24.11.2021 15:00 |

Nach Bombenfund

„In Tiroler Erde liegen noch viele Blindgänger“

Eine 125-Kilo-Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg sorgte Montagabend in Hall in Tirol für die Evakuierung von 180 Personen. In ersten Meldungen war von einer 250-Kilo-Bombe die Rede gewesen. „Durch rege Bautätigkeit bleibt die Zahl der Funde konstant hoch“, sagt Entminungsdienst-Chef Wolfgang Körner. Die Zahl der ungeborgenen Relikte sei reine Spekulation.

16. Februar 1945: Das Dritte Reich zerbröckelt bereits an allen Fronten, als etwa 120 US-Bomber den Haller Bahnhof angreifen. Doch nicht nur die dortigen Gebäude und Geleise werden schwer getroffen, auch umliegende Wohnhäuser. Das schreckliche Fazit: 73 Tote, 861 Obdachlose, 41 Gebäude zerstört, 143 beschädigt.

Ob der aktuelle Bombenfund eine Altlast dieses schlimmsten oder eines anderen Angriffs war, wird nie zu klären sein. Fest steht: Der Fundort nahe den Röhrenwerken und einer Hofer-Filiale entspricht dem damaligen Zielgebiet. „Insgesamt wurden auf Nord- und Südtirol rund 25.000 Tonnen Bomben abgeworfen, es ist von zehn Prozent Blindgängern auszugehen“, weiß Historiker und Buchautor Thomas Albrich („Im Bombenkrieg – Tirol und Vorarlberg 1943 bis 1945“).

Wo unterbringen und sind Covid-Infizierte darunter?
Beim Einsatz am Montag ab 17 Uhr mussten 180 Personen den Supermarkt, Wohnhäuser und ein Medizinzentrum verlassen. „Zu klären war zunächst, wo wir die Leute unterbringen und ob Corona-Infizierte darunter sind“, so Rotkreuz-Einsatzleiter Philipp Karr. Der Abgleich von Meldedaten mit Covid-Bescheiden der BH ergab diesbezüglich Entwarnung.

Feuerwehrleute gingen dann von Tür zu Tür, um Anrainer zu evakuieren. „Letztlich mussten nur 15 Personen die Notunterkunft im Kurhaus in Anspruch nehmen. Sie wurden mit einem Polizeibus dorthin gebracht“, sagt Karr. Alle anderen kamen privat unter – bis zur Meldung „Bombe entschärft“ um 21.15 Uhr.

Entminungsdienst-Chef erklärt das Vorgehen
Gegenüber der „Krone“ schildert Entminungsdienst-Chef Körner den Ablauf im Normalfall im Detail:

  • Bombenfund und erste Festlegung der Sperrzone durch die Polizei. Meistens werden „sprengstoffkundige Organe“ (SKO) hinzugezogen, das sind speziell geschulte Beamte.
  • Evakuierung: „100 Meter rundherum sind es immer. Das hängt auch von der Tiefe ab, in der die Bombe liegt. Je tiefer im Loch, desto weniger gefährlich ist es.“
  • Entschärfung: „Die US-Bomben haben in der Regel einen Kopf- und einen Heckzünder. Wir nutzen zum Herausdrehen eine herkömmliche Rohrzange, das dauert meistens nicht länger als zehn bis 15 Minuten.“ Zuvor wird oft noch der Rost abgeklopft. „Das mag gefährlich klingen, von mechanischen Erschütterungen geht aber keine Gefahr aus.“
  • Vernichtung: Die Relikte werden gesammelt und mehrere gemeinsam auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig (NÖ) gesprengt.

Im Jahr 2020 wurde der Entminungsdienst 48-mal nach Tirol gerufen. Heuer sorgten neben dem Fund in Hall zwei weitere Fliegerbomben für Einsätze – im Februar am Bahnhofsgelände in Lienz und im September am Innsbrucker Südring. Bundesweit barg der Entminungsdienst im Vorjahr insgesamt 35,3 Tonnen Kriegsmaterial.

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