Künstliche Intelligenz kann eine Datenkrake sein und Jobs vernichten. Das ist die eine Seite der Medaille. Auf Herz und Nieren erprobt und mit Augenmaß eingesetzt, kann sie den Spitalsalltag erleichtern, unnötige Untersuchungen vermeiden und Kosten senken. In Graz ist eine vitale Landschaft für medizinische KI-Anwendungen entstanden.
Sie tragen Namen wie arterioscope, Predicting Health und SkinScreener: KI-basierte Medizin-Anwendungen, die allesamt in den vergangenen Jahren in Graz entwickelt wurden. Gearbeitet wird mit einem Datenschatz, den es längst gibt, der aber bisher kaum gehoben wurde.
Beispiel „Personalised Risk Tool“: Die Software, die der frühere Kages-Datenwissenschafter Diether Kramer mit seinem Unternehmen Predicting Health einsetzt, sagt das individuelle Risiko für bestimmte Komplikationen während eines stationären Aufenthalts voraus. Hier geht es um akute Verwirrtheitszustände, Sturzgefahr oder Schluckstörungen, die die Zeit im Spital deutlich verlängern können.
„Glatteiswarner im Krankenhaus“
Mit Daten aus Diagnosen, Laborwerten oder Arztbriefen kann dies bereits bei der Aufnahme abgeschätzt werden, die KI bedient sich bereits vorhandener Information. „Wir sind eine Art Glatteiswarner im Krankenhaus“, sagt Kramer.
Bei arterioscope, einem an der TU entstandenen Start-up, geht es wiederum um die Früherkennung von Herzkrankheiten – noch bevor Symptome wie Atemnot oder Brustdruck auftreten. Neben dem Nutzen für die Patienten können mitunter auch kostspielige Untersuchungen wie CTs oder MRTs vermieden werden. Die künstliche Intelligenz arbeitet mit Biosignalen aus einem handelsüblichen EKG.
„Erst durch Maschinenlernen wurde es möglich, aus den großen Datenmengen statistisch signifikante Ergebnisse zu erreichen“, erklärt Mitgründer Hermann Moser. Derzeit kann die Software überall dort zum Einsatz kommen, wo ein EKG-Gerät steht. Angedacht ist eine Weiterentwicklung für den „Hausgebrauch“, etwa bei Pulsuhren und Fitnessarmbändern.
Muttermale selbst scannen
Für jedermann verwendbar ist mit SkinScreener eine Entwicklung mit Ursprung an der Grazer Med Uni: Die App analysiert Hautveränderungen und klassifiziert das Erkrankungsrisiko. Muttermale werden am Smartphone gescannt und von einer KI beurteilt. Am Ende bekommt der Nutzer das Hautkrebs-Risiko mittels leicht verständlichem Farbcode ausgewiesen.
Strenges EU-Regulatorium
Der KI-Boom hat also längst die Steiermark erfasst, auch im stark regulierten medizinischen Bereich. „Es braucht relativ lang, bis so etwas auf den Markt kommt, die Zulassungskriterien sind sehr streng“, spricht Kramer die Datenschutzgrundverordnung und das seit 2024 geltende EU-Gesetz zur künstlichen Intelligenz („AI-Act“) an. Die Diskussion werde aber „ein bisschen zu emotional“ geführt. Dass in der EU genauer hingeschaut wird als in anderen Weltregionen, begrüße er: „Ich bin sehr froh, dass wir so hohe Qualitätsansprüche haben.“
Ausbremsen lässt man sich jedenfalls nicht: In Österreich ist Predicting Health bereits Marktführer, nun will man europaweit expandieren. Von Deutschland bis Portugal haben die Grazer ihre Fühler zurzeit ausgestreckt.
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