So, 24. Juni 2018

Macht süchtig

19.10.2012 09:40

Muss für Strategie-Fans: "XCOM: Enemy Unknown"

Fortsetzungen bekannter Spiele sind bekanntlich ein zweischneidiges Schwert, zu oft werden die Erwartungen der Fans enttäuscht. Dass es auch anders geht, zeigt Entwickler Firaxis 18 Jahre nach dem ersten Teil nun mit "XCOM: Enemy Unknown". Mit einer spannenden Geschichte garniert und dynamisch präsentiert, ist die rundenbasierte Taktik fordernd wie eh und je. Die Entscheidungen sind so schwierig wie die Konsequenzen weitreichend, die Aliens vielfältig und gerissen. Ein Muss für Rundenstrategie-Fans.

Aliens überrennen 2015 die Erde, sie töten und zerstören – und scheinen außerdem mit Entführungen einen geheimen Masterplan zu verfolgen, den es aufzudecken gilt. So wird die multinationale XCOM-Einheit, zusammengesetzt aus Militär, Wissenschaftlern und Technikern, auf den Plan gerufen. Die Leitung übernimmt der Spieler, auf dem fortan ständig schwerwiegende Entscheidungen lasten. Denn die Taktik beschränkt sich bei Weitem nicht nur auf die Kämpfe, sondern fängt – nach Wahl eines von vier Schwierigkeitsgraden - in der eigenen, unterirdischen Basis an.

Schaffe, schaffe, Basis baue...
Dort findet sich zum Beispiel ein Labor, um die Aliens und ihre Technologie zu erforschen. In der Werkstatt werden die Erkenntnisse dann in bessere Waffen, Rüstungen und Co. umgesetzt. Auch der Bau von Satelliten, mit denen die Erde auf der Suche nach angreifenden Aliens umkreist wird, geschieht unter Tage. Hinzu kommen im Spielverlauf weitere Ausbau-Varianten wie Offiziersschule und Gießerei, die dem Spiel noch mehr Tiefgang verleihen. Insbesondere, da jede Aktion Geld, Zeit, Personal und Ressourcen kostet – es gibt nie genug, um alles Nötige oder Interessante zu erforschen oder zu bauen. Gründliches Abwägen und das Setzen von Prioritäten sind daher ständige Begleiter in "XCOM: Enemy Unknown".

Überall helfen unmöglich
Dasselbe gilt für die Entscheidung, wo auf der Welt die Hilfe des XCOM-Teams gerade am dringendsten benötigt wird. Afrika oder doch Asien? Russland oder die USA? Wird ein Land sich selbst überlassen, steigt dort die Panik. Ist der Level zu hoch, verlässt das Land den Rat der Nationen, die das XCOM-Projekt finanzieren. Dem Spieler fehlen dann wichtige Einnahmen, zudem ist das Spiel verloren, wenn sich zu viele Länder absetzen. So ist der Spieler ständig hin- und hergerissen, da meist gleich drei Städte gleichzeitig von den Aliens angegriffen werden, aber nur eine beschützt werden kann. Die beste Vorsorge vor Panik bieten teure Überwachungssatelliten, die allerdings erst nach und nach über den Ländern positioniert werden können. Je mehr Länder eines Kontinents so beschützt werden, desto bessere Boni wie zusätzliche Wissenschaftler und Ingenieure winken.

Soldaten ganz nach meinem Geschmack
Ist die Entscheidung für den Einsatzort gefallen, gilt es, das richtige Team auszuwählen. Anfangs können vier, später bis zu sechs Soldaten mitgenommen werden. Der Spieler kann sie seinen persönlichen Vorlieben anpassen – Männer wie Frauen können anderen Nationen zugewiesen, mit neuem Gesicht und Haarschnitt oder nur einer anderen Rüstungsfarbe versehen werden. Zudem gilt es, sie regelmäßig mit neu erforschten Waffen, Rüstungen sowie Spezialitems (etwa einem Medipack) zu versorgen.

