22.02.2014 13:17 |

"Stromberg" in Wien

Der schlimmste Chef der Welt im krone.at-Interview

Fünf TV-Staffeln lang terrorisierte Bernd Stromberg seine Mitarbeiter bei der deutschen Capitol-Versicherung. Nun endet die Ära des schlimmsten Chefs der Welt mit einem Kinofilm, der am Freitag in Österreich startete. krone.at traf Stromberg-Darsteller Christoph Maria Herbst (48) in Wien und plauderte mit ihm über Tränen bei Drehschluss, einen fleischgewordenen Schrei nach Liebe und den "Musikantenstadl".

krone.at: Wie würden Sie jemandem, der die Serie noch nie gesehen hat, Bernd Stromberg in wenigen Sätzen beschreiben?
Christoph Maria Herbst: Darüber hab ich mir noch nie den Kopf zerbrochen, weil wir ja im digitalen Zeitalter leben. Ich würde demjenigen die fünf Staffeln in die Hand drücken und sagen: "Guck dir das mal an!" Also Bernd Stromberg ist schon verlogen, er tut leutselig und ist dann doch nur daran interessiert, einen überdachten Parkplatz zu haben. Er ist chauvinistisch, er ist latent fremdenfeindlich, er ist der typische Fahrradfahrer, der nach unten tritt und nach oben buckelt. Also er ist eigentlich wie du und ich, und ich würde immer hoffen, mehr wie du als wie ich. Ich glaube, er ist wie jeder zweite Chef. Ich glaube, dass viele Menschen so jemanden wie Stromberg kennen, dem einen oder anderen haben wir vielleicht einen Spiegel vorgehalten. Das beweisen mir zumindest mehrere E-Mails, die ich bekommen habe. Ich habe tatsächlich aus der Versicherungswirtschaft E-Mails bekommen, in denen unter anderem stand: "Wenn Sie glauben, Sie machen da eine Comedy, dann kommen Sie mal zu uns." Da tat sich für mich schon ein Abgrund auf, weil wenn das wirklich so ist, dann ist das geradezu dramatisch. In Deutschland, ja auch europaweit, nehmen die psychischen Erkrankungen immer mehr zu - wir reden hier von Burn-out, von Mobbing. Das lässt sich, glaube ich, zum Großteil auf solche Menschen wie Stromberg zurückführen.

krone.at: Wäre Bernd Stromberg ein guter bzw. erfolgreicher Politiker?
Herbst: Ich fürchte ja. In einer der TV-Staffeln sagt mal eine Figur zu Bernd Stromberg: "Sie könnten dem Papst ein Doppelbett verkaufen." Und Stromberg sagt jetzt im Film zum Personalchef aus der Zentrale: "Ich würde sogar den Eskimos noch ein Schnee-Abo verkaufen." Das ist, glaube ich, eine richtige Einschätzung, weil der kann reden wie ein Wasserfall, der hat schon was von einem Gebrauchtwagenhändler und ist auch nicht gestraft mit zu viel Fachwissen. Eigentlich ist er prädestiniert für einen Politiker.

krone.at: Welche drei Dinge würde Bernd Stromberg auf eine einsame Insel mitnehmen?
Herbst:(überlegt lange) Der bräuchte natürlich immer irgendjemanden, der ihm zuhört und den er vollquatschen kann. Vielleicht Ulf, Tanja und Ernie (Bürokollegen von Bernd Stromberg, Anm.). Ich hab' bei Dingen jetzt natürlich nicht an Personen gedacht, aber da er Menschen gerne wie Dinge behandelt, würde ich jetzt hier mal eine Ausnahme machen.

krone.at: Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
Herbst: Ein gutes Buch, meine Lieblings-CD und Wasser... Puh, das sind immer so Fragen... Ich müsste erst mal wissen, wie diese Insel denn beschaffen ist. Was hab' ich von einem guten Buch und irgendeinem Streichquartett von Schubert, wenn ich zwei Tage später sterbe, weil ich nichts mehr zu fressen habe...?

