Am Donnerstag jährt sich der Todestag von Nikolaus Harnoncourt zum zehnten Mal. Was ist geblieben von diesem einzigartigen Leben für die Musik und mit der Musik? Ein „Sturmwind“, der immer noch weht.
„Die großen Künstler unserer Geschichte werden wir nie wirklich verstehen können“, schreibt Nikolaus Harnoncourt in den 1980ern über Wolfgang Amadeus Mozart. „Wir haben nicht das Instrumentarium, um Mozart zu rekonstruieren.“ Wenn sich der Todestag des großen steirischen Dirigenten Harnoncourt also am 5. März zum zehnten Mal jährt und wir versuchen, sein Leben und Werk zu rekonstruieren, dann stehen wir vielleicht vor einem ebenso großen Rätsel, wie Harnoncourt selbst einst mit Blick auf den großen Mozart.
Aus Frustration wird er zum Forscher
Man kann natürlich die biografischen Daten in Erinnerung rufen: Harnoncourt wird am 6. Dezember 1929 in Berlin geboren. Verbringt seine Kindheit in Graz. Nachdem er Pläne, Puppenspieler zu werden, wieder verwirft, wendet er sich ganz der Musik zu. Seine Berufslaufbahn beginnt mit 18 Jahren als Cellist bei den Wiener Symphonikern. Weil er es bald nicht mehr aushält, wie oberflächlich der Klassikbetrieb mit der Musik umspringt, wird er zum Forscher, der sich in den Bibliotheken und Archiven in die Quellen vergräbt.
1953 gründet er mit Ehefrau und Lebensmensch Alice das Ensemble Concentus Musicus Wien, um die Resultate dieser Forschungsarbeit Klang werden zu lassen. Er avanciert zu einem der Pioniere der historisch informierten Aufführungspraxis, der „Originalklangbewegung“. Ausgehend von der Barockmusik fegt er die spätromantische Patina, die sich über die Interpretation von Bach und Händel gelegt hatte, hinweg.
Harnoncourt wird zum oft auch angefeindeten Bilderstürmer, bei dem Musik „Klangrede“ ist und nicht Sounddesign. Er durchlüftet die Klassikwelt, wagt sich historisch immer weiter vor. Dafür genießt er weltweit großes Ansehen, muss auf gewisse Erfolge aber auch lange warten: Erst mit 54 Jahren debütiert er am Pult der Wiener Philharmoniker – dirigiert dann aber auch zweimal das Neujahrskonzert (2001 und 2003). Auch in Salzburg ist lange kein Platz für ihn: Erst mit 65 Jahren gibt er sein Operndebüt bei den Festspielen. In der Steiermark hingegen wird ihm mit der „Styriarte“ ein Festival auf den Leib geschneidert, das er bis zu seinem Tod mit historischen Projekten prägt.
„Nur dort ist menschliches Leben, wo es lebendige Kunst gibt“
Doch was ist geblieben von diesem Leben? Einerseits sind da seine vielen Texte, allesamt Plädoyers dafür, wie lebensnotwendig die Kunst für die Menschheit ist. Gerade heute, in Zeiten, in denen immer öfter der Rotstift bei der Kultur angesetzt wird, sind einige seiner Texte fast prophetisch. So sagt er etwa 1995 in seiner Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele: „Unsere Zeit scheint sich immer mehr vom Geheimnisvollen und Phantastischen zu entfernen. Haben wir Angst vor dem Unerklärbaren? Haben wir uns verirrt? Wenn noch ein Weg offen ist, könnte die Kunst helfen, ihn zu finden. Nur dort ist menschliches Leben, wo es lebendige Kunst gibt.“ Es ist ein Satz, den man allen Kulturpolitikern ins Stammbuch schreiben möchte.
Und dann bleibt von Harnoncourts Leben natürlich – und vor allem – sein Werk. Und zu diesem kann man unendlich viele Worte verlieren – wird letztlich aber wohl keine besseren finden, als sie Harnoncourt selbst zu Mozarts 250. Geburtstag fand: „Wenn so ein Besinnungsjahr einen Sinn haben soll, dann müssen wir hören – hören – hören und können dann vielleicht einen kleinen Teil der Botschaft verstehen. Mozart braucht unsere Ehrungen nicht – wir brauchen ihn und seinen aufwühlenden Sturmwind.“
Die Zitate in diesem Text stammen aus dem Buch „Mozart Dialoge“ von Nikolaus Harnoncourt, das aus Anlass des 10. Todestages in einer erweiterten Neuausgabe bei Residenz erschienen ist.
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