„Die Fälle der Gerti B.“ waren ein absoluter Publikumsrenner – heute (ab 20.15 Uhr, ORF 1) starten in Doppelfolgen die sechs neuen Episoden rund um das ungleiche Ermittlerinnenduo Gerti Bruckner (Susi Stach) und Heidi Mai (Mariam Hage). Wir baten die beiden Damen zum ausführlichen „Krone“-Talk über Generationenkluft, Veränderungen und Ängste.
„Krone“: Susi, Mariam – nun startet die zweite Staffel der Erfolgsserie „Die Fälle der Gerti B.“ mit sechs neuen Episoden. Der Vorteil daran ist, dass man sich nach einer Staffel schon untereinander gut kennt und auch seine Rollen im Griff hat. Hat sich das gut angefühlt?
Mariam Hage: Die Rolle ist sofort wieder da, weil du die Figur bereits in der ersten Staffel sorgfältig aufgebaut und kennengelernt hast. Es ist, als ob du in deinem alten Lieblingspulli reinschlüpfst. Jetzt kann man noch tiefer in die Rolle gehen, was sehr schön ist.
Susi Stach: Inhaltlich hat sich auch alles weiterentwickelt. In der ersten Staffel hatte meine Gerti Bruckner sehr viel Zeit zu zeigen, dass sie angefressen ist, dass sie eine so junge Chefin kriegt. In der zweiten Staffel war es uns wichtig zu zeigen, dass das irgendwann auch normal ist. Weitere sechs Folgen lang angefressen zu sein ist auch rein menschlich nicht nachvollziehbar, denn du musst dich irgendwie damit arrangieren, auch wenn die Lage immer wieder zu Konflikten führen kann. Das ist okay, aber es muss auch zu etwas führen. Wie geht man miteinander um? Das trägt die Erzählung der zweiten Staffel.
Durchleben Gerti Bruckner und Heidi Mai Momente der Selbstreflexion?
Hage: Es wird beiden der Spiegel vorgehalten. Ich bin der Meinung, dass Gerti und Heidi im Kern sehr ähnlich sind und in verschiedenen Zeiten ähnliche Konflikte hatten und ähnliche Thematiken erlebten. Im echten Leben ist das genauso – wenn du dich von einer Person gespiegelt fühlst, führt das zu Konflikten, weil es nicht immer angenehm ist, in sein eigenes Bildnis zu schauen. Allgemein gehen wir mit unseren Figuren aber viel weiter in die Tiefe. Es ist schön, wenn man die Zeit dazu hat.
Man kann es nicht direkt vergleichen, aber in den Rückblenden sieht man, wie Gerti Bruckner als Jungpolizistin in den 80er-Jahren unter dem Patriarchat in ihrem Job leidet. Irgendwie fühlt sich das so an, als würde sie die Wut und den Grant, den sie abbekam, in einer anderen Form an Heidi Mai weitergeben …
Stach: In einer anderen Art und Weise, ja. Sie musste sich ihren Platz mühsam erkämpfen, wurde ständig von Männern überholt und es blieb ihr nichts anders übrig, als die Zähne zusammenzubeißen und darauf zu hoffen, dass ihr Zeit noch kommen würde. Irgendwann geht einer in Pension und dann ist sie endlich dran. Es geht in der Gegenwart aber nicht darum, dass Gerti nicht eine andere Frau unterstützen will, sondern dass sie das Gefühl hat, sie gehöre dorthin und man hätte ihr etwas genommen, was sie ihr ganzes Arbeitsleben lang verdient hätte.
Hage: Es geht eher um einen beruflichen Konflikt zwischen den beiden Frauen. Wir Menschen sind ziemliche Gewohnheitstiere. Viele Frauen aus der Generation von Gerti haben es angelernt bekommen, dass sie die einzigen Frauen sind und es nur eine geben kann. Heute ist vieles davon aufgebrochen, aber Gewohnheiten wird man nicht so schnell los. Wenn man eingetrichtert bekommt: „Okay, ich muss nur auf mich schauen. Ich habe niemanden, dem ich vertrauen kann“. Da ist schwer zu denken, auch wenn das wichtig ist, man sollte lieber Banden bilden, solidarisch sein und sich vereinigen. Intellektuell lässt es sich schnell begreifen, aber rein emotional stecken da tiefe Wunden dahinter.
Stach: Erst langsam merken die beiden Frauen, dass sie sich aufeinander verlassen können.
Hage: Das ist schön, auch gesamtgesellschaftlich gesehen. Seit den 80er-Jahren wird dir eingetrichtert, dass du alles allein schaffen musst und für alle Dinge allein verantwortlich bist. Es geht immer um den Individualismus, aber es geht uns allen besser, wenn wir zusammenhalten.
Der Polizeiapparat ist auch in der Gegenwart noch sehr männlich geprägt und durchsetzt. Müssen Gerti und Heidi die Solidarität untereinander erst mühsam erlernen?
