In einer britischen Talkshow-Sendung wurde KT Tunstall als Aushilfsmusikerin weltberühmt - und fiel nach ein paar Erfolgsjahren wieder auf ein normales Level zurück. Dieser Tage hat sie ein mehrjähriges Monsterprojekt einer Albumtrilogie fertiggestellt und ist mit sich und der Welt im Reinen. Ein Gespräch über spontanen Ruhm, das Dreigestirn des Lebens und die heilende Kraft von Kreativität in harten Lebensphasen.
Es gab einmal eine kurze Zeitspanne in den 2000er-Jahren, da gehörte der Schottin KT Tunstall gefühlt die ganze Welt. Jahrelang verdingte sich die meinungsstarke und sympathische Sängerin und Vollblutmusikern, die sich schon im zarten Alter von vier Jahren erste Fertigkeiten am Klavier erwarb, in diversen Indie-Bands und schummrigen Pubs zwischen Inverness und Lockerbie, aber eine glückliche Fügung bescherte ihr 2004 recht späten Ruhm. Der New Yorker Rapper Nas sagte seine Teilnahme bei der britischen Unterhaltungsshow „Later With Jools Holland“ kurzfristig ab und die weithin unbekannte KT (steht natürlich für Katie) hatte genau 24 Stunden Zeit, um spontan einzuspringen. Eine Gitarre, ein Loop-Pedal, ein Tambourin und knapp drei Minuten später sprach halb Europa von ihr - und der Song „Black Horse And The Cherry Tree“ schoss durch die Decke.
Direkt in die Stratosphäre
„Jools ist im Prinzip für meine ganze Karriere verantwortlich“, erzählte sie uns eine knappe Woche vor dem ersten Corona-Lockdown, als sie mit ihrem Mentor eine famose Show im Wiener Porgy & Bess ablieferte, „jeder Musiker träumt von so einem Moment, in dem man aus dem Nichts in die Stratosphäre katapultiert wird. So viele Künstler sind in seiner Show aufgetreten, die dieses Glück nicht hatten. Andere haben sehr gute Promotion, aber bei mir hat der Auftritt wortwörtlich mein Leben verändert.“ Mit dem ebenfalls auf dem Debütalbum „Eye To The Telescope“ vorhandenen „Suddenly I See“ schob Tunstall einen noch größeren Hit direkt nach, was für einige Jahre ausverkaufte Konzerthallen, zahlreiche Awards, hohe Verkaufszahlen und respektable Charterfolge bedeutete. Danach folgten gesundheitliche Probleme, ein unglücklich vom Zaun gebrochener und medial aufgebauschter Streit mit Kollegin Dido und der bittere Rückschritt in die Normalität.
Doch KT ließ sich weder vom Hype der frühen Tage, noch von der Rückkehr auf eine gemäßigtere Schiene aus der Ruhe bringen. Ihr 2013 erschienenes Konzeptwerk „Invisible Empire // Crescent Moon“ sieht sie noch heute als ihr Opus Magnum. „Damals durchlebte ich eine unheimlich emotionale Zeit. Mein Vater starb, meine Ehe wurde geschieden, ich habe all meinen Besitz verkauft und bin quasi in der Mitte des Albumprozesses auf einen anderen Kontinent übersiedelt. Mein ganzes Leben hat sich verändert und das hört man dem Album an. Ich bin irrsinnig stolz auf meine Performance und auf die Gesangsleistung und muss zugeben, dass ich dieses Qualitätslevel so nie wieder erreicht habe.“
Epische Trilogie
Nach dem Umzug von Edinburgh in die Musikmetropole Los Angeles konzentrierte sie sich auf Soundtrack-Beiträge und ließ erstmals die Idee einer Albumtrilogie in ihrem Kopf reifen. Animiert von der kalifornischen Sonne und vielen musikalischen Einflüssen verarbeitete sie die temporären Lebenstragödien und entwickelte einen Album-Zyklus, der dieser Tage sein Ende fand. „Kin“ (2016) steht für die Seele, „Wax“ (2018) für den Körper und das taufrische „Nut“ für den Geist. Das Dreigespann des Lebens, freilich nicht ganz ohne esoterischen Chic versetzt. „Das Projekt ist schon so langfristig, dass ich mich jedem einzelnen Teil so eng verbunden fühle, als wäre es von den anderen entkoppelt. So eine Arbeitsweise bringt dich aus dem üblichen Hamsterrad aus Album schreiben, Interviews, Tour und wieder zurück. Es hat mich motiviert, mich in dunklen Tagen hochgehoben und mir neuen Sinn im Leben verschafft.“
Fast vier Jahre hat sie an „Nut“ geschraubt, die Wirren der Pandemie waren mitunter für die lange Verzögerung verantwortlich. Dass das Album dann auch noch einen Tag nach dem Tod der Queen veröffentlicht wurde und somit in Großbritannien quasi nicht existierte, ist die Bitterkirsche am Kuchen voller Pech. Ursprünglich wollte Tunstall afrikanische Klänge stärker zentrieren, hat dann am fertigen Endprodukt aber doch etwas Abstand davon genommen. Die von ihr hochgeschätzte 90er-Jahre-Tanzmusik von Whigfield, DJ Shadow und den Chemical Brothers hört man dafür sehr gut heraus. „Ich bin ein großer Fan von meditativen Wiederholungen. Ich habe mich sehr stark mit unserem Gehirn und seiner Wirkung auseinandergesetzt. Der Song ,Three‘ etwa spielt auf drei verschiedene Antwortmöglichkeiten zu einer schwierigen Situation an. Wenn man Seele, Körper und Geist heranzieht, befindet man sich im Leben meist in der Mitte dieses Triumvirats. Man trifft alle Entscheidungen in diesem Dreieck - sein ganzes Leben lang.“
Noch viel vor
Trotz der langen Arbeitszeit und detailliert nuancierten Herangehensweise ist das neue Werk von Tunstall streckenweise sehr durchschnittlich geraten. Die besten Momente sind ganz am Anfang („Out Of Touch“) oder in den ruhig-balladesken Momenten („All The Time“) zu finden, Songs wie „I Am The Pilot“ oder „Demigod“ flattern aber relativ ereignislos durch die Gehörgänge. Tunstall ist mit sich, der Karriere und ihrer Musik aber längst im Reinen. In Los Angeles hat sie ihr eigenes Studio eingerichtet und spart sich dadurch mühsame Produktionswege. Ideen für weitere Projekte wachsen bereits heran. „Ich würde gerne Akustikversionen von Songs aus meinem Backkatalog einspielen. Einfach alles simplifizieren. Als Dance-Musik-Fan kann ich mir auch Trance-Versionen vorstellen. Dazu liebe ich das Reisen, fast mehr als die Musik. Aus diesen beiden Polen ergibt sich künftig hoffentlich noch sehr viel.“









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