Mi, 22. November 2017

Drei Begründungen

10.10.2017 15:00

Warum Kern hier nicht mitmachen wollte

So wie alle anderen Spitzenkandidaten zur Nationalratswahl hatte auch Bundeskanzler Christian Kern zugesagt, den objektiven Persönlichkeits-Check "Wer kann Kanzler?" des international renommierten Personalberaters HILL (Video oben) zu absolvieren. Doch dann passierte es: Mitten im Test brach Kern plötzlich ab.

Der Kanzler-Check ist eine Weltpremiere: Erstmals will eine Zeitung für ihre Leser anhand eines wissenschaftlichen, objektiven Verfahrens beleuchten, wie Spitzenpolitiker wirklich ticken. Abseits der ewig gleichen Wahlduelle, frei vom einstudierten Polit-Sprech.

In den vergangenen Tagen haben wir von der "Krone" unseren Lesern die Persönlichkeitsprofile der Spitzenkandidaten präsentiert. Bei Christian Kern müssen wir leider passen.

Kern machte beim Check nicht mit
"Bundeskanzleramt, am 5. September 2017, 12.54 Uhr: Mag. Christian Kern, geboren am 4. Jänner 1966, bricht den Test ab", protokolliert Notar Mag. Georg Schreiber nüchtern. Er begleitet die Tests aller sechs Spitzenkandidaten, um die objektive Abwicklung der Persönlichkeits-Checks zu garantieren. 39 Minuten lang absolviert der zu Beginn bestens gelaunte Kanzler auf seinem Computer den Online-Test, bricht dann aber ab.

Gerade bei Kern hatten die Experten von HILL International nicht damit gerechnet. Er war Manager, kennt derartige Verfahren, mit denen in der Privatwirtschaft die Stärken von Top-Managern ausgelotet werden. "Ich bin mit solchen Verfahren in den Verbund gekommen und kenne sie auch von meiner Zeit als Generaldirektor bei den ÖBB", sagt der Kanzler. Um dann den Test mit folgenden Begründungen abzubrechen:

  1. "Ich kann den Test nicht fertig machen. Weil ich nicht weiß, ob ich ihn als Kanzler oder als Christian Kern machen soll."
  2. "Ich halte von solchen Verfahren nichts - das alles ist nur ein lächerlicher Gag."
  3. "Wenn Franz Vranitzky sehen würde, wie ich hier sitze und so einen Test machen muss - fürchterlich."

Zu Begründung 1
Ex-Manager Kern kennt also derartige Tests, hat sie selbst schon absolviert, und auch in Vorgesprächen für den Persönlichkeits-Check der "Krone" wird Kern aufgeklärt, selbstredend als Person Christian Kern und nicht als sein Selbstbild des Kanzlers den Test zu machen.

Fazit 1: Kern will zwischen seiner Person und seiner Funktion als Kanzler nicht unterscheiden. Quasi Christian Bundeskanzler: Das kann gut - oder auch weniger gut sein.

Zu Begründung 2
Wenn Kern von derartigen Verfahren nichts hält: Warum hat er dann zugesagt? Warum hat er mit dem Test begonnen? Warum hat er ihn 39 Minuten lang absolviert?

Fazit 2: Kern wollten sicht auf den Test nicht einlassen. Darauf angesprochen, sagt er der "Krone": "Es tut mir leid - grundsätzlich halte ich mich an Vereinbartes." Das kann gut - oder auch weniger gut sein.

Zu Begründung 3
Um die Nichteinhaltung einer Vereinbarung sich selbst gegenüber zu rechtfertigen, bemüht Kern Franz Vranitzky. Der Ex-Kanzler steht Kern mit Ratschlägen zur Seite, Parteigenosse Vranitzky ist für Kern ein großes politisches Vorbild.

Fazit 3: Kern ist wichtig, was jene über ihn denken, zu denen er aufschaut. Was andere über ihn denken, wenn er eine wissenschaftliche, objektive Persönlichkeitsanalyse verweigert, scheint ihm weniger wichtig zu sein. Das kann gut - oder auch weniger gut sein.