Hage: Heidi versuchte von Anfang an, solidarisch mit Gerti zusammenzuarbeiten. Sie versucht Solidarität anzubieten, aber sie macht es etwas ungeschickt.
Stach: Das kann man so sagen, ja. (lacht)
Hage: Gerti muss sich erst in das Gegenüber reinversetzen. Was ist ihre Lebensrealität? Wie kommen wir zusammen, wenn ich oft kantig daherkomme? Man muss sich in den anderen hineinversetzen und Empathie haben. Dann kann man viele Dinge verhandeln.
Themen wie Solidarität oder Empathie werden in einer immer härter werdenden Welt immer wichtiger.
Hage: Wir müssen mit allen Kräften gegen die Negativspirale dagegenhalten.
Stach: Das Schöne an der zweiten Staffel ist, dass es sehr menschelt. Man erfährt viel mehr über die Figuren und es geht stärker in die Tiefe. Wenn man zuschaut, findet man sich irgendwo auch selbst wieder. Es ist auch schön, dass es ältere und jüngere Figuren gibt – es ist alles sehr ausgewogen. Das ist alles andere als selbstverständlich.
Ist es durch die kriegerische Realität in der Welt umso wichtiger, dass man seine Rollen nicht nur komödiantisch anlegt, sondern auch zunehmend eine Vorbildwirkung ausstrahlt im Sinne von Empathie, Solidarität und Gemeinschaft?
Stach: Unbedingt. Nicht nur bei der Rollengestaltung, sondern überhaupt bei der Frage, welche Themen behandelt werden. Als „Role Model“ zum Älterwerden fühle ich mich verpflichtet in gewissen Bereichen einen Beitrag zu leisten. Etwa dass die Gerti gerne Hosen an hat, die ein bisschen eng sind und wo man sieht, dass etwas über den Hosenbund hinaushängt. Nicht nur die Zuseherinnen in den Wechseljahren nehmen zu, sondern auch ich als Schauspielerin, weil ich auch nicht nur diszipliniert bin. Mir ist so etwas sehr wichtig.
Hage: Es ist wichtig, welchen Geschichten wir erzählen dürfen und können und dass diese Geschichten nicht von oben herab passieren. Es ist der Versuch, normale Menschen in einer normalen Umgebung zu zeigen. Wir wollen Menschen porträtieren, wie sie sind. Mit der richtigen Dosis Ehrlichkeit und Bodenständigkeit.
Bei Heidi ploppt plötzlich ein Job-Angebot von Europol auf, Gerti und Bertl legen eine Beziehungspause ein, aber sie merken schnell, dass der Grat zwischen Liebe und Gewohnheit ein schmaler ist. Sind das Themen, die jeder aus dem Alltag kennt – Europol mal ausgenommen?
Stach: Es gibt viele lange Ehen, die relativ harmonisch, aber ziemlich ereignislos verlaufen. Wenn man nach 30 Jahren zusammen plötzlich wieder allein lebt, tun sich neue Schwierigkeiten auf. Einerseits ist es schön, dass einen keiner mehr dreinredet, was zu tun ist, anderseits fehlt etwas. Mit wem soll ich reden? Was mache ich heute Abend?
Hage: Mir fällt noch was zur vorigen Frage ein. Ich persönlich finde es immer spannender eine menschliche und sympathische Person mit Anstand und Integrität zu präsentieren, als eine Figur von oben herab zu leiten. Es gibt viele Menschen, die versuchen ihrem Wertesystem treu zu bleiben und trotzdem Fehler machen. Das ist doch schön, denn alle haben Ecken und Kanten und können nicht immer richtig handeln im echten Leben. Es kann nicht immer alles rund laufen. Es sind keine Superhelden, sondern normale Menschen.
In der zweiten Folge verfolgt Heidi Mai die Angst vor den Kollegen so, dass sie davon träumt, dass Gerti und die Kollegen sie wie eine Hexe niederbrennen wollen.
Hage: Ich habe mal wo gelesen, die Urängste wären die Angst vor dem Sterben, vor dem Alleinsein und vor der Dunkelheit. Alle haben auch Angst, nicht gesehen oder ausgestoßen oder übergangen zu werden. Je nach Biografie des jeweiligen Menschen unterscheidet sich das dann untereinander. Es wäre schön, wenn alle sagen könnten: „Ich habe eine Scheißangst. Du auch? Wie können wir uns trotzdem ein schönes Leben machen?“ – dann hätten wir aber keine Filmgeschichten mehr. Wären alle immer so lieb, gäbe es keine Reibung. Ich glaube nicht, dass Heidi oder Gerti Dinge aus Boshaftigkeit machen, wenn sie falsch handeln.
Stach: Man erkennt im Laufe der Serie, warum welche Verhaltensweisen bei jemand stattfinden und was im Leben alles nicht verarbeitet wurde. So geht es uns allen.
