Schneiders Brille

„Keins von euch soll jemals frieren“

Vorarlberg
24.09.2022 17:25

Angesichts des hereingebrochenen Herbstes erinnert sich „Krone“-Kolumnist Robert Schneider an eine Zeit, als perfekt aufgeschichtete Holzstöße noch eine Frage der Ehre waren. Es sind warme Erinnerungen an die eigene Kindheit. 

Als ich ein Kind war, schalt die Mutter: „Zieh Handschuhe an und eine Mütze über den Kopf, sonst erkältest du dich!“ Nach der ersten Straßenkurve flogen Mütze und Handschuhe schon in den Schulranzen. Heute wollen meine Buben gar nicht mehr raus, und ich muss gar nicht mahnen.

Mein Vater sagte immer: „Ich kann euch nicht viel bieten, aber frieren wird kein Kind.“ Der Klang der singenden Kreissägen landauf, landab, ist eine prägende Erinnerung für mich. Er bedeutete, dass der Herbst endgültig gekommen war. Dann begann mein Vater, Brennholz zu stapeln. Wir hatten einen Verschlag hinterm Haus, wo ein Scheit nach dem anderen wie mit dem Lineal gezogen aufgeschichtet war. Ein schöner Holzstoß war damals noch eine Frage der Ehre. Weil mein Vater, wie er dachte, uns Kindern nichts bieten konnte, außer eine warme Stube, kaufte er auch noch Kohle zu. Die schulterte er dann und trug sie in schweren Jutesäcken in den Keller. Ich erinnere mich, dass wir Kinder schwarz waren von oben bis unten, weil wir auf dem Kohlehaufen den Turmbau zu Babel spielten.

Mit Wärme ging mein Vater verschwenderisch um. Wärme, wie er sie verstand. Gewiss eine Erinnerung an die Kriegswinter in Russland. Der Kachelofen wurde nie kalt. Im Gegenteil: Mein Vater heizte so übermäßig in Küche und Stube, dass wir oft mit Schweißperlen auf der Stirn am Tisch saßen, während in unseren Schlafkammern die Eisblumen an der Innenseite der Fenster erblühten. Und nie ging der Ofen aus. Wenn wir Kinder das schnelle Frühstück hinunterschlangen, um noch den Bus zu schaffen, war es schon wohlig warm in der Küche. Nachts legte mein Vater nämlich immer vier abgezählte Kohlestücke in den Ofen. In die Kunst des Heizens ließ er sich nicht dreinreden. Da war er Fachmann.

„Keins von euch soll jemals frieren.“ Dieser Satz ist mir lebendig in Erinnerung geblieben. Und doch habe ich gefroren, weil meine Schwester sein Lieblingskind war, weil die Umarmung, dich ich ihm geben wollte, hilflos an seinen Armen abtropfte. Er konnte mir keine Zärtlichkeit schenken, jene andere Wärme, die ich meine. Ich verurteile ihn deshalb nicht. Keinesfalls. Es war eine andere Generation. Eine ganz andere. Liebe ging durch den Kachelofen, war am schönsten Holzstoß des Dorfs zu ersehen, am stets gefüllten Kohlenlager.

Robert Schneider
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