Mo, 28. Mai 2018

Es war kein Mord

20.08.2017 07:53

Vater getötet: "Um mich ist nur noch Dunkelheit"

Im März hat ein 47-Jähriger Niederösterreicher seinen eigenen Vater getötet. Bei seinem Prozess wurde er jetzt des Mordes freigesprochen und aus der Haft entlassen. Wie lebt der Mann nun mit seiner Tat? "Um mich", sagt er, "ist nur noch Dunkelheit."

Alles wirkt so friedlich auf diesem alten Vierkanthof im niederösterreichischen Bezirk St. Pölten. Im Garten wachsen Tomaten und Zucchini, im Gras blühen Gänseblümchen, und an einem Holztisch neben der Veranda sitzt eine Familie bei Kaffee und Kuchen zusammen. Aber der Schein trügt. "Ich weiß nicht", sagt der Hausbesitzer, Martin B., und dicke Tränen laufen über seine Wangen, "wie ich hier weiter leben soll."

An dem Ort, an dem am 14 . März 2017 eine Tragödie geschehen ist. Dort hat er seinen Vater getötet. Die Erinnerungen des 47-Jährigen an den Tag? "Zunächst verlief er völlig normal." Wie immer hatte der Berufschauffeur von frühmorgens an gearbeitet: Waren auf seinen Lkw geschlichtet, sie ausgeliefert. Wie immer war er müde, als er gegen 18 Uhr heimkam. "Und wie immer legte ich mich dann auf die Bank in der Küche und redete ein bisschen mit meiner Frau."

Kalt sei es in dem Raum gewesen, "deshalb ging ich bald in das Wirtschaftsgebäude", am anderen Ende des Grundstücks, vorbei an der Wohnung seines Vaters Gottfried, "um im Heizkessel Holz nachzulegen". "Und da stand er gleich neben mir und begann mich zu beschimpfen."

Auseinandersetzungen - schon seit Jahren
Das Verhältnis zwischen dem 70-Jährigen und seinem Sohn: angespannt, seit Langem schon. Negative Persönlichkeitstendenzen, die der pensionierte Maurer bereits von Jugend an in sich getragen hatte - zu nörgeln, kaum Widerspruch zu dulden, aggressiv zu sein, besonders unter Einfluss von Alkohol - waren im Alter stärker geworden.

So sehr, dass seine Ehefrau Helga irgendwann nur noch von "dem Despoten", wie sie ihn bis heute bezeichnet, weg wollte und bei der Scheidung 2015 das Haus verließ, ohne um irgendwelche Habseligkeiten zu kämpfen.

Wegzuziehen war nie eine Option
Aber Streits gab es weiter, auf dem Anwesen. "Dauernd", berichten Gottfried B.s Enkelkinder, "hatte der Opa an uns etwas zu bekritteln." "Mit mir sprach er schon seit Jahren kein Wort", erzählt Schwiegertochter Petra, "und ich bewunderte meinen Mann dafür, dass er mit Engelsgeduld die Launen seines Vaters ertrug."

Wegzuziehen, damit den Zwistigkeiten zu entkommen, "das war", sagt Martin B., "nie eine Option für uns, aus finanziellen Gründen". Und ohnehin "hatte Papa ja nach der Trennung von Mama eine neue Freundin in Wien gefunden, er blieb oft für Wochen bei ihr".

"Plötzlich schlug er mir ins Gesicht"
Doch am 14. März war er eben "wieder einmal da". Betrunken "und in Rage" sei er gewesen, bei dem Zusammentreffen im Heizraum: "Er bezeichnete mich als Versager, weil ich es nicht schaffen würde, unsere Wohnungen warm zu halten. Er drohte - wieder einmal - meine Familie und mich zu erschießen. Und plötzlich schlug er mir mit der Faust ins Gesicht."

Die Männer begannen zu raufen, "wir fielen zu Boden, er versuchte mich zu würgen, ich drückte ihn in Panik gegen eine Mauer". Laut gerichtsmedizinischem Befund wurden dem 70-Jährigen dabei 14 Rippen gebrochen, letztlich ist er erstickt. "Als er sich nicht mehr wehrte, ging ich wie in Trance zurück zu meiner Frau und bat sie, die Rettung und die Polizei zu rufen." Von Gottfried B.s Tod erfuhr er erst spätnachts. Im Spital.

"Die Sanitäter hatten mich mitgenommen"
Verhöre, "bei denen mir nicht geglaubt wurde, dass alles bloß ein schrecklicher Unfall war". Die Verhängung der U-Haft. Eine Mordanklage. Bei seinem Prozess am 19. Juli im Landesgericht St. Pölten wurde der 47-Jährige schließlich lediglich wegen Notwehrüberschreitung schuldig gesprochen. 18 Monate Haft, sechs davon unbedingt - so das Urteil. Martin B. kam kürzlich vorzeitig frei. Und jetzt?

"Im Himmel um Verzeihung bitten"
"Jetzt gibt es um mich nur noch Dunkelheit. Ja, es tut gut, dass meine Familie, mein Chef und meine Nachbarn zu mir halten. Aber ich selbst schaffe es einfach nicht, mir zu verzeihen." Dass sein Vater wegen ihm sterben musste: "Obwohl er schwierig war - habe ich ihn ja doch auch geliebt. Und dauernd sind sie in mir, die Erinnerungen an schöne Erlebnisse mit ihm. Wenn er, als ich noch ein Kind gewesen bin, mit mir gespielt hat. An gemeinsame Wanderungen im Wald. An Zeiten, in denen wir gut miteinander auskamen."

"Diese Schuld, die auf mir liegt, ist kaum zu ertragen." Mithilfe einer Psychotherapeutin versucht der Niederösterreicher nun, das Geschehene aufzuarbeiten. Und mit Gebeten: "Ich glaube an Gott und ein Weiterleben nach dem Tod. Deshalb bin ich mir sicher: Ich werde meinen Papa irgendwann wiedersehen. Im Himmel." Und dann? "Werde ich ihn umarmen und ihm sagen, dass ich ihm niemals etwas Böses antun wollte. Ich hoffe, dass er mir vergeben kann."

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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