Di, 23. Oktober 2018

Kultur

24.09.2017 20:59

Von den „Sklaven des Verlangens“

"Liebe im Tausch gegen den Rausch": Na ja, zwar scheint das in Jacques Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen" halbwegs zu funktionieren, die Wirklichkeit der Fantasie spielt aber nicht mit. Denn, egal ob der närrisch verliebte Dichter, die Nebenbuhler oder der stets präsente Teufel: sie alle sind nichts als "Sklaven des Verlangens". Eine ausgiebig bejubelte Premiere am Landestheater.

Von der Seele wird viel gesungen, doch was und wo ist diese? Ein Geist, ein Gespenst, in der Liebe, im Leben, in den Menschen? Nein, in der Kunst. Denn diese Rumpf-Seele hat der Dichter Hoffmann und sie ihn am Ende wieder. Dafür sorgt die Muse, die sich hier nicht in den Studenten Niklas verwandelt, sondern eine mächtige Einflüsterin bleibt.

Bei all seinen Liebes-Fantasien ist Hoffmann der schwer gedemütigte, zerrupfte Verlierer. Stella: unerreichbar; Olympia: eine mechanische Puppe ("Schlecht beraten. Er liebt einen Automaten", heißt es von der blasierten Marionetten-Gesellschaft); Giulietta: eine hinterhältige Kurtisane, die ihm sein Spiegelbild raubt und Antonia? Eine verlorene Sängerin, die nicht singen darf, weil sie sonst wie ihre Mutter eine Beute des Teufels wird und sterben muss. Dieser Akt ist der nicht nur dramaturgisch stärkste Akt der Aufführung, auch der Sänger wegen: Anne-Fleur Werner klagt ihr Leid hinreißend intensiv und berührend, George Humphreys bekleidet seine vier Rollen zwar selten dämonisch, doch stets sehr präsent.

Angela Davis macht sich als dralle Jahrmarkts-Kokotte auch stimmlich nicht unbedingt verführerisch, Tamara Ivani bewältigt ihre schrägen Puppen-Koloraturen beachtlich. Die "Muse" Carmen Seibel bleibt ein abstrakter Fremdkörper, wie ein ferner Stern in der Fantasy-Wildnis.

Und Franz Supper als "Hoffmann"? Er entfaltet eine Stimm-Reife, die Staunen macht, führt sein Potential klug und solide, treibt und feuert kein Stimm-Spektakel an, bei dem er nur untergehen könnte. Er ist in den letzten zehn Jahren immer besser geworden, ein Phänomen.

Was mir an Alexandra Liedtkes Inszenierung fehlt? Das doch irrwitzige romantische Geschwurbel dieses Stoffes, diese vergessen versessene Traum-Verwunschenheit. Es kommt wie eine Salon-Tragikomödie, die sich von der Musik domestizieren lässt. Adrian Kelly führt das Mozarteumorchester in groß-, teils auch grobflächige Klang-Felder, deren Ton-Geäst wenig lyrische Blüten treibt. Das Tempo wird zuweilen zum Sänger-Problem.

Zum Schluss ein Geständnis, quasi Schuldbekenntnis: Ich habe mit "Hoffmanns Erzählungen" noch nie viel anfangen können, da half mir diese Aufführung auch nicht auf die Sprünge.

Hans Langwallner, Kronen Zeitung

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