23 Gemeinden, 31 Millionen Euro Budget, 314 Projekte: Das war das europäische Kulturhauptstadtjahr 2024 im Salzkammergut. Zwölf Monate nach dem Ende gibt es nun eine filmische Abrechnung: Zwei Ausseer Kulturveranstalter orten einen großen Flop.
Kunsthaus, Murinsel, Literaturhaus, Kindermuseum: Das europäische Kulturhauptstadtjahr 2003 hat in Graz nachhaltige Spuren hinterlassen. 2024 waren dann die vier Gemeinden des steirischen Salzkammerguts Teil des Kulturhauptstadtjahres (der Schwerpunkt lag in Oberösterreich mit dem Zentrum Bad Ischl). Vergleichbare Leuchtturmprojekte fehlen.
Nicht nur das: „Die heimische Kulturszene wurde nicht gestärkt, sondern geschwächt“, meint der Ausseer Kulturveranstalter Hans Fuchs. Er hat das Projekt Kulturhauptstadtjahr stets kritisch begleitet, nun legt er gemeinsam mit Jörg Hoffmann eine TV-Dokumentation vor, die laut Fuchs hinter die Kulissen blickt und für Aufsehen sorgen wird.
Zu wenig Geld für lokale Künstler
Der Kernvorwurf: Intendantin Elisabeth Schweeger hätte eine Clique befreundeter internationaler Künstler bevorzugt, für die lokale Szene blieb kaum etwas übrig. Viel verbrannte Erde hinterließ ein „Open Call“ im Vorfeld, bei dem mehr als 1000 Projekte eingereicht wurden – nur ein Bruchteil konnte realisiert werden.
Dieser auch von den Bürgermeistern gewünschte „Open Call“ sei ein strategischer Fehler gewesen, räumt der Grundlseer Gemeindechef Franz Steinegger ein. Er war auf steirischer Seite federführend bei der Organisation des Kulturhauptstadtjahres. „Es war eine gute gemeinte Idee, durch die Fülle an Ideen wurden aber sehr viele enttäuscht.“
Regionale Künstler und Kulturformen konnten zu wenig eingebunden werden.

Franz Steinegger
Bild: Christoph Hartner
„Wir hätten uns mehr Impulse von außen erwartet“
Sein Fazit zum Kulturhauptstadtjahr fällt „ambivalent“ aus. Fast alle der 63 Veranstaltungen auf steirischer Seite bewertet er positiv, die Besucher seien durchwegs begeistert gewesen. Vieles von dem, was erhofft wurde, sei aber nicht eingetroffen – auch, weil gleich 23 Gemeinden an Bord waren. Die Kommunikation sei mangelhaft gewesen. Und regionale Künstler seien zu wenig eingebunden gewesen, meint auch Steinegger – wiewohl es zum Wesen eines Kulturhauptstadtjahres gehöre, dass Künstler aus dem europäischen Ausland kommen.
Eine Schwächung der regionalen Kulturszene sieht Steinegger im Gegensatz zu Fuchs nicht, „aber auch keine Stärkung. Wir hätten uns mehr nachhaltige Impulse von außen und neue, junge Mitglieder der Szene mit neuen Formaten erwartet.“
Besucherzahlen werden angezweifelt
Laut offizieller Bilanz zählte die Kulturhauptstadt 824.518 Besucher – wie viele davon auf die Steiermark entfallen, ist unklar. Fuchs zweifelt die Zahlen ohnehin an, man habe etwa auch die Besucher des Narzissenfests mitgezählt. Ein Indiz: Die Nächtigungszahlen stiegen 2024 nur geringfügig.
Am 23. Jänner wird der offizielle Evaluierungsbericht durch die Wirtschaftsuni Wien vorliegen. Der Zwischenbericht aus dem Vorjahr fällt – auch aufgrund des vergleichbar geringen Budgets von 31 Millionen Euro – (erwartungsgemäß) positiv aus, er spricht von „wichtigen Impulsen für kulturelle und infrastrukturelle Entwicklungen in der Region“ und einem „positiven wirtschaftlichen Effekt“. Die Kulturabteilung des Landes Steiermark verweist auf „Krone“-Anfrage auf diesen Bericht.
„Blickwechsel Spezial: Kulturnomaden“ von Hans Fuchs und Jörg Hoffmann läuft am Donnerstag, 8. Jänner, um 21.15 Uhr auf ServusTV.
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