Die Mischung macht's
Nach den ersten Missionen als Rekruten werden die Soldaten automatisch einer von vier Klassen – Scharfschützen, Schwere Waffen, Sturmtruppen und Unterstützer – zugeteilt. Ein kleiner Schwachpunkt, wenn sich lange kein Rekrut als benötigte Klasse herausstellt. Welche Kämpfer der Spieler mitnimmt, bleibt ihm überlassen. So kann man sich statt auf eine ausgewogene Mischung auf rasches Vorrücken mit Sturmtruppen und Unterstützern, die heilen oder das Schlachtfeld mit Rauchgranaten vernebeln, konzentrieren. Aber auch langsameres, dafür auf Sicherheit bedachtes Vorgehen mit mehr Scharfschützen ist möglich.

Kein gesichtsloses Kanonenfutter
Mit jeder überstandenen Mission sammelt ein Soldat Kampferfahrung, die regelmäßig zum Stufenaufstieg führt. Hier kann je eine von zwei Fähigkeiten ausgewählt werden – und auch diese Entscheidung fällt schwer. Soll etwa der Scharfschütze Boni für Zielen und Verteidigung aus der Höhe erhalten oder doch mehr Schaden mit der Pistole machen, sollte er aus der Nähe attackiert werden? Die Personalisierung und der Levelaufstieg sorgen dafür, dass jeder Soldat dem Spieler ans Herz wächst. So vermeidet Firaxis, dass die Kämpfer als Kanonenfutter angesehen werden – jede und jeder von ihnen ist wertvoll und durch einen ungelernten Rekruten lange Zeit nicht adäquat zu ersetzen.

Speicherfunktion als Retter in der Not
Denn stirbt ein Soldat im Kampf, ist er für immer dahingeschieden. Aber auch verletzte Krieger fehlen schmerzlich, denn sie fallen für einige Zeit im Krankenstand aus. Der Spieler achtet also tunlichst darauf, seine Mannschaft nicht unnötig zu gefährden, und steckt so noch mehr Überlegung in den Kampf. Das unbarmherzige System lässt sich allerdings aushebeln, was man positiv wie negativ sehen mag: Der Spieler kann jederzeit frei speichern – sollte eine Mission also danebengehen, lässt sich einfach ein alter Spielstand laden.

Ab ins Getümmel
Ist die Truppe ausgewählt und ausgerüstet, geht es ab in den Kampf. Hier wechselt die Perspektive zu einer schrägen Draufsicht, in der das Sichtfeld nur so weit reicht wie jenes der fähigsten Soldaten. Jeder von ihnen kann zwei Aktionen pro Runde ausführen. Zum Beispiel ein paar Schritte zur nächsten Deckung machen und einen Schuss abgeben oder auf ein Dach klettern und als "Feldposten" die Umgebung überwachen: Nähert sich beim nächsten Zug der Aliens ein Gegner, greift dieser Soldat automatisch an, ohne eine seiner beiden Aktionen zu verbrauchen.

Zusammenarbeit überlebenswichtig
Gewisse Waffen abzufeuern - wie Raketenwerfer, aber auch Scharfschützengewehre – sowie der schnelle Lauf zu weiter entfernten Punkten benötigt allerdings zwei Aktionspunkte, sodass auch hier ständig Entscheidungen gefällt werden müssen. Der Spieler bestimmt nicht nur, was getan wird, sondern auch, in welcher Reihenfolge die Kämpfer vorgehen. Denn für jeden Schuss wird die Erfolgswahrscheinlichkeit angezeigt – je freier das Sichtfeld des Schützen, desto höher. Hat sich ein Widersacher aber verschanzt, kann zum Beispiel ein schwer bewaffneter Soldat mit einem Raketenwerfer die Deckung zerballern, um den Weg für einen Scharfschützen frei zu machen.

Gedankenkontrolle als mächtiges Instrument
Eine Taktik, die allerdings auch die schlau agierenden Aliens einsetzen, sodass die dringend benötigte Deckung ganz schnell dahin sein kann - schließlich sind nach jeder Runde des Spielers die Außerirdischen am Zug. Im Spielverlauf nehmen die taktischen Entscheidungen weiter zu, etwa weil Gegner auftauchen, die per Gedankenkontrolle die eigenen Soldaten außer Gefecht setzen. Erst durch Forschung können auch eigene Soldaten mit Psi-Kräften ausgestattet werden, um diesen Bann zu brechen und ihrerseits für einige Züge Außerirdische zu kontrollieren.

