Schauspielhaus Graz

Vampirin „Carmilla“ saugt sich selbst das Blut aus

Steiermark
07.04.2024 15:15

Diesen Text kann man nicht ernst nehmen: Sheridan La Fanus Novelle „Carmilla“ gilt als ein Ur-Text des Vampir-Genres. Trotzdem weigern sich Regisseurin Luise Voigt und ihr Team ihn am Grazer Schauspielhaus originalgetreu auf die Bühne zu bringen. Ihre „Carmilla“ ist eine schrille Satire, die letztlich jedoch scheitert.

Mit der Novelle „Carmilla“ aus dem Jahr 1872 hat der irische Autor Sheridan Le Fanu der Steiermark einen Platz in der Geschichte des Vampir-Mythos gesichert: Die unschuldige Laura (Anna Klimovitskaya), die darin den Avancen der Vampirin Carmilla (Annette Holzmann) verfällt und damit bei ihrem Vater (Sebastian Schindegger) und all den Männern, die sie umgeben, Panik auslöst, ist wie eine blutige Blaupause für das Genre. Seit Jahrzehnten wird nun schon darüber diskutiert, dass man an eben diesem Genre auch viel über den historischen Umgang mit sexuellen Minderheiten und weiblicher Lust ablesen kann: Hysterie, Verfolgung und Auslöschung – was jedem Vampir in der Literatur droht, das erlebten auch lustvolle Frauen und queere Menschen.

„Verschwörung gegen den Text“
Dieses Faktum macht die Regisseurin Luise Voigt mit ihrer „Carmilla“-Adaption am Grazer Schauspielhaus zum Thema. Obwohl man eigentlich gar nicht von einer Adaption sprechen kann, weil Voigt und ihr Team (das Stück wurde im Kollektiv mit dem Ensemble erarbeitet) die Vorlage nicht einmal im Ansatz ernst nehmen – nicht ganz ungerechtfertigt, möchte man sagen, handelt es sich bei „Carmilla“ doch um Trash-Literatur des 19. Jahrhunderts. Vielmehr inszeniert das Ensemble auf der Bühne eine „Verschwörung gegen den Text“, wie einer der Darsteller es im Stück formuliert.

Marielle Layher, Anna Klimovitskaya, Sarah Sophia Meyer auf der Couch (Bild: Lex Karelly)
Marielle Layher, Anna Klimovitskaya, Sarah Sophia Meyer auf der Couch

Wie sieht diese Verschwörung nun aus? Man nutzt alle Mittel der Überzeichnung, um die absurden Rollenklischees, die der Text zu bieten hat, maßlos comichaft ad absurdum zu führen: In Lack und Spitze (Bühne und Kostüm: Maria Strauch) treten die Figuren auf, sehen nicht nur aus wie einem Mix aus Porno und Sitcom entsprungen, sondern reden auch so. Dazwischen mischen sich noch volkskulturelle Anspielungen und Karaoke-Versionen von Pophits: Was anfänglich zum Brüllen komisch ist – etwa wenn Dominik Pohl als peitschen-schwingendes Domina-Kätzen den Reigen einleitet und später als Pfarrer wieder auftaucht –, lutscht sich jedoch schnell aus und schon bald kann man nur noch milde lächeln.

Die Inszenierung erklärt sich selbst
Viel schlimmer jedoch ist es, wenn die Inszenierung beginnt, die eigene Sichtweise auf den Text – die in der Überzeichnung ohnehin mehr als deutlich wird – auch noch zu verbalisieren. Immer wieder treten die Ensemblemitglieder aus ihren Rollen heraus, kommentieren in Einspielern die Handlung und weisen auf Gegenwartsbezüge (konservativer Backlash, erste Einschränkungen von Minderheitsrechten, etc.) hin.

Laura (Anna Klimovitskaya) und Carmilla (Annette Holzmann) (Bild: Lex Karelly)
Laura (Anna Klimovitskaya) und Carmilla (Annette Holzmann)

Nichts von dem Gesagtem ist falsch – ganz im Gegenteil ist es auch wichtig, all diesen Positionen eine Bühne zu geben. Doch dem Publikum bietet man in diesem satirisch-moralischen Kreuzfeuer eigentlich keine Anknüpfungspunkte mehr. So gut wie alles, was man sich zu den dargebrachten Problemen denken kann, wird an diesem Abend ausformuliert.

Und auch der intendierte Höhepunkt dieses Abends, eine sinnlich fesselnde  Traumsequenz (Video & Musik: Frederic Werth, Nicolas Haumann), in der man lustvoll eine Alternative zu gängigen Normen von Geschlecht und Sexualität heraufbeschwört, endet in einem schulmeisterhaften Vortrag, der den Zusehern erneut keinen eigenen Spielraum lässt. Damit wird diese Inszenierung letztlich selbst zum Vampir. Sie saugt dem Abend das gesamte Blut selbst aus.

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