15.01.2022 13:45 |

Projekt in Graz

Menschen mit Behinderung als Forscher ihres Lebens

Wie können Menschen mit Behinderungen ein selbstbestimmteres Leben führen? Um das zu beantworten, bezieht die Lebenshilfe in Graz auch Menschen mit Lernschwächen in die Forschung ein. Davon profitieren wir alle.

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„Ich bin ein Forscher“, sagt Christian Fast stolz. Das Ungewöhnliche an diesem Satz: Es gibt in Österreich nicht viele Menschen mit Lernbeeinträchtigungen wie ihn, die das von sich behaupten können. Das „Forschungsbüro Menschenrechte“ der Lebenshilfe in Graz ist die wohl erste und einzige derartige Einrichtung. „Es geht darum, nicht nur über Menschen mit Behinderung zu reden, sondern mit ihnen. Sie sollen ihr Leben und die Gesellschaft aktiv mitgestalten können“, sagt Kurt Feldhofer, der das 2016 gegründete Büro leitet.

Gesellschaft aktiv mitgestalten
Sechs Menschen mit und vier ohne Behinderungen erforschen hier gemeinsam, wie sich das Leben selbstbestimmter gestalten lässt.

Aktuell hat man eine Studie zur Digitalisierung erarbeitet: „Wir haben herausgefunden, dass nur die Hälfte der Menschen mit Behinderung Zugang zum Internet hat.“ Das Problem kennt auch Fast: „Früher hatte ich kein Smartphone, weil ich geglaubt habe, das ist eh nur etwas für Menschen ohne Behinderungen. Jetzt habe ich mir ein Smartphone geholt und endlich mehr Kontakt zu meinen Cousins.“

Auch eine Studie zum barrierefreien Wählen wurde erarbeitet: „Viele Wahlkabinen sind nicht rollstuhlgerecht und bieten nicht genug Platz für mich und eine Vertrauensperson, damit das Wahlgeheimnis eingehalten werden kann“, berichtet Isabella Neumeister. „Und die Parteien müssen eine einfachere Sprache verwenden, damit wir alle ihre Ideen verstehen können“, so Fast.

Die Ergebnisse der Projekte wurden auch Politikern und Bildungsexperten präsentiert: „Da wurde einiges ins Laufen gebracht, und die Bereitschaft etwas zu ändern ist groß. Unsere Erkenntnisse betreffen ja nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern auch ältere Personen oder Mitbürger, die nicht so gut Deutsch können“, sagt Feldhofer.

Bus, Bahn und Bim sollen inklusiver werden
Ähnliches hat die Lebenshilfe in einem anderen Projekt auch in Bezug auf den Umstieg auf Öffis herausgefunden: „Barrierefreiheit bedeutet ja nicht nur, Rampen zu bauen“, sagt Geschäftsführerin Susanne Maurer-Aldrian. So sind etwa, von den Fahrplänen angefangen, viele Bereiche des öffentlichen Verkehrs noch immer nicht verständlich genug gestaltet.

Das Projekt mit Experten soll da nun neue Erkenntnisse und eine Verbesserung bringen: „Es ist nicht nur nachhaltiger, wenn unsere Kunden mit Bus, Bim oder Bahn in die Arbeit kommen, sondern macht sie unabhängiger“, betont Maurer-Aldrian.

„Selbstständig sein, wie andere Erwachsene auch“
Das kann Christian Wölkart bestätigen, er arbeitet in einer Lebenshilfe-Werkstatt in Gratkorn: „Ich bin autistisch, aber ich möchte selbstständig sein, wie andere Erwachsene“, sagt er.

Es war für ihn eine große Umstellung, jeden Tag in einen öffentlichen Bus zu steigen und sich mit Fremden zu konfrontieren: „Aber jetzt geht das, und ich bleib cool. Ich bin stolz auf mich, dass ich das geschafft habe.“

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