23.09.2021 08:15 |

Plakat-Analyse

Das steckt hinter den Grazer Wahlversprechen

Seit Wochen sind sie aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken: die Wahlplakate. Aber sind ihre Botschaften auch authentisch - oder bloß leere Worthülsen? Eine Analyse aus Sicht der Wissenschaft.

Die einen sehnen bereits den 27. September herbei, wenn die ersten Plakatständer eingesammelt werden, die anderen brauchen jetzt noch den speziellen optischen „Kick“, wenn „ihr“ Spitzenkandidat von fast jeder Hausecke der Landeshauptstadt lächelt.

Egal welcher „Werbetyp“ im Auto sitzt oder entlang der Grazer Straßen flaniert - die Wahl lässt niemanden kalt. Augen schließen und verdrängen, das spielt’s bei dieser Menge an Politiker-Bildern einfach nicht... Aber mit welchem Blick betrachtet das geschulte Auge eines Politikwissenschafters die Werbeflut auf den öffentlichen Flächen? Kommt die propagierte Botschaft bei den Wählern an? Stimmt die Bild-Text-Sprache oder bräuchten die PR-Strategen noch Nachhilfeunterricht? Wir haben Wahlforscher Heinz P. Wassermann, der an der FH Graz Joanneum lehrt, dazu befragt.

ÖVP
In der ersten Plakatwelle affichierten die Schwarzen Fotos von Senioren und Kindern, in der zweiten Tranche füllt nur Bürgermeister Siegfried Nagl die Plakatfläche aus. „Das erinnert mich an Wolfgang Schüssels Slogan ,Wer, wenn nicht er’ im Jahr 2002“, sagt Wassermann. Warum? Die Wahlmotiv-Forschung zeige: Es werde primär die Person Nagl gewählt, weniger die Partei. „Daher wäre es völlig verrückt, die starke Marke Nagl nicht in den Fokus der ÖVP-Kampagne zu stellen!“

KPÖ
Hier gibt es zweierlei Schwerpunktsetzungen: die volle Konzentration auf die beliebte Spitzenkandidatin Elke Kahr, aber auch auf politische Themen. „Auffällig sind doppelte Botschaften. Eine negative Tönung steht im Zentrum der KPÖ-Plakate, darunter folgt die positive Auflösung.“ Also zum Beispiel: „Lebensraum vor Investorentraum. Freiräume erhalten.“

FPÖ
Was dem Politikwissenschafter bei der freiheitlichen Wahlwerbung sofort ins Auge springt: „Es gibt nur ein Plakat, wo Vizebürgermeister Mario Eustacchio selbst abgebildet ist - das ist die geringste Personalisierung von allen Parteien!“ Und es gebe, so Wassermann, weitere gravierende Unterschiede zu den anderen. Nämlich ausschließlich „negative Tönungen à la ,Freiheit ohne Zwang‘ oder die Botschaft auf dem unsäglichen Plakat“ (siehe rechts, Anm.). Dazu sei ein anderes zum Thema Umweltschutz affichiert - „das verstehe ich von der Logik her nicht wirklich“.

Grüne
Grüne und ÖVP haben in der Murmetropole etwas gemeinsam, zumindest bei der Werbestrategie. Judith Schwentner, die grüne Nummer eins, ist auch die „Frontfrau“ auf sämtlichen Werbesujets. „Das hängt klar damit zusammen, dass sie Bürgermeisterin werden will“, analysiert der Wahlforscher. Eigentlich mutig, denn der Bekanntheitsgrad der Politikerin sei durchaus ausbaufähig.

SPÖ
„Einer von uns. Michael Ehmann“, plakatiert die SPÖ in Graz. „Stimmig“, meint Wassermann. „Wir haben hier wieder eine starke Personalisierung - und bei vier von fünf Sujets sind Menschen mit am Bild.“ Das passe gut zur Kampagne.

Neos
Auch die Neos setzen ganz auf ihren Spitzenkandidaten Philipp Pointner. „Nicht unriskant“, kommentiert der Wissenschafter. Angesprochen sollen sich vor allem die bisherigen ÖVP-Wähler fühlen. Den „Nigel-nagel-neu“ wollen die Pinken für sie sein...

Jörg Schwaiger
Jörg Schwaiger
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