unsere größten Helden und einige Jahre später spielten sie in unserem Vorprogramm, das finde ich heute noch surreal. Aber auch die Dead Kennedys haben uns klar geprägt.

Gibt es Dinge, über die du heute lachen kannst? Die du nie mehr so machen würdest?
Blödheiten wie das Zerstören eines Hotelzimmers würde ich heute natürlich nicht mehr machen. Wir waren schon auch richtig Rock'n'Roll, aber musikalisch passt alles so, wie es passierte. Wir hatten damals viele Freunde, die auf Keyboards setzten und Heavy Metal spielten, weil es populär war. Wir haben immer auf das gesetzt, was in unseren Herzen war und sind keine Kompromisse eingegangen. Vielleicht war das ein essenzieller Mitgrund für den Erfolg, den wir hatten.

Dexter hat mir bei einem Interview vor drei Jahren gesagt, dass das neue Studioalbum vor zwei Jahren hätte kommen sollen. Was ist da los?
(lacht) Es ist ein langsamer Prozess und wir schreiben nur hie und da mal einen Song, den wir dann aufnehmen. Wir hängen nicht so oft miteinander ab. Eventuell wird es irgendwann 2018 was damit, aber das ist schwer zu sagen. Es gibt heute keine Eile dafür.

Das glaubst du ja jetzt selbst nicht…
Ein Album ist nicht mehr immer zeitgemäß. Und Hand aufs Herz: Die Leuten wollen unsere Hits hören. Wir kriegen immer noch junge Fans nach, die unseren Katalog entdecken und auf unsere großen Hits stehen. Die langjährigen Fans wollen meist auch Songs aus der Vergangenheit hören. Es besteht also nicht die große Eile, zwingend ein neues Studioalbum rauszupressen.

Euer letztes Album aus dem Jahr 2012, "Days Gone By", war so poppig wie keines zuvor. War das ein früher Anflug von klanglicher Altersmilde?
Ich weiß nicht ob es eine bewusste Entscheidung war. Dexter schreibt die Songs und war zu der Zeit wohl etwas milde unterwegs. Geplant ist bei uns im Normalfall nichts, es gibt keine Norm oder eine Schablone. Es sind schon Punkrock-Stampfer drauf, aber die allgemeine Grundstimmung war sicher etwas entspannter.

Die Popularität von Punkrock-Bands wie euch, Green Day, Blink-182 und wie sie alle heißen ist heute höher als vor etwa zehn Jahren. Wie kam es zu diesem Revival der 90er-Jahre-Helden?
Es liegt nicht so stark am Stil der Musik, sondern eher daran, dass junge Rockbands immer weniger werden und es speziell in unserem Bereich keine legitimen Nachfolger gibt. Wir spielen also die großen Festivals mit Bands wie Pennywise, Bad Religion oder Less Than Jake, die selbst schon seit 20 oder gar 30 Jahren gut sind und immer noch ziehen, obwohl wir unsere Shows alle nicht fundamental verändern. (lacht)

Was ist die Magie zwischen Dexter, Gitarrist Noodles und dir, da ihr das Schiff seit mittlerweile mehr als drei Dekaden auf Kurs hält?
Wir waren uns immer über die Richtung der Band einig und haben die Egos beiseitegelassen. Dexter ist der Mann, der die Songs schreibt. Das war immer so und wird immer so sein. Wir haben das alle untereinander akzeptiert und daher läuft es auch immer noch gut.

Ist eine gute Freundschaft neben so guter Kollegialität überhaupt möglich?
Das ist möglich. Wir hängen auf Tour natürlich jeden Tag miteinander ab und können uns durchaus als Freunde bezeichnen. Aber wir sind auch älter und zocken daheim keine Videospiele mehr, sondern fahren zu unseren Familien. Aber irgendwann rufen der Tourbus oder das Flugzeug wieder und dann ist jedes Mal so, wie es schon immer war. Ungezwungen und lustig.

Wie hast du dich über die letzten 30 Jahre als Musiker und Mensch im Allgemeinen verändert?
Ich weiß nicht, ob ich mich signifikant verändert habe. Es sind eher die Begleiterscheinungen des Alters, die jeder kennt. Natürlich ist man als Familienvater nicht mehr so ungezwungen und egoistisch, aber an meiner Sicht auf die Welt hat sich nicht viel geändert.

