22.06.2012 18:37 |

"Partys" als Grund

Kabul: Taliban verüben blutigen Anschlag auf Hotel

Bei einem Angriff radikalislamischer Taliban-Kämpfer auf ein bei Ausländern beliebtes Hotel nahe Kabul sind 23 Menschen getötet worden. Nach Angaben der NATO und der Polizei in Afghanistan stürmten mehrere bewaffnete Aufständische in der Nacht auf Freitag das Hotel "Spozmai" am Kargha-See und verschanzten sich dort mit Dutzenden von Geiseln. Die Belagerung konnte erst nach zwölfstündigen Kämpfen beendet werden.

Laut Polizei attackierten die Taliban-Kämpfer gegen 23.30 Uhr das Hotel, das rund zehn Kilometer von der Hauptstadt entfernt liegt. Mindestens einer der Angreifer habe eine Sprengstoffweste gezündet. Nach der Stürmung des Hotels hätten sich die Kämpfer mit den Gästen des Hotels im Inneren des Gebäudes verschanzt, wo gerade eine Hochzeit stattgefunden habe. Zwei Hubschrauber der NATO überflogen das Hotel.

Nach Darstellung der afghanischen Regierung konnten etwa acht Stunden nach Beginn des Angriffs bis zu 40 Geiseln in Sicherheit gebracht werden, darunter auch Frauen und Kinder. Nach vier weiteren Stunden war der Angriff dann beendet.

Unter den 23 Opfern seien zwölf Zivilisten, drei Wachleute des Hotels und ein Polizist sowie alle vier Attentäter, sagte Kabuls Polizeichef Ayoub Salangi.

ISAF: Haqqani-Netzwerk steckt hinter Angriff
Der Kommandeur der ISAF-Truppe in Afghanistan, John Allen, erklärte, der "unausgesprochen brutale" Angriff trage die Handschrift des islamistischen Haqqani-Netzwerkes. Das Netzwerk, das seine Verstecke in der unzugänglichen Grenzregion zu Pakistan hat, würde immer wieder "unschuldige Afghanen töten und dadurch die afghanische Souveränität angreifen".

Erst vor zwei Wochen hatte US-Verteidigungsminister Leon Panetta von der pakistanischen Regierung ein härteres Durchgreifen gegen die Verbündeten der Taliban verlangt und erklärt, dass das Ende der Geduld erreicht sei.

"Wilde Partys" als Grund für Anschlag
Die Taliban haben unterdessen die Verantwortung für den Anschlag übernommen. Ein Sprecher der Kämpfer erklärte, in dem Hotel würden ranghohe Mitarbeiter ausländischer Botschaften, ISAF-Vertreter und Mitarbeiter der Kabuler Verwaltungsbehörden "wilde Partys" mit Alkohol und Prostituierten feiern. Deshalb sei der Angriff verübt worden.

Es seien keine Ausländer im Hotel gewesen, sagte ein Afghane, der den Ort kurz vor dem Anschlag verlassen hatte. "Ich habe Familien gesehen, die sich amüsierten. Dort waren keine hohen Beamten oder Ausländer", sagte der Arzt aus Kabul, der seinen Namen nicht nennen wollte.

Ungewöhnliches Angriffsziel
Als Angriffsziel der Taliban ist das Hotel ungewöhnlich, da sie sonst eher ausländische und afghanische Soldaten sowie internationale Organisationen angreifen. Ein rein ziviles Ziel wie das Spozmai-Hotel sei noch nie zuvor angegriffen worden, sagt der Kabuler Politikwissenschaftler Wahid Massud. "Das ist ein abscheuliches Attentat, weil es ein Picknick-Platz war, wo Menschen zum Ausruhen hinkommen - kein militärisches Ziel", so Massud. "Wenn es überhaupt noch Sympathie für die Taliban in Kabul gibt, wird diese jetzt deutlich abnehmen."

"Ich war oft in diesem Hotel und dort sind immer Familien mit Frauen und Kindern", so Massud. Dass es dort Prostitution und wilde Partys mit Alkohol gebe, sei schwer zu glauben. "Diese Anschuldigen dienen nur dazu, die Attacke zu rechtfertigen." Mit dem Anschlag sollten die Hardliner der Taliban bestärkt werden, vermutet der Experte. "Sie wollen zeigen, dass sie zu jeder Zeit und überall angreifen können. Es ist eine Demonstration ihrer Stärke."

Beliebtes Ausflugsziel der afghanischen Elite
Der Kargha-See ist ein beliebtes Ausflugsziel in der Nähe von Kabul. Der See ist umgeben von Hotels, Restaurants und Hochzeitssälen. Das Spozmai-Hotel ist bei Ausländern und der afghanischen Elite angesagt - vor allem jeden Donnerstagabend, zum Beginn des Wochenendes in Afghanistan. In dem Hotel halten sich dann für gewöhnlich viele wohlhabende Familien aus Kabul auf. Einst gehörte das Anwesen mit zahlreichen kleinen Landhäusern der afghanischen Königsfamilie. Hotelgäste können im See schwimmen oder Boote mieten.

Hotels, Regierungsgebäude, Botschaften und Militärstützpunkte in Kabul sind regelmäßig Ziel von stundenlangen Kommando-Angriffen, obwohl die Hauptstadt der am strengsten bewachte Ort des Landes ist. Der Angriff auf das Spozmai-Hotels nährte die Befürchtungen, dass die Gewalt mit dem Abzug der internationalen Truppen bis Ende 2014 weiter zunehmen könnte.

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