Das freie Wort

Der Arbeitsmarkt verweigert uns

Mit Verwunderung und auch Enttäuschung habe ich die jüngsten Aussagen der Regierung zur Kenntnis genommen, wonach rund 440.000 Menschen im Alter zwischen 60 und 64 Jahren „nicht in den Arbeitsmarkt integriert“ seien – als ob es sich dabei um eine bewusste Entscheidung handeln würde. Ich möchte an dieser Stelle ein persönliches Beispiel schildern, das zeigt, wie realitätsfern solche Aussagen sind. Ich bin 62 Jahre alt und war bis zur Insolvenz der kikaLeiner-Gruppe berufstätig. Nach dem Verlust meines Arbeitsplatzes habe ich aktiv versucht, wieder Fuß zu fassen – motiviert, erfahren und bereit, sogar für weniger als die Hälfte meines früheren Gehalts zu arbeiten. Unter anderem habe ich mich bei einem Unternehmen beworben, wo laufend Mitarbeiter gesucht werden. Trotz dieser Voraussetzungen wurde ich abgelehnt. Nach zwei Absagen, ohne nachvollziehbare Begründung, habe ich resigniert. Nicht, weil ich nicht arbeiten möchte. Sondern weil man mich – wie viele andere ältere Menschen – schlicht nicht mehr lässt. Es ist frustrierend, wenn einem pauschal vermittelt wird: „Du bist zu alt, nicht mehr gefragt.“ Wenn die Politik also von mangelnder Bereitschaft zur Arbeitsaufnahme spricht, sollte sie auch ehrlich über die systematische Ausgrenzung älterer Arbeitsloser sprechen. Solange das Alter für viele Unternehmen ein Ausschlusskriterium bleibt, nützen auch gut gemeinte Appelle oder Förderprogramme wenig. Nicht wir verweigern den Arbeitsmarkt, der Arbeitsmarkt verweigert uns.

Walter Hirtler, Wien

Erschienen am Mi, 2.7.2025

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