Kann man überhaupt noch energetisch-schweißtreibende Punkrock-Shows abliefern, wenn man in einem gesicherten Familienleben ist und eigentlich keinen Grund mehr für Wut und Zorn hat?
Das geht immer. Sobald die Lichter aufgehen und die Leute jubeln, fließt die Energie und du verwandelst dich auf der Bühne in jemand anderen.

Ihr habt unheimlich viele Bands inspiriert, auch außerhalb des Punkrock-Genres. Die Heavy-Metal-Band Trivium zum Beispiel beruft sich in Interviews sehr oft auf euch - bist du stolz darauf?
Natürlich ist das schön, denn das bedeutet, dass du etwas richtig gemacht hast. All diese Bands kopieren uns auch nicht und finden ihren eigenen Weg, so funktioniert die Musikhistorie. Uns ging es mit T.S.O.L. ja ähnlich.

Welche Rolle spielen The Offspring in der Geschichte des Punkrock?
Ich bin mir nicht ganz sicher. Wir sind in einer Reihe von vielen Bands wie auch Green Day, NOFX oder Rancid, die all die Jahre überstanden haben und noch immer gute Shows spielen. Wir passen da ganz gut in diese Gruppe, weil wir zu einer ähnlichen Zeit begannen und den Punkrock am Leben erhielten.

Was sind die nächsten Pläne bei euch?
Wir wollen einfach so weitermachen. Hier und da ein paar neue Songs spielen und auch schreiben, irgendwann ein Album rausbringen und viele Shows spielen. Große Clubtouren spielen wir meist nur in den USA oder Großbritannien, der Rest Europas funktioniert mit Festivalshows besser.

Macht es marktwirtschaftlich überhaupt noch Sinn, ein ganzes Album zu veröffentlichen?
Es scheint tatsächlich veraltet zu sein, weil die Kids sich ohnehin nur mehr einzelne Songs herauspicken. Das ist auch der Grund, warum viele Rockbands heute den Durchbruch nicht schaffen. Sie stecken unheimlich viel Geld in ein durchdachtes, mit viel Herzblut zusammengestelltes Gesamtpaket und dann kauft es niemand. Früher hat man Alben richtiggehend verschlungen, heute wird das Geld nur mehr in einzelne Songs investiert.

Von allen Songs aus der Musikgeschichte - welchen hättest du gerne geschrieben?
Harte Frage. (lacht) Bei den Rocksongs würde ich etwas von den Beatles nehmen oder "Smells Like Teen Spirit" von Nirvana.

Welchen Offspring-Song spielst du am liebsten?
Das ändert sich eigentlich auch täglich. Derzeit ist es "Nothingtown" von "Rise And Fall, Rage And Grace", weil die Basslinie sehr viel Spaß macht, aber wir spielen ihn viel zu selten live. "Self Esteem" ist auch immer toll, weil das Publikum da jedes Mal durchdreht.

Ist es eine Belastung, wenn man, wie ihr, eine komplette Generation an Teenagern nachhaltig geprägt hat?
Manchmal fühlt es sich so an. (lacht) Natürlich ist das schön, aber schon auch beängstigend. Durch die "Smash" sahen uns 1994 viele als Nachfolger von Nirvana und Kurt Cobain - zumindest was die Attitüde und Sichtweise auf das Leben anging. Ich bin froh, dass wir damals schon alle an die 30 waren und das alles sehr gut verarbeiten konnten. Ich will nicht wissen, wie wir mit dem Erfolg ausgezuckt wären, wären wir noch Teenager gewesen. Wir waren charakterlich sehr gefestigt, das hat uns immer von allzu großen Dummheiten abgehalten. Ein Song wie "Gotta Get Away" hat sich als prägend für viele Menschen herausgestellt, aber manchmal kann ich nicht ganz nachvollziehen, warum gerade wir damals die Herzen und Seelen dieser jungen Menschen so exakt getroffen haben.

Hat Punkrock für dich heute eine andere Bedeutung als vor 30 Jahren?
Punkrock war damals nur ein Haufen junger Leute, die Bands sehen und selbst eine Note in ihre Lieblingsmusik einbringen wollten. Dieser Geist existiert heute sicher noch in gewisser Weise, aber die Magie und Atmosphäre der frühen Tage ist nicht reproduzierbar. Wir sind aber selber älter und ruhiger geworden - es ist einfach ein normaler Wandel der Zeit, wie er in vielen Bereichen des Lebens auftritt.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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