Di, 19. Juni 2018

Röhrender Blues

08.10.2007 23:07

"Danger! White Men Dancing"

Die Behauptung, ein Gitarrist nehme auf der Bühne mit seinen Verstärker-Stacks den meisten Platz ein, trifft nicht immer zu. Noch zu Deep-Purple-Zeiten hat Organist Jon Lord seinen Kumpanen Richie Blackmore mit riesigen Roto-Cabinets (Boxen, in denen sich die Lautsprecher motorbetrieben drehen und so den typischen "Rotary-Sound" erzeugen) und einem Arsenal an Endstufen und Effektgeräten, für deren Betrieb man ein halbes Atomkraftwerk brauchte, ordentlich ausgestochen. Zum ersten Mal seit seinem Ausstieg aus der legendären Rockband im Jahre 2002 taucht Jon Lord seine Finger wieder in einem Studio in die Starkstrom betriebenen Tasten - als Mitglied der "Hooche Coochie Men" auf deren neuem Studioalbum "Danger! White Men Dancing".

"Danger! White Men Dancing" ist das zweite Studioalbum der Band bestehend aus Bob Daisley (b), Tim Gaze (g/v) und Rob Grosser (d). Daisley (ehemals Bassist bei Gary Moore und Yngwie Malmsteen) holte Jon Lord 2003 nach der nicht in Europa erschienen Debütplatte an Bord. Dem Ex-Deep-Purple-Organisten, der zu dieser Zeit gerade auf den Pfaden der Klassik wandelte und unter anderem mit ABBA-Sängerin Frida musizierte, juckte es bei dem Angebot in den Fingern. Also reiste er mit Sack und Pack in den Proberaum und ein Jahr später kam die DVD "Down In The Basement: The Hoochie Coochie Men featuring Jon Lord" heraus.

Und auch im Studio tut der weißhaarige Brite mit dem näselnden Akzent der erdigen Blues-Truppe gut. "Danger! White Men Dancing" ist von Anfang bis zum Schluss vom Röhren der Lord’schen Orgeltürme und den Auftritten von Gastsängern wie den beiden Australiern Jimmy Barnes (Chold Chisel) und Jeff Duff und Deep-Purple-Frontman Ian Gillian geprägt. Ekstatisch zuckend und fast schon kitschig-bluesig leitet Lord den ersten Song "The Blues Just Got Me Sadder" ein. Aber bereits auf "Gotta Find Me Some Fire" lässt er die Roto-Speaker ein paar Touren hochschalten. Grantig fauchend frisst sich der Orgel-Bass durch Tim Gaizes Gitarrensolo. Auf "Over & Over" klimpert er am alten Flügel, bevor sich sanfte Orgel-Akkorde zu Ian Gillians Stimme gesellen.

So richtig zu brodeln beginnt der Saft auf "If This Ain’t The Blues". Die Grenze zwischen Gitarre und Orgel verschwimmt, so fest tritt Lord auf den Verzerrer. Natürlich nur rein zufällig handelt es sich dabei um die zweite Nummer, die Ian Gillian auf "Danger! White Men Dancing" zum Besten gibt. Es ist ja nicht so, als täten die Orgel-Zuckungen Lords und das unbändige Knurren in Ian Gillians Vocals nicht schon ewig gut zusammenpassen. Der Beste Song der Platte ist das instrumentale Titelstück "White Men Dancing". Tim Gaze (der "australische Gary Moore") fidelt verdächtig nach Eric Clapton klingend auf der Strat und Jon Lord untermalt mit feinstem Hammond-Sound. Herausragend auch die letzte Nummer "Tell Your Story Walkin'", ein straighter Song in bester Gary-Moore-Manier, bei dem Tim Gaze die Eier in der Stimme erneut von Jon Lords prägnanten Riffs angehoben bekommt.

Natürlich darf auf der Platte auch der von Muddy Waters berühmt gemachte Willie-Dixon-Klassiker "Hoochie Coochie Man" (gesungen von Jimmy Barnes) nicht fehlen. Auch hier lässt Lord die Sau aus der Orgel, wobei das Cover durch die treibenden Gitarrenriffs und Barnes' (geniales) Gekreische fast zur Hardrock-Nummer verkommt. Überlieferungen zufolge handelt es sich beim "Hoochie Coochie" übrigens um einen vornehmlich von leicht bekleideten "Bar Flies" vorgeführten Tanz, der um die vorletzte Jahrhundertwende herum als verschärft "unanständig" galt. Heute verwendet man "Coochie" als Kosenamen für das weibliche Geschlechtsteil und den "Hoochie Coochie Man" folglich als Synonym für den "dirty lover". "White Men Dancing" impliziert jedoch, dass die Hoochie Coochie Men Bluesmusiker sind, die ihre Instrumente ähnlich frenetisch bedienen, wie die Damen in ihren knappen Röcken und Netzstrümpfen damals die Hüften kreisen ließen. Wie auch immer – Hauptsache, es röhrt wie der Teufel!

9 von 10 „Orgieln“

Christoph Andert

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