Kann Kern Kanzler?
Dass Christian Kern den Test abgebrochen hat (was selbstredend jedem Kandidaten zusteht), ist bei der Beantwortung dieser Frage nicht relevant. Seine Begründungen des Abbruchs allerdings werfen Erhellendes auf die Kann-Kern-Kanzler-Frage. Insofern haben wir doch ein wenig zeigen können, wie Christian Kern so tickt.

Das sagt Peter Filzmaier, Politologe:
Natürlich hat der Kanzler wie jede Person das Recht, Medientermine abzubrechen, egal ob es um ein Interview oder einen Persönlichkeitstest geht. Wenn er meint, es würde da und dort "dumme Fragen" geben, so muss er sich das mit Journalisten und Psychologen ausmachen.

Aus Sicht des Politikwissenschaftlers stellt sich aber die Frage, ob so etwas wahlstrategisch klug und gut begründet ist. Die Präsidentschaftsbewerber 2016 wurden gebeten, im Fernsehen Eierspeise zu kochen. Die Argumentation "Mache ich nicht, weil es ohne Bezug zum höchsten Amt im Staat ist!" hätten alle verstanden. Schließlich wurde kein Küchenchef gewählt. Warum aber einen Test über berufsbezogene Eigenschaften abbrechen? Führungskompetenz & Co. spielen bei Spitzenpolitikern durchaus eine große Rolle.

Noch dazu war gar kein schlechtes Testergebnis möglich, weil nie in positiv und negativ unterschieden wurde. Die Auswertung ergab Eigenschaftspaare. Ob ein Kanzler diplomatisch oder energisch, kompromissbereit oder durchsetzungsstark, konservativ oder innovativ, diszipliniert oder locker sein soll - all das ist nicht gut oder schlecht. Sondern die Wähler entscheiden unabhängig, was sie lieber haben.

Das sagt Othmar Hill, Wirtschaftspsychologe:
Es passiert in unserer Arbeit sehr selten, dass jemand die Analyse nicht antritt oder abbricht, aber es ist durchaus legitim und auch wertfrei zu akzeptieren.

Das Setting kann ja manchmal auch unangenehm an Prüfungssituationen erinnern. Auch bei Menschen in Top-Positionen kann dadurch die Sorge aufkommen, das Ergebnis könnte am Image kratzen. Wenn man an Herrn Kerns Entscheidung etwas kritisieren kann, dann ist das der Stil des Testabbruchs.

Wenn wir Menschen zur Kompetenzanalyse einladen, bieten wir die Möglichkeit, sich objektiv zu präsentieren. Der statistische Vergleich der eigenen Antworten mit einer repräsentativen Stichprobe von Tausenden Führungskräften zeigt, wie sich eine Person in Relation zur Stichprobe beschreibt.

Diese klare Sicht führt zu einer Win-Win-Situation: Das Ergebnis zeigt auf, ob jemand für eine Funktion passt und ob es der Person guttut, die Funktion einzunehmen. Er/sie wird hingewiesen auf mögliche Risken, aber auch Potenziale, die eine Person eventuell noch nicht kennt, aber vielleicht einbringen kann.

Um sehr hochwertige Posten optimal zu besetzen, können meiner Meinung nicht genug intelligente Verfahren eingesetzt werden. Hier geht es jahrelang um höchste Verantwortung. Im Fall der Politik kommt noch ein wesentlicher Faktor dazu: Die Bevölkerung lernt die Person durch unser Verfahren aus einer ganz anderen Perspektive und außerhalb der üblichen Wahlkampf-Arena kennen.

Es gibt übrigens aufgrund der Weltpremiere dieses Persönlichkeits-Checks mit der "Krone" bereits Anfragen aus anderen Ländern, die vor Wahlen stehen. Wünschenswert wären aus meiner Sicht Eignungsprognosen schon beim Einstieg in den Politikerberuf.

Oliver Pokorny, Kronen Zeitung

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