Einen „Abend für Verlierer“ inszenieren Regisseurin Rebekka David und ihr Team auf der Bühne des Grazer Schauspielhauses und erwecken dafür das „Grand Hotel Steirerhof“ zum Leben – nur um es wieder untergehen zu lassen. Ein humorvoll-melancholischer Abend über den Verlust.
Noch bevor es richtig anfängt, ist es schon wieder vorbei mit dem „Grand Hotel Steirerhof“ auf der Bühne des Schauspielhauses. Denn kaum sind alle Gäste eingetroffen in der senfgelb-samtigen Oase im „warmen Herzen von Graz“ (Bühne: Stefan Weber), in der Portier Rudi (grandios ausufernd: Rudi Widerhofer) und Frau Resi (Gerlinde Likowetz) schon Königin Elizabeth II., Tina Turner oder Hans Moser begrüßt haben, da kommt der Anruf von oben: Aus „ökonomischen Zwängen“ wird das Hotel geschlossen. Das Haus wird abgerissen und muss Platz machen für einen Neubau, der eine glanzvoll-gläserne Zukunft verspricht.
Ein „Abend für Verlierer“
All das ist im Jahr 1989 tatsächlich so (oder so ähnlich) passiert in der steirischen Landeshauptstadt. Regisseurin Rebekka David und ihr Team haben mit Zeitzeugen dieses historischen Verlusts für das Stück gesprochen. Doch letztlich dient der echte Steirerhof nur als Kulisse für einen viel größer gedachten „Abend für Verlierer“. Denn heute wissen wir: Bei der glanzvollen Zukunft, von der wir 1989 geträumt haben, ist auch längst der Lack ab – niemand glaubt mit Blick auf den aktuellen Zustand der Gesellschaft, des politischen Systems oder der Wirtschaft noch ernsthaft daran, dass es künftig weiter bergauf gehen kann.
Und so sind die Figuren, die Rebekka David in einer melancholischen Slapstick-Revue durch die Hotellobby spuken lässt, nicht nur Geister der Vergangenheit, sondern auch Gespenster unserer Gegenwart, denen nichts bleibt, außer der Gewissheit des Verlusts: Der Page Paul (Dominik Puhl) muss erkennen wie naiv es ist, an den eigenen Aufstieg zu glauben. Dauermieterin Marie-Lou (Marielle Layher) muss einsehen, dass ihre Karriere als Schlagersängerin nie mehr aufblühen wird. Stammgast Marcel (Mario Lopatta) wird bewusst, dass seine Frau, die nach „Scheiß-St. Pölten“ durchgebrannt ist, nie mehr zurückkommen wird. Und Powerfrau Anja (Anna Klimovitskaya) entgleitet ihr Business, während sie das Begräbnis ihres Vaters versäumt.
Es sind verlorene Existenzen, die weder vor noch zurück können, von denen dieser von David und dem Ensemble gemeinsam erarbeitete Abend erzählt. Wunderbar gelingt dabei der Spagat zwischen Veränderung und Stillstand, Humor und Melancholie, Figurenzeichnung und Zustandsanalyse. Dadurch ist es nicht ganz so schmerzvoll, dass man mitunter auch viele Floskeln und Klischees zum Thema Verlust bedient.
Am Ende reißt das Stück sich selber ab – ein Neubau ist noch nicht in Sicht. Viel freundlicher Applaus bei der Premiere.
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