krone.at: Blicken wir zurück auf den letzten Drehtag für den Film. Was hatten Sie da für ein Gefühl: Freude und Erleichterung, dass dieser Abschnitt der Karriere vorbei ist, oder Wehmut?
Herbst: Letzteres. Wir lagen uns da schon weinend in den Armen. Die Zeit war schon von einer großen Sentimentalität geprägt. Wir reden hier von zehn Jahren, von tollen Büchern, von einem tollen Ensemble. Wir sind zu einer kleinen Familie geworden. Für uns alle war der "Stromberg"-Dreh, der im Schnitt in jedem zweiten Jahr anstand, das Lieblingsprojekt. Das gibt man nicht so leichtfertig auf. Insofern war es ein umso größeres Geschenk, das Ganze mit einem Kinofilm zu beenden, der auch noch vom Fan losgetreten wurde, weil er uns mit einer Million Euro bestochen hat (Fans der Serie haben per Crowdfunding eine Million Euro zur Mitfinanzierung des Films aufgebracht, Anm.). Das war natürlich grandios und wir versuchen, es dem Fan jetzt mit einem tollen Film heimzuzahlen. Wir haben nicht den Fehler gemacht, diese ganze "Stromberg"-Welt neu zu erzählen. Wir haben die Figuren, so wie man sie in fünf TV-Staffeln kennengelernt hat, jetzt auf die Leinwand gepackt, und das ist das größte Geschenk, das wir dem Fan machen konnten. Wir haben nicht den Fehler begangen, irgendwelche Veronica Ferres oder Til Schweigers durchs Bild laufen zu lassen, sondern sind uns selbst treu geblieben.

krone.at: Wie schaffte es Bernd Stromberg, zur Kult- und Werbefigur zu werden?
Herbst: Es ist eine Mischung aus vielem. Er ist eine Figur, die schwer zu greifen ist. Es reicht nicht zu sagen, dass er ein Arschloch ist. Das ist er eben nicht nur. Er verkörpert viele menschliche Seiten, die wir alle in uns haben. Er hat ja durchaus auch gute Seiten. Ich habe ihn in irgendeinem Interview mal als fleischgewordenen Schrei nach Liebe bezeichnet, weil er so eine einsame, jämmerliche Figur ist, der niemanden hat, außer sich selbst. Es ist schon sehr spannend, jemanden zu haben, den man eigentlich in den Arm nehmen möchte und dem man gleichzeitig in den Hintern treten will. Viele Fans erfreuen sich an den Sprüchen, die werden häufig zitiert, andere nehmen Stromberg vielleicht als Ventil für ihren eigenen Alltag. Manche sagen sich vielleicht "Oh Gott, so schlimm ist es bei mir ja gar nicht" und ertragen dadurch ihren eigenen Alltag besser. Irgendwie findet da jeder was. Es ist schon das Besondere an der Figur, ihr zuzusehen, wie sie sich selbst in Fettnäpfchen hineinmanövriert, und trotzdem drücken wir ihr dann die Daumen, dass sie es wieder schafft, sich am eigenen Haar wieder aus dem Loch zu ziehen. Das ist schon irre. Mir war es als Schauspieler immer wichtig, die Figur nicht als Arschloch zu spielen, weil als Arschloch ist sie eigentlich schon geschrieben, sondern eher sympathische und angenehme Seiten zu zeigen. Ich wollte, dass die Leute ein bisschen Empathie entwickeln. Wir haben viele E-Mails bekommen, in denen die Absender uns mitteilten, wie toll sie es finden, wenn Stromberg mal was gelingt.

krone.at: War es für Sie ein Unterschied, Stromberg fürs Kino zu spielen?
Herbst: Gar nicht. Wir brauchten natürlich eine andere Vorlage, eine eigene Dramaturgie, man muss ja eine Geschichte über einen größeren Bogen erzählen. Für mich war das aber egal, ich mache Fernsehen nicht auf der linken Arschbacke und für Kino steh' ich dann auf. Das würde ich niemals tun. Da habe ich schon einen Ehrenkodex, dass ich sage, das ist schon etwas sehr Besonderes, was ich hier tun darf. Das ist kein Job. Den Druck, dass da auf einmal Geld vom Fan kommt und wir jetzt auf einmal Kino machen, habe ich nicht verspürt. Wir haben das alles genauso ernst genommen wie die Fernsehserie. Im Umkehrschluss würde es ja bedeuten, dass man Fernsehen lax macht. Es ist, glaube ich, auch ein Geheimnis des Erfolgs von "Stromberg", dass die Leute sehen, dass wir viel Herzblut reingesteckt haben.

krone.at: Wie kam es dazu, dass am Ende des Films der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier einen kurzen Auftritt hat?
Herbst: Ich glaube, der hatte einfach mal die Schnauze voll vom Politikgeschäft und will auf Dauer eine Umschulung zum Schauspieler machen. (lacht) Dieser Auftritt bei "Stromberg" hat ihm erst einen richtigen Karrierekick gegeben, weil danach ist er Außenminister geworden. Ein Dankeschön haben wir aber nie bekommen, das ist wieder typisch Politiker... Aber er hat es super gemacht, wir haben zwei, drei Takes mit ihm gemacht und für ihn hätten wir immer ein Plätzchen frei bei "Stromberg".

krone.at: Gibt es denn eine Mini-Mini-Mini-Chance, dass es irgendwann mal doch weitergeht mit "Stromberg"?
Herbst: Sag niemals nie. Wenn Sie sagen, Mini-Mini-Mini-Chance, ist das sehr gut formuliert. Ich bin ein Freund von Revivals, vielleicht fragt man sich in zehn, 15 Jahren mal: "Was ist eigentlich aus dem Bernd Stromberg geworden?" Das fände ich schon spannend. Das wär mir lieber als der Gedanke an ein Prequel. Strombp>

krone.at: Der Song zum Film, "Lass das mal den Papa machen", hat auf jeden Fall Ohrwurmgarantie. Hat er auch Hitpotenzial?
Herbst: Das weiß ich nicht. Der Song ist musikalisch so einfach und der Text ist so unfassbar simpel, dass er allein schon deswegen die Breite erreichen muss. Wir haben jetzt auch bald Karneval, es würde mich nicht wundern, wenn in der einen oder anderen Kneipe das Lied gespielt wird. Also für Mallorca würd's reichen.

krone.at: Und wenn Andy Borg Sie in den "Musikantenstadl" einlädt ...?
Herbst: ... würde ich dankend ablehnen. Das ist nicht meine Kernkompetenz. Ich habe das nicht gesungen, um mir da ein drittes oder viertes Standbein zu schaffen, sondern das hat das Drehbuch so vorgesehen. Ich muss schon sagen, dass es mir eine unbändige Freude war, mit einer Big Band dieses Lied, das Stefan Raab komponiert hat, einzusingen. Dieses einmalige Erlebnis wird vielleicht noch dadurch getoppt, dass ich im Film auch einen Bus fahren durfte. Und da haben wir von der Szene, als ich einer gut gebauten Frau minutenlang an die nackten Brüste fassen musste, noch gar nicht gesprochen. Also der Beruf des Schauspielers ist sehr hart, aber nicht immer.

krone.at: Demnächst kommt die Action-Komödie "Die Mamba" mit Ihnen und Michael Niavarani in die Kinos, was dürfen wir uns da erwarten? Sie spielen einen CIA-Agenten.
Herbst: Ich glaube, es ist eine schöne Agentenparodie geworden, sehr aufwendig produziert mit langen, anstrengenden Drehs in Marrakesch. Der Niavarani war unentwegt krank, der hat sich da wirklich die Seele aus dem Leib geschissen.

krone.at: Sie haben bei der Zusammenarbeit mit österreichischen Schauspielern sicherlich den hiesigen Humor kennengelernt. Was ist denn da der Unterschied zwischen Deutschland und Österreich, was sind die Gemeinsamkeiten?
Herbst: Ich kann da keinen Unterschied feststellen. Ich mochte den österreichischen Humor schon immer sehr, und hatte ihn auch, ohne zu wissen, dass er österreichisch ist. Ich habe als Kind die viel zu langen Sonntagnachmittage damit verbracht, Hans-Moser-Filme zu gucken. Ich bin ein großer Fan der Serie "Braunschlag", Niavarani fand ich auch auf Anhieb zum Küssen, den kannte ich bis zum "Mamba"-Dreh nicht. Ich glaube, Bernd Stromberg hat auch viel österreichisches Potenzial.

krone.at: Welche Rolle im deutschen Fernsehen würde Sie mal reizen? Vielleicht "Tatort"-Kommissar?
Herbst: Ach du liebe Güte, noch ein "Tatort"-Kommissar!? Jetzt hat ja fast jede Stadt ab 20.000 Einwohnern einen davon. Ich bin kein Fan von Inflation. Das haben wir mit "Stromberg" ja auch richtig gemacht, dass wir nur alle zwei Jahre mal eine Staffel gemacht haben. Das war wohldosiert. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn die Leute sagen: "Boah, ich kann den nicht mehr sehen." Meine Oma hat immer gesagt: "Willst du gelten, mach dich selten." Das trifft auf das Format "Stromberg" zu. Man erlebt es nicht so oft im deutschen Blätterwald, dass sich eine "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" und die "Bild" unisono darüber freuen, dass Bernd Stromberg wieder da ist.

krone.at: Werden Ihnen wegen "Stromberg" vermehrt unsympathische Charakter-Rollen angeboten?
Herbst: Ich habe unfassbar viele Büro-Typen angeboten bekommen. Es kann natürlich nicht sein, dass ich mich da selber plagiiere und imitiere. Da werde ich nicht müde, den Leuten zu sagen: "Guckt doch mal genau hin, ich mach das doch schon." Ich glaube schon, dass noch andere Figuren in mir schlummern. Ich bin ja Schauspieler und nicht nur "Stromberg"-Darsteller. Ich bin gerade 48 geworden und ich habe, so Gott will, noch ein paar Jahre vor mir. Also es wird für mich noch eine Zeit nach "Stromberg" geben. Und wenn die Leute sagen, das sei die Rolle meines Lebens, dann kann ich nur sagen, dass mein Leben noch nicht zu Ende ist.

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