Es geht in der zweiten Staffel auch stark darum, dass sich die Figuren verändern und adaptiv zeigen müssen.
Stach: Die Veränderung ist immer da und lässt sich nicht aufhalten. Aber wie gehe ich damit um?
Hage: Man muss akzeptieren und loslassen und gleichzeitig damit klarkommen, dass man vielleicht manchmal nicht alles getan hat, was möglich war und manchmal nicht das richtige gesagt hat. So tickt das menschliche Wesen.
Stach: Es hat alles wunderbar harmoniert. Vor allem auch hinter der Kamera, obwohl es so anstrengend war. Wir haben sechs Folgen in 50 Tagen abgedreht – inklusive der Rückblenden in die 80er-Jahre. Das ist schon sehr sportlich. Aber alle haben sich den ganzen letzten Sommer freigehalten, als sie von der zweiten Staffel gehört haben. Was Schöneres gibt es nicht.
Hage: Absolut, das sehe ich auch so. Ich liebe bei Film und Fernsehen, dass die ganze Arbeit großes Teamwork bedeutet. Die Leute hinter den Kulissen sind richtige Hacklerinnen – großer Respekt davor, was sie alle anpacken. Es gibt so viele Menschen, die auf ihren unterschiedlichen Feldern Expertinnen sind. Von der Fahrerin über das Licht und die Maske bis hin zur Regie. Ein Filmset ist wie ein Uhrwerk und jedes Teil ist gleich wichtig. Es ist schon, Teil einer solchen Ordnung sein zu dürfen.
Stach: Es gibt schon auch Produktionen, wo irgendwelche Kollegen glauben, sie wären der Nabel der Welt und sich deppert aufführen. Das gibt es bei diesem Team aber nicht – in keiner Rolle.
Hage: Drehen ist Lebenszeit und wenn ich so eine intensive und zeitaufwändige Arbeit habe, dann will ich doch so viel wie möglich aus dieser Zeit herausholen. Wie in allen Berufsfeldern hat man immer weniger Zeit für alles, aber man muss trotzdem das Beste daraus machen. Wir haben auch eine Verantwortung den Zuschauern gegenüber, die bestmögliche Arbeit zu leisten.
Stach: Die Dialoge sind außerdem so gut geschrieben, dass man dabei gar nichts verändern muss. Musikalisch und wienerisch passt das perfekt. Mit diesem Text kannst du exakt arbeiten. Das ist nicht unerheblich und keinesfalls immer der Fall.
Habt ihr vom Dreh dieser zweiten Staffel irgendwas Besonderes für euch mitnehmen können?
Stach: Wir waren uns Gott sei Dank von Anfang an sympathisch und kennen uns jetzt noch besser. Das passiert nicht immer und war äußerst angenehm.
Hage: Ich habe mich auch sehr wohlgefühlt. Man kann seine beste Arbeit dann leisten, wenn es einem rundherum so gut wie möglich geht. Die Schauspielerei ist ein sehr emotionaler Beruf und auch im komödiantischen Feld geht es oft um tiefe Emotionen. Wer sich wohlfühlt, der kann sich leichter öffnen. Ich habe viel Freude, Kraft und Spaß mitgenommen.
Wie geht es bei euch mit weiteren Projekten weiter? Durch die Kürzung der Filmförderungen wird die Lage für Schauspielerinnen gemeinhin nicht leichter …
Stach: Bei mir steht gar nichts an. Ich habe letztes Jahr so viel und unterschiedlich gedreht wie noch nie zuvor in meinem Leben, aber für heuer habe ich noch keinen fixen Vertrag. Ein Kinofilm für den Sommer wird jetzt doch nicht gedreht, weil er nicht genug gefördert wird.
Hage: Bei mir ist es ähnlich. Bis Dezember drehten wir die zweite Staffel zur Serie „Push“ und jetzt steht noch ein Independent-Projekt an, von dem ich nicht viel sagen kann. Man muss die Lage akzeptieren und ich hatte in meinem Leben schon oft Existenzängste. Es hat lange gedauert, bis ich überhaupt in den Beruf hineingekommen bin, da will ich mich nicht zusätzlich fertigmachen. Das ist natürlich alles leichter gesagt als getan, aber ich muss aus eigener Kraft handeln und Lösungen finden. Auf der Welt passiert derzeit wesentlich Schlimmeres.
Stach: Irgendwann kapierst du, dass viele Dinge nicht wahnsinnig viel mit dir selbst zu tun haben. Mal bist du der Geschmack des Monats, dann wieder gar nicht – das lässt sich nicht beeinflussen. Sich darüber zu ärgern, bringt nicht. Ich unterrichte, ich coache, ich mache x andere Sachen und bin sehr breit aufgestellt. Ich liebe die Schauspielerei, aber richtig fertig machen würde mich, wenn ich nichts zu tun hätte. Das war aber noch nie der Fall.
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