Am Wochenende wurden im Ländle zwei Musterbeispiele für die öffentliche Bautätigkeit eröffnet. Diese fügen sich nahtlos ein in eine lange Reihe überaus gelungener Projekte. Die privaten Bauträger dürfen sich ein Beispiel nehmen!
Aus raum- und städteplanerischer Sicht ist Vorarlberg eine ziemliche Katastrophe: Zu zersiedelt, es fehlt an hochwertigen öffentlichen Räumen, trotz der Kleinheit des Landes sind die Alltagswege viel zu lang – das gilt insbesondere fürs Rheintal, das zwar gemäß den gängigen Parametern ein urbaner Raum ist, allerdings ohne die Qualitäten einer historisch gewachsenen Großstadt.
Einzelinteressen stehen über dem Gemeinwohl
Dieser Wildwuchs hat viele Gründe: Die genuin vorarlbergerische Erbpraxis der Realteilung, durch die das Land zu einem einzigen Fleckerlteppich wurde. Das Fehlen eines echten interkommunalen Finanzausgleichs. Das Kirchturmdenken. Und vor allem: In Vorarlberg standen die in Sachen Bauen die Einzelinteressen meist über jenen der Allgemeinheit. In kaum einer anderen Region ist das persönliche Glück so sehr mit Wohneigentum verwoben, „schaffa, schaffa, Hüsle baua“ war bei uns nicht nur eine Floskel, sondern das verbindende Narrativ schlechthin.
Leuchtturmprojekte von überragender Qualität
Aber es gibt Hoffnung – und das liegt vor allem an der öffentlichen Hand. Tritt diese in Vorarlberg als Bauherr auf, schaut – zumindest seit rund 15 Jahren – am Ende meist etwas Vernünftiges dabei heraus. Mehr noch: Die öffentlichen Bauten im Ländle haben vielfach eine überragende Qualität, diesbezüglich muss Vorarlberg den Vergleich mit keiner Region in Europa scheuen. Die Vorzüge zeigen sich einerseits in der Architektur und im bautechnisch überaus hohen Niveau, viel mehr aber noch in der Nutzung. Soll meinen: Öffentliche Gebäude liefern in vielen Fällen einen Mehrwert für die Gemeinschaft. Und warum ist das so? Ganz einfach: Öffentlichen Bauten liegt immer ein Bedarf zugrunde. Was braucht die Gemeinde? Was fehlt im Ort? Wie können wir das Dorfzentrum attraktiver machen?
Das Erfolgskonzept „Dorfhus“
Ein Musterbeispiel bedarfsgerechten Bauens sind die sogenannten „Dorfhüser“: Gerade in den Kleingemeinden sind diese in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. So unterschiedlich die Einzelobjekte auch sein mögen, so haben sie neben einer hochwertigen, in die Region passenden Architektur vor allem eines gemeinsam: Jedem Dorfhus liegt ein Mischnutzungskonzept zugrunde. Es gibt keine nachhaltigere Form des Bauens, man merke sich: Objekte, die flexibel nutzbar sind, haben kein Abrissdatum!
Alte Substanz mit neuem Leben füllen
Am vergangenen Wochenende sind in Vorarlberg gleich zwei öffentliche Vorzeigeprojekte feierlich eröffnet worden. Zum einen die nach einem Brand grunderneuerte Häusle-Villa in Rankweil. Die Gemeinde hat aus der Not eine Tugend gemacht und gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Es ist gelungen, ein historisch und architektonisch wertvolles Objekt in all seinen Vorzügen zu erhalten.
Darüber hinaus ist die alte Hülle mit neuem Leben gefüllt worden: Neben diversen Abteilungen der Gemeindeverwaltung hat in der Häusle-Villa auch das Standesamt eine neue Heimat gefunden, was das Gebäude für aberhunderte Paare zu einem ganz besonderen Ort machen wird. Was aber fast noch wichtiger ist: Parallel zu den Sanierungsarbeiten ist der Vorplatz massiv aufgewertet worden, aus einer austauschbaren Einöde wurde ein sympathischer Ort, der geradezu zum Verweilen einlädt – ein Benefit, den private Bauherren nur leisten, wenn sie dazu gezwungen werden.
Ein Musterbeispiel an Nachhaltigkeit
Ebenfalls feierlich eingeweiht wurde am vergangenen Wochenende die neue Volksschule Hof in Andelsbuch. Der Neubau ist ein Musterbeispiel für nachhaltiges Bauen: Verwendet wurden ausschließlich heimisches Holz und Beton, das Schulgebäude wird mit Pellets beheizt, auf dem Dach ist die Photovoltaikanlage der alten Schule „revitalisiert“ worden.
Weiters können dank einer 100 Kubikmeter großen Regenwasserzisterne künftig sowohl der Schulbereich als auch der angrenzende Friedhof kostengünstig bewässert werden. Und selbstverständlich wird der neue Komplex nicht nur den Kindern zugutekommen: Neben der Volksschule sind im Neubau auch die Ortsbücherei, der Bauhof und ein Kindergarten beheimatet, darüber hinaus eignet sich der neue Bewegungsraum perfekt für diverse Gemeinde- und Vereinsveranstaltungen. Am Beispiel der Volksschule Hof zeigt sich aber noch eine weitere Qualität öffentlichen Bauens: die aktive Einbeziehung der Bevölkerung. So wurde etwa die überaus gelungene Außenanlage von örtlichen Betrieben gemeinsam mit der Werkraumschule Bregenzerwald gestaltet.
„Öffis“ als Vorbild für private Bauträger
Natürlich, das gehört ebenfalls zu Wahrheit, leistet sich auch die öffentliche Hand als Bauherr so manchen Fehltritt: Das neue Gemeindezentrum in Lech ist beispielsweise komplett am tatsächlichen Bedarf vorbeigebaut worden, zudem ist das Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen – Stichwort Feuerwehrhäuser – nicht selten fragwürdig. Von den vielen Bausünden der Vergangenheit ganz zu schweigen.
Unterm Strich aber bleibt die Bilanz positiv – und es wäre wünschens- und erstrebenswert, würden sich die privaten Bauträger den Bauherr „Öffentliche Hand“ ein wenig mehr zum Vorbild nehmen.
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