Schlaue Aliens - dynamische Präsentation
Dass das Spiel trotz der taktischen Tiefe und Überlegungen spannend und dynamisch ist, verdankt es Kamerafahrten und dem Wechsel in die Schulterperspektive bei Aktionen sowie überraschenden Ereignissen und vor allem der gerissenen Alien-KI. Die außerirdischen Widersacher tauchen urplötzlich an den denkbar ungünstigsten Stellen auf, fallen den Soldaten in die Flanke oder versuchen, sie einzukreisen. Zudem hat jeder Außerirdische – von den altbekannten kleinen grünen Männchen über fliegende Cyberdiscs bis zu insektenartigen Chryssaliden – eigene Angriffsstrategien, Stärken und Schwachpunkte, die es auszuloten gilt. Umso befriedigender fühlt es sich denn auch an, eine weitere Mission erfolgreich abgeschlossen zu haben – und sich zu überlegen, was mit gefangenen Aliens, den Überresten pulverisierter Gegner oder Artefakten passieren soll.

Atmosphärisch und düster
"XCOM: Enemy Unknown" verfügt übrigens auch über eine spannende Hintergrundgeschichte, die immer wieder unangenehme Fragen aufwirft. So muss sich der Spieler zum Beispiel darüber Gedanken machen, wie weit die Alien-Technologie angewendet und die Soldaten verändert werden sollten. Bewegt man sich nicht irgendwann gefährlich nah daran, die Menschen selbst in Außerirdische zu verwandeln? Zur Atmosi.

Multiplayer für zwischendurch
Obendrauf gibt's einen – von der Kampagne unabhängigen - Multiplayer-Modus für zwei Spieler, die ihr Team aus sechs Soldaten oder Aliens frei zusammenstellen und damit gegeneinander antreten können. Damit das Spiel nicht in endlose Überlegungen ausartet, kann ein Timer festgelegt werden.

Minuspunkte: Maussteuerung, mangelnde Erklärungen
Bei all dem Lob gibt es aber auch Kritikpunkte: Ein Schwachpunkt des Spiels ist die Maussteuerung, die teils schwammig reagiert und dem Gamer im Kampf zu viele Klicks abverlangt, das wäre auch einfacher gegangen. Wesentlich flüssiger und angenehmer läuft es mit einem Gamepad, hier ist die Steuerung wunderbar gelungen. Bezüglich der Taktik fällt negativ auf, dass das Tutorial nicht alle wichtigen Inhalte ausreichend erklärt. Insbesondere die immense Bedeutung der Satelliten geht unter, was den Spieler schon bald in ernste Bedrängnis bringen kann.

Kritisieren kann man auch kleinere Kamerahänger bzw. die teils unglückliche Platzierung derselben in Actionszenen. Dieses Feature kann auf Wunsch aber deaktiviert werden. Zudem setzt das Spiel auf zu viele Wiederholungen bei Ereignissen und Maps. Auch die Grafik ist nicht der größte Pluspunkt des Games. Sie wirkt zwar stimmig, das Gegnerdesign ist gelungen und die Level sind atmosphärisch, doch insbesondere Nahaufnahmen von Gesichtern wirken altbacken und detailarm.

Für Käufer der PC-Variante wichtig zu wissen ist zudem, dass Windows XP nicht unterstützt wird und das Spiel über ein Steam-Konto aktiviert werden muss, anschließend aber auch offline gespielt werden kann.

Fazit: "XCOM: Enemy Unknown" bietet Rundentaktik auf höchstem Niveau. Ständig werden dem Spieler Entscheidungen abverlangt, deren Auswirkungen bis zum Ende spürbar sind. Die Soldaten wachsen dank Personalisierung und Levelaufstiegen ans Herz, die Aliens überraschen mit immer neuen Gegnertypen und gerissener KI. "XCOM"-Neulinge führt das Spiel sanft in die Mechaniken ein, auch wenn die Erklärungen zum Teil ausführlicher hätten ausfallen dürfen. Der Wiederspielwert ist hoch, schließlich können weitere Technologien erforscht, neue Waffen gebaut und andere Kampftaktiken ausprobiert werden. Trotz kleinerer Mängel ein bis zum Ende motivierendes Unterfangen, das mit dem "Nur noch fünf Minuten"-Suchtprinzip überzeugt.

Plattform: PC (getestet), Xbox 360, PS3
Publisher: 2K
krone.at-
Wertung: